Die meistpublizierte Bürofassade Deutschlands: das Wirecard-Gebäude in Aschheim.
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Düsseldorf /London - Der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hat sich einem Zeitungsbericht zufolge nach Russland abgesetzt. Der seit Wochen untergetauchte Manager sei auf einem Anwesen westlich von Moskau unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU untergebracht, berichtete das Handelsblatt unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise. Zuvor habe Marsalek erhebliche Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft.

Wirecard hatte im Juni eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Dax-Konzerns stürzte daraufhin ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. In dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München I.

Das Handelsblatt berichtet unter Berufung auf die Plattform Bellingcat, Marsalek sei noch am Tag seiner Freistellung von Klagenfurt über die estnische Hauptstadt Tallin ins weißrussische Minsk geflogen. Wegen des politischen Konflikts zwischen der russischen Führung und Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko sei es dem GRU zu riskant gewesen, Marsalek im Nachbarland zu belassen. Deshalb sei er weiter nach Russland geschafft worden. Laut der auf Geheimdienste spezialisierten, in London ansässigen Plattform war Marsalek in den vergangenen Jahren häufig nach Russland geflogen. Mehrfach habe er Privatjets benutzt. Einmal habe der russische Geheimdienst FSB ihm den Abflug verweigert. Er soll mit sechs unterschiedlichen österreichischen Pässen gereist sein. Nach seinem Rauswurf bei Wirecard könnte Marsalek laut Bellingcat mit einer Lufthansa-Maschine nach Tallin geflogen sein, wo er in einen privaten Jet umgestiegen sein soll, der ihn nach Belarus brachte. 

Der Spiegel hatte zuvor berichtet, Marsalek könnte sich in Belarus oder Russland aufhalten. Im russischen Ein- und Ausreiseregister, das auch das benachbarte Belarus umfasse, sei für Marsalek eine Eintragung nur Stunden nach seiner Freistellung bei Wirecard zu finden. Demnach sei der Manager über den Flughafen der Hauptstadt Minsk eingereist. Eine Wiederausreise Marsaleks wurde laut Spiegel bislang nicht verzeichnet.

Der Kreml teilte am  Montag mit, nichts von einer Einreise Marsaleks nach Russland zu wissen: "Nein, es ist nichts bekannt", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag zu den Berichten von Bellingcat und Handelsblatt. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Marsalek werde von den russischen Behörden nicht verfolgt. Demnach gibt es weder ein Strafverfahren gegen den Manager in Russland noch eine Auslieferungsanfrage. Russland habe auch keine Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort.

Die Financial Times berichtet unterdessen, dass die Wirtschaftsprüfer von EY dem Wirecard-Management Bedenken über den vom Management beauftragten Bericht der KPMG vorgetragen hätten. Der Bericht stelle einige Punkte nicht im Kontext dar. KPMG hatte festgestellt, dass aus den Bilanzen nicht eindeutig hervorgehe, ob die von einem Dienstleister angegebenen Umsätze tatsächlich der Realität entsprächen. 

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