Die Stellungnahme war kurz: „EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds teilen das gemeinsame Ziel, Griechenland dabei zu unterstützen, finanzielle Stabilität und Wachstum zu erreichen“, teilten die Institutionen vergangenen Mittwoch mit. Alle drei Institutionen arbeiteten hart, um beim Eurogruppen-Treffen am heutigen Montag „konkrete Fortschritte zu erreichen.“

Anlass dieser Demonstration der Einigkeit waren Medien-Berichte, nach denen sich Kommission, EZB und IWF keineswegs einig sind. Der IWF fordere einen Schuldenschnitt, die anderen seien dagegen. Das wäre nicht erstaunlich. Bereits vor fünf Jahren, als die Griechenland-Krise ausbrach, favorisierten IWF-Vertreter einen Schuldenschnitt als Vorbedingung für Kredite. Doch er wurde nicht gewährt. Mit Folgen: „Unter Ökonomen herrscht heute weitgehend Einigkeit, dass Griechenlands Schulden viel früher hätten restrukturiert werden müssen“, so der US-Journalist Paul Blustein. Stattdessen aber wurden die Gläubiger Athens – die Banken – gerettet und „die Interessen der griechischen Bevölkerung wohl geopfert“.

In einer Studie für das kanadische Institut CIGI zeichnet Blustein die Serie von offiziellen und geheimen Treffen zwischen März und Mai 2010 nach, die vor genau fünf Jahren zum ersten Kreditpaket für Athen führten – ein Paket, mit dem jede Partei ihre eigenen Ziele verfolgte und das den Boden für Griechenlands Krise bereitete, die bis heute anhält.

11.2.2010, Brüssel: Sondergipfel gegen die Krise

Die EU-Regierungschefs treffen sich zum Sondergipfel in Brüssel. Seit Wochen steht Griechenland unter dem Druck der Finanzmärkte. Seine Schulden haben 120 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Die Anleger verlangen immer höhere Zinsen von Athen. Damit steht das Land vor der Zahlungsunfähigkeit. Befürchtet wird, dass eine Pleite einen „Lehman-Moment“ auslösen könnte - also einen Absturz der Finanzmärkte wie der nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008. Das könnte die Stabilität der gesamten Euro-Zone gefährden. Das bringt die EU in ein Dilemma, da laut geltenden Verträgen die Länder untereinander nicht helfen dürfen.

Die EU-Staaten einigen sich daher in Brüssel zunächst grundsätzlich darauf, Griechenland Unterstützung zu geben. Konkrete Finanzhilfe wird aber noch verweigert und stattdessen Athen zur Einhaltung von „ambitionierten“ Sparzielen gedrängt. EU-Kommission und EZB sollen die Anstrengungen streng überwachen. Noch am 24. März 2010 betont Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, Hilfen für Griechenland seien „das falsche Signal“.

25.3.2010, Brüssel: Kreditpaket beschlossen

Die griechische Krise verschärft sich und droht auf andere Euro-Länder überzugreifen. Die EU einigt sich daher in Brüssel auf Kredite für Griechenland, mit denen es seinen Schuldendienst bei den Banken weiter leisten kann. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fordert, die EU solle eine große Summe anbieten, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Doch die deutsche Bundesregierung setzt sich durch: Athen erhält nur eine kleineres Paket – rund 20 Milliarden Euro – und das auch nur im absoluten Notfall und unter der Bedingung, dass die griechische Krise die Stabilität der Euro-Zone gefährdet.

Zudem wird auf deutschen Wunsch der IWF mit ins Boot geholt. Lange hatten sich Teile der EZB und der französischen Regierung dagegen gewehrt, um den Eindruck zu vermeiden, Europa könne seine Probleme nicht allein lösen. Doch die Bundesregierung besteht auf die Beteiligung des IWF, da er Erfahrung mit überschuldeten Ländern hat. Zudem gilt der IWF – anders als die EU-Kommission – als politisch neutral und kann hart gegenüber der Regierung in Athen auftreten.

20.4.2010, Athen: Troika erstmals in Athen

Die berüchtigte Troika trifft sich erstmals in Athen: Der Däne Poul Thomsen vertritt den IWF, die EU-Kommission schickt den belgischen Ökonomen Servaas Deroose, die EZB den Deutschen Klaus Masuch. Die Troika soll der griechischen Regierung Spar- und Reformvorgaben machen und ihre Einhaltung überwachen. Der IWF befindet sich dabei in einer ungewöhnlichen Situation: Normalerweise kann er einem Krisenland die Politik vorschreiben. Insbesondere sagt er der Zentralbank des Landes, was sie zu tun hat. In Athen jedoch sitzt Thomsen Seite an Seite mit der EZB und anderen Kreditgebern, die ihre eigenen Vorstellungen haben. So plädieren sie für härtere Sparauflagen für Athen als der IWF. Doch nach außen wahrt die Troika ihre Einheit, bis heute.

Der IWF akzeptiert seinen Junior-Status aus Eigeninteresse: Zwischen 2003 und 2008 lief die Weltwirtschaft rund, dem Fonds gingen die Krisenfälle aus, und in den USA wurden Stimmen laut, ihn abzuschaffen. Die Griechenland-Kredite sind für den IWF eine Gelegenheit, seine Bedeutung zu zeigen. Hier außen vor zu bleiben, wäre für den Fonds „tödlich“ gewesen, gestand IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn dem US-Journalisten Blustein.

24.4.2010, Washington: Kein Schuldenschnitt

Der griechische Finanzminister Giorgos Papaconstantinou fliegt nach Washington und trifft die Männer, die das Schicksal seines Landes in den Händen halten: IWF-Chef Strauss-Kahn, EZB-Chef Jean-Claude Trichet und EU-Währungskommissar Olli Rehn. Sie betonen, dass Athen unterstützt werden soll. Gleichzeitig wird klargestellt: Ein Schuldenschnitt ist ausgeschlossen. Zwar gibt es innerhalb des IWF laute Stimmen, die die Schulden Griechenlands für zu hoch und eine vorherige Absenkung für nötig halten. Doch insbesondere Trichet wehrt ab.

Befürchtet wird, dass die Finanzanleger durch einen Forderungsverzicht das Vertrauen nicht nur in die Kreditwürdigkeit Athens, sondern der ganzen Euro-Zone verlieren. Ein Grund dafür ist, dass unter den großen Gläubigern Athens viele Banken der Euro-Zone sind – französische Institute haben 60 Milliarden Euro im Feuer, deutsche 35 Milliarden. Im Jahr 2013 hält ein IWF-Papier fest: „Eine Schuldenrestrukturierung wäre besser für Griechenland gewesen, war aber für die Euro-Partner nicht akzeptabel.“

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie ein Treffen in Washington die Griechenland-Krise beeinflusste ++