Warschau - Die Umweltminister ziehen sich an diesem Montag vorsorglich hinter einen Wassergraben zurück. Der Gastgeber, der polnische Umweltminister Marcin Korolec, hat den prächtigen Insel-Palast in Warschaus Königlichem Bäderpark gewählt als Treffpunkt für die Fachgespräche des Weimarer Dreiecks, also des Komitees zur Förderung der Deutsch-Französisch-Polnischen Zusammenarbeit. Sein deutscher Kollege Peter Altmaier und der Franzose Philippe Martin fühlen sich sichtlich wohl. „Es ist wunderbar, hier zu sein“, bedankt sich Altmaier. Die wütenden Rufe der polnischen Bauern und Umweltaktivisten, die seit dem Morgen vor dem Amtssitz von Minister Korolec gegen den „Fracking-Tod der Landwirtschaft“ protestierten, dringen nicht zu den Ministern durch.

Wochenlange Blockade

„Früher oder später werden sie uns Rede und Antwort stehen müssen“, ist Demonstrantin Barbara Siegienczuk überzeugt. „Wir wollen wissen, welche Risiken mit dem Fracking verbunden sind.“ Siegienczuk gehört zu einer Delegation von „Occupy Chevron“, die am Montag in die Hauptstadt gereist ist. Unter der Occupy-Losung blockieren seit Wochen rund 100 Bewohner des Dorfes Zurawlow im Südosten des Landes die Arbeiten des US-Giganten Chevron. Der Energieriese sucht in der entlegenen Region an der ukrainischen Grenze nach Schiefergas. Es ist in Tiefengestein eingelagert, das nur mit Hilfe giftiger Chemikalien aufgebrochen werden kann, der umstrittene Fracking-Förderung.

Schiefergas soll Polen aus der Abhängigkeit von russischen Lieferungen befreien. Doch ähnlich wie in Frankreich und Deutschland tobt jenseits der Oder ein heftiger Streit um das Fracking. „Für Polen ist das eine Riesenchance“, behaupten Befürworter wie Korolec. Kritiker warnen vor der Verheerung ganzer Landstriche durch die flächenintensiven Bohrungen sowie andere Umweltschäden.

„Vor zwei Jahren hat Chevron in Zurawlow mit seismischen Tests begonnen“, berichtet Ewa Sufin von der Umweltorganisation „Strefa Zieleni“ (Grüne Zone). „Seither haben mehrere Familien im Dorf verdrecktes Trinkwasser, das wie Öl aussieht.“ Die Region hänge zu 100 Prozent von der Landwirtschaft ab, sagt Sufin. Und es sei ein Naturparadies - wie schon der Name Zurawlow andeutet. Er leitet sich vom polnischen Wort für Kranich ab.

Nur wenige Landbesitzer haben ihre Felder an Chevron verkauft. Als die Amerikaner im Frühjahr mit schweren Maschinen, Sicherheitsleuten und Stacheldraht anrückten, um auf den Äckern bei Zurawlow Probebohrungen zu starten, stellten sich versperrten viele Bauern mit ihren Treckern den Trucks den Weg. Sie argumentieren mit den Brutzeiten der Vögel in dem Gebiet, das nahe einem Naturschutzgebiet liegt.

Der Ausgang des Duells in Zurawlow ist offen. Andernorts in Polen wie an der Ostseeküste oder in Uscimow toben ähnliche Kämpfe. Die Entscheidung aber fällt wohl in Warschau oder Brüssel, wo um rechtliche Regeln für das Fracking gestritten wird. Am klarsten positioniert hat sich Frankreich, das der Technik eine Absage erteilte. Umweltminister Altmaier ließ im Vorwahlkampf den Entwurf für ein Schiefergas-Gesetz auf Eis legen. „Fracking ist in Deutschland derzeit keine Option“, sagt er.

Neue Konzessionsvergabe

Der zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger ist davon überzeugt, dass Schiefergas Europas Energiemix bereichern kann. „Polen könnte beim Fracking ein Vorbild sein“, sagt er und meint wohl: Lasst uns das Verfahren jenseits der Oder erst mal testen. Am heutigen Dienstag wollen sich die EU-Umweltminister in Litauen treffen, „um auszuloten, ob gemeinsame Regeln möglich sind, ohne die nationale Entscheidungshoheit auszuhebeln“, wie Altmaier erklärt.

Minister Korolec hat nach langem Hin und Her ein Fracking-Gesetz präsentiert, das am 1. Januar 2014 in Kraft treten soll. Es sieht auch eine Neuregelung der Konzessionsvergabe an in- und ausländische Unternehmen vor. Für Chevron könnte dies das Aus bedeuten. In Zurawlow aber wird der Kampf gegen das Fracking weitergehen – getrieben von der Angst um die Existenz und schwarzem Schmierwasser aus dem Wasserhahn.