Berlin - Alona Andriichuk aus der Ukraine schaut sich im Foyer der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Berlin um. Dort sucht ein Berliner Bäcker nach neuen Verkäufern, eine Drohnenfirma hält Ausschau nach Ingenieuren, an einem anderen Stand informieren Mitarbeiter über den Beruf des Erziehers. Im Mai ist Alona Andriichuk aus der südukrainischen Stadt Melitopol mit ihrem Sohn nach Berlin geflüchtet - nun will sie eine Arbeit finden. Wie viele andere ist die 38-Jährige deshalb zu einer Jobmesse der IHK und der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit für ukrainische Flüchtlinge gekommen.

Veranstaltungen wie diese zeigen: Die Geflüchteten sind auf dem Berliner Arbeitsmarkt gefragt. Offen bleibt, wie gut die Integration gelingt. Rund 60 Unternehmen etwa aus dem Einzelhandel, der Gastronomie- oder IT-Branche hatten sich für die Veranstaltung am Donnerstag angemeldet. Eine Reihe von Firmen habe man auf die Warteliste setzen müssen. Mehr als 1000 Besucher seien gekommen, darunter vor allem Frauen, sagt eine IHK-Sprecherin. „Das ist in unseren Augen ein voller Erfolg“. Die Resonanz auf die Jobmesse zeige, dass es großes Interesse gebe.

„Wir hatten den Eindruck, dass es nicht nur um erste Informationen ging, sondern um die konkrete Jobsuche“, erklärt die Sprecherin. Wie viele der mehr als 60.000 registrierten ukrainischen Flüchtlinge in Berlin bereits eine Arbeit gefunden haben, ist laut Angaben der IHK und der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit aber noch unklar.

„Die Daten kommen jetzt nach und nach“, sagt ein Sprecher der Regionaldirektion. Viele der Ankommenden hätten zunächst andere Themen wie ihre Flucht oder die Suche nach einer Wohnung im Kopf gehabt. Bei der Suche nach einem Job spielten außerdem die Sprachkenntnisse, die Berufsanerkennung oder auch die Frage nach der Kinderbetreuung eine Rolle. Zudem sei völlig unklar, wie viele Geflüchtete langfristig überhaupt in Berlin und Deutschland bleiben oder in die Ukraine zurückkehren wollen.

Der Bedarf nach neuen Fachkräften sei jedenfalls vorhanden, sagt die IHK-Sprecherin. Die Firmen auf der Jobmesse haben demnach schätzungsweise rund 2500 bis 3000 unbesetzte Jobs oder auch Praktika und duale Ausbildungen im Angebot. Ein Fachkräftemangel sei vor allem im gewerblich-technischen Bereich, in der Gastronomie und im Einzelhandel spürbar, ziehe sich aber generell „quer durch alle Branchen“. Laut Angaben der Regionaldirektion wurden im Land Berlin im Mai 21 818 freie Arbeitsstellen gemeldet.

In ihrer Heimatstadt Melitopol, die von russischen Truppen besetzt wird, hat Alona Andriichuk als Buchhalterin gearbeitet. Nun möchte sie mit ihrem 14-jährigen Sohn in Berlin bleiben und eine Ausbildung zur Krankenschwester oder Pflegerin machen. Eine Herausforderung bei der Suche sei für sie die Sprache: Es sei schwierig, eine Arbeit zu finden, wenn man kaum Deutsch spricht, sagt die 38-Jährige.

Rund die Hälfte der Firmen auf der Messe bietet laut IHK-Angaben auch Jobs auf Englisch an. Wie zum Beispiel das deutsche Unternehmen Germandrones, das Drohnen entwickelt. Dort hat Tetiana Kondratenko aus der Ukraine eine Arbeit im Produktverkauf gefunden, nachdem sie im März aus Kiew nach Berlin geflüchtet war. „Mein Hauptanliegen war, irgendwo eine Arbeit zu finden“, erzählt die 29-Jährige.

Schon während ihrer Flucht habe Kondratenko nach passenden Jobs geschaut und Bewerbungen verschickt. Über einen Verband kam der Kontakt zu der deutschen Firma zustande. Nun möchte sie für ein Jahr in Berlin bleiben und hier arbeiten, kommuniziert werde in ihrem Beruf auf Englisch. In anderen Unternehmen wie zum Beispiel bei der Deutschen Bahn (DB) können Flüchtlinge an einem Sprachkurs teilnehmen, wenn sie dort arbeiten. Gut zwei Dutzend Geflüchtete aus der Ukraine hat der Konzern laut Angaben einer DB-Sprecherin bereits angestellt, darunter etwa Busfahrer, Ingenieure und technische Fachkräfte.

Auch Alona Andriichuk will in Berlin einen Sprachkurs machen, um Deutsch zu lernen und sich die Jobsuche zu erleichtern. Denn in ihre Heimatstadt will sie erst mal nicht zurückkehren: „Ich habe den Wunsch, hierzubleiben. Ich habe keine Zukunft in der Ukraine.“