Der neue Elektroroller von Unu.
Foto:  Unu

BerlinPascal Blum spricht ruhig und konzentriert. Viele Worte macht der 31-Jährige nicht. Eher zu wenig,  was sehr ungewöhnlich ist in der Berliner Start-up-Szene. Dabei gibt es einiges zu erzählen. Schließlich sollte das Jahr 2020 ein ganz besonderes werden in der Firmengeschichte des Elektroroller-Herstellers Unu. Im Frühjahr wollte man durchstarten mit einem völlig neuen Scooter-Modell. Über zwei Jahre hatten sie am Tempelhofer Ufer darauf hingearbeitet. Dann kam Corona und warf die Pläne über den Haufen. „Wir haben das Beste draus gemacht“, sagt der Unu-Chef.

Pascal Blum bei Unu am Tempelhofer Ufer.
Foto:  Unu

Blum hat die Firma Unu 2013 zusammen mit zwei Freunden in München gegründet. Sie wollten dem Elektroroller in Deutschland zum Durchbruch verhelfen. Innenstädte sollten sauberer, leiser und lebenswerter werden. Dafür wollten sie den Zwei- und Viertakt-Scootern den Kampf ansagen. Zwei Jahre später wechselten sie mit dem Unternehmen nach Berlin, weil sie sich hier die besseren Startpositionen erhofften. Inzwischen haben sie für ihre Vision bei Investoren insgesamt 24 Millionen Euro eingesammelt und bislang rund 12.000 Strom-Scooter verkauft.

Das neue Modell sollte im April auf den Markt kommen. Es wurde von Unu entwickelt und gestaltet. Ein Zweisitzer mit Bosch-Motor, knapp 50 km/h schnell, per App zu starten und mit anderen zu teilen. Für die Produktion in China hatte Unu auch den Auftragsfertiger gewechselt. Das Unternehmen Flextronics, das beispielsweise auch für Apple, Tesla oder Dyson fertigt, sollte Qualität garantieren. Tatsächlich war die Produktion dort zu Jahresbeginn angelaufen. Doch wegen der Corona-Pandemie wurden aus der zweiwöchigen Produktionspause während des chinesischen Neujahrsfests drei lange Monate. Dann waren Lieferketten immer wieder gestört. „Wir konnte nicht planen, nur reagieren“, sagt Blum.

Inzwischen sind die ersten Fahrzeuge in Deutschland angekommen, und der größte Teil der mehr als hundert Unu-Mitarbeiter in Tempelhof ist aus der Kurzarbeit zurück. In einer Lagerhalle bei Frankfurt am Main werden die Roller derzeit für die Auslieferung vorbereitet. Ab Oktober sollen sie auf die Straßen kommen. Blum ist mit der Nachfrage zufrieden. Etwa 13.000 Interessenten hätten sich für Probefahrten angemeldet, viele schon fest vorbestellt. Mit konkreten Zahlen belegt der Unu-Chef dies aber nicht, verortet die Zahl der Vorbestellungen nur weitgehend aussagelos im „vierstelligen“ Bereich.

Den Unu-Scooter ...

… gibt es in drei Versionen mit einem zwei, drei und vier Watt starken Elektromotor. Der Roller ist für zwei Personen zugelassen und hat einen großen Stauraum. 45 km/h sind möglich. Die Reichweite beträgt 50 Kilometer, kann aber mit einer weiteren herausnehmbaren Batterie verdoppelt werden. Der Zusatz-Akku kostet 790 Euro extra. Der Einstiegspreis des Scooters liegt bei 2799 Euro.

In jedem Fall will sich Unu nun ganz auf das Kundengeschäft konzentrieren und dem modernen Großstädter das korrekte Fortbewegungsmittel zum Ökostromvertrag bieten. Den noch zu Jahresbeginn geplanten Einstieg ins Sharing-Geschäft hat das Unternehmen verschoben. 400 Scooter wollte Unu an einen Rotterdamer Verleiher liefern. Nun soll jeder Roller direkt verkauft werden.

Für Blum kommt das neue Modell jetzt genau richtig, „um zu verhindern, dass aus Angst vor geteilter Mobilität wieder alle ins Auto steigen“, wie er sagt. Tatsächlich versteht der Unu-Chef Corona nun sogar als Chance. Denn mit der Pandemie hat sich der Markt verändert. Blum setzt nun auf Leute, die den ÖPNV meiden, ein eigenes Auto als Alternative aber ablehnen, Sharing-Dienste für zu teuer halten, aber dennoch größere Distanzen als mit dem Fahrrad zurücklegen wollen. Insbesondere bei 20- bis 40-Jährigen hofft Blum, mit einer monatlichen Leasingrate von 69 Euro gegen den potenziellen Kauf eines Gebrauchtwagens oder notfalls auch gegen eine Monatskarte der BVG gewinnen zu können.

In Deutschland sieht sich Unu selbst mittlerweile als Marktführer und will diese Position ausbauen. Zudem wollen die Tempelhofer mit ihren Strom-Scootern auch die Metropolen in Österreich, Frankreich und den Niederlanden erobern.  Dafür hat man sich Verstärkung geholt. Gerade erst heuerte der frühere Europa-Chef von Car2go bei Unu an, der später für Volkswagen den E-Auto-Verleih WeShare mit aufbaute. Nun soll Thomas Beermann das Europa-Geschäft von Unu entwickeln.

Entsprechend soll die Produktion hochgefahren werden. Aktuell werden die Unu-Roller im südchinesischen Zhuhai auf drei Produktionsstraßen gefertigt. Laut Blum kann damit gerade so die aktuelle Nachfrage bedient werden. Daher sollen im nächsten Jahr eine vierte und fünfte Fertigungslinie in Betrieb genommen werden. Verkaufserwartungen beziffert Blum dennoch nicht.  Für ihn ist jeder verkaufte Roller im Idealfall ein Auto weniger auf den Straßen. Um die Verkehrswende gehe es. „Aktuell steht Wachstum nicht über allen Zielen“, sagt Unu-Gründer Blum. Auch das ist ungewöhnlich in der Start-up-Szene.

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