Für Foodwatch ist Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ein „Hungermacher“. So jedenfalls ist die aktuelle Studie der Verbraucherorganisation über Spekulation mit Agrarrohstoffen überschrieben, in der Ackermann stellvertretend für die Zunft der Investmentbanker frontal angegangen wird. Als Chef eines der größten Institute und Vorsitzender des Weltbankenverbandes IIF trage Ackermann „persönlich Mitschuld daran, dass Menschen in den ärmsten Ländern Hunger leiden und daran sterben“, sagte Foodwatch-Chef Thilo Bode am Dienstag bei der Vorstellung des Reports in Berlin.

Die vom Wissenschaftsjournalisten und Buchautor Harald Schumann für Foodwatch erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Investmenthäuser wie die Deutsche Bank und Goldman Sachs sowie die Verwalter von Versicherungen, Pensionsfonds und Stiftungen durch ihre Wetten auf Mais, Soja und Weizen die Preise treiben. „Die These der Finanzindustrie, dass Spekulation keinen Einfluss auf die Preise hat, ist nicht zu halten“, sagte Schumann.

Sinn der Wetten, so Studienautor Schumann, sei es ursprünglich gewesen, Händler gegen Preisschwankungen abzusichern. Bei dieser „nützlichen Spekulation“ schließen zum Beispiel Agrarhändler Verträge (Futures) über Warenlieferungen zu einem festen Preis und einem festen Termin in der Zukunft ab – was der Planungssicherheit dient. Bis zur Jahrtausendwende wurde das Gros solcher Future-Verträge von Produzenten und Verarbeitern geschlossen. Doch nach dem Platzen der Dotcom-Blase entdeckten Banken die spekulativen Rohstoff-Papiere als sichere Anlage. Die Deregulierung der Finanzmärkte machte den Rohstoff-Handel auch für institutionelle Anleger lukrativ, die kein Interesse an der Preisstabilität im physischen Handel haben, sondern vor allem auf langfristige Renditen aus sind.

Das mittlerweile erreichte Ausmaß dieser „legalisierten Preistreiberei“ belegt Foodwatch mit Zahlen von der Chicagoer Börse (CBOT): Lag der Anteil der rein zu spekulativen Zwecken gehaltenen Weizen-Kontrakten an der CBOT bis 1999 bei 20 bis 30 Prozent, so sind es heute bis zu 80 Prozent. Dabei sei die Zahl der gehandelten Futures völlig unabhängig von der verfügbaren Menge der physischen Ware und überschreite diese oft um ein Vielfaches. Für Schumann ist es eindeutig belegbar, dass die Future-Preise für eine nur virtuelle Lieferung die Tarife auf den Spotmärkten beeinflussen, wo die Rohstoffe tatsächlich gehandelt werden.

„Eine Preiserhöhung um nur wenige Prozent entscheidet über Leben und Tod“, sagte Bode. Da die Menschen in den ärmsten Ländern bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssten, hätten Preissteigerungen oft schnell fatale Folgen. Der Foodwatch-Chef zitierte eine Weltbank-Studie, nach der während der Hochpreisphase 2007/2008 weltweit rund 100 Millionen mehr zusätzlich an Hunger leiden mussten.

Zockerei im Rohstoff-Kasino

In einem Offenen Brief fordert Foodwatch deshalb Deutsche-Bank-Chef Ackermann auf, sich nicht länger einer effektiven staatlichen Regulierung der Spekulation mit Nahrungsmitteln zu widersetzen, sondern sie aktiv zu unterstützen. Das Frankfurter Institut selbst solle beispielhaft vorangehen und in ihren Fonds auf jeglichen Handel mit Agrarrohstoffen verzichten.

Foodwatch bezieht sich dabei auf ein Versprechen der Deutschen Bank selbst. Im Bericht des Instituts über „gesellschaftliche Verantwortung“ heißt es, das Geldhaus wolle „ökologisch und sozial möglichst verantwortlich“ handeln. Doch dieser hehre Anspruch, so der Offene Brief, stehe bislang in krassem Gegensatz zur Geschäftspolitik der Bank.

Auch an die europäischen Regierungen adressiert Foodwatch Forderungen. „Die Zockerei im Rohstoff-Kasino muss durch Spielregeln eingedämmt werden“, sagte Bode. Doch anstatt einzuschreiten, gäbe die Politik nur den „Tanzbären der Banken“. Das Verhalten von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) nannte er jämmerlich. Ihre Forderungen nach Eindämmung der Spekulation habe sie, wohl nach Einflüsterungen der Agrarlobby, immer weiter abgeschwächt.

Abhilfe kann nach Ansicht von Foodwatch nur ein Ausschluss institutioneller Investoren von Rohstoffgeschäften schaffen. Die Verbraucherorganisation macht sich zudem dafür stark, Publikumsfonds für Agrar- und Energierohstoffe zu verbieten.
Die Deutsche Bank zeigte sich zumindest am Dienstag nicht einsichtig. Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen, so das Institut, seien vor allem auf Wetterereignisse, die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern sowie den wachsenden Bedarf an Biodiesel zurückzuführen.

Foodwatch indes will den Druck auf das Institut jetzt erhöhen. Verbraucher können sich mit einer E-Mail an der Kampagne „Hände weg vom Acker, Mann“ beteiligen.