San Francisco - Mit Schwung stellt Daniela Semeco ihren Tablet-Computer auf den Stehtisch. In Höchstgeschwindigkeit beginnt sie, auf Wörter in verschiedenen Sprachen zu tippen. Sie hat eine App entwickelt, mit der man über die Tastatur auf dem Bildschirm bis zu 17 Sprachen gleichzeitig verwenden kann. Seit gut einem Monat ist das PolyKeyboard in Apples Itunes-Store zu haben. Daniela Semeco, die selbst in Venezuela geboren wurde, in den USA aufwuchs und in Frankreich Deutsch studiert hat, war es leid, beim Schreiben am Computer mühsam nach Buchstaben und Sonderzeichen in verschiedenen Sprachen zu suchen.

Daniela Semeco, lockiges Haar, Brille, ist 32 Jahre alt, sieht aber aus wie Anfang zwanzig. Sie fällt auf bei diesem Gründerinnentreffen in Embarcadero, dem Geschäftsviertel von San Francisco. Rund 100 Teilnehmerinnen haben sich in einem Konferenzraum versammelt, in dem sonst Meetings von Google stattfinden. Ein paar Männer sind dabei. Es gibt Bier und gefüllte Teigtaschen, überall wird angeregt geplaudert. „Ich genieße es, hier hauptsächlich unter Frauen zu sein“, sagt Daniela Semeco.

Ein neuer Typus

In 20 Städten rund um den Globus treffen sich einmal im Monat an einem Freitagabend Unternehmerinnen und Investorinnen aus der Tech-Branche in New York, Mexico City, Buenos Aires, London, Barcelona, um Erfahrungen auszutauschen und zu netzwerken.

Die Organisatorinnen: Women 2.0, ein Unternehmerinnennetzwerk für die Tech-Branche mit Sitz in San Francisco, das größte weltweit. Jedes Jahr veranstaltet Women 2.0 zwei große Konferenzen mit mehr als 1000 Teilnehmerinnen, außerdem ein jährliches Start-up-Wochenende sowie kleinere monatliche Veranstaltungen wie der Gründerinnenfreitag oder ein Investoren-Hangout, bei dem Gründerinnen ihre Geschäftsideen online und live vor Investoren präsentieren. Dazu gibt es einen Blog, auf dem rund 100 Unternehmerinnen von ihren Erfahrungen beim Gründen berichten.

Daniela Semeco weiß, wie es ist, nicht ernst genommen zu werden. Als Frau, die noch dazu klein ist und Skateboard fährt, entspricht sie nicht unbedingt dem gängigen Bild eines Start-up-Gründers. Doch aus Sicht von Shaherose Charania verkörpert Daniela Semeco einen neuen Typus in der Branche, der unabhängig ist von Geschlecht oder Hautfarbe. Shaherose Charania, 32, ist die Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Women 2.0. Ihr Büro ist ein langer Tisch mit sechs Arbeitsplätzen in einem Großraumbüro, eine von zwei Niederlassungen von Hatch Today, einen Gemeinschaftsarbeitsplatz, der von mehreren Tech-Unternehmern gegründet wurde.

400 Menschen arbeiten in den Büros von Hatch Today für 150 Firmen gleichzeitig. Charania findet das ideal, weil sie so in direktem Kontakt zu anderen Unternehmen aus der Branche steht.

Shaherose Charania erinnert sich noch gut an die Zeit vor Women 2.0. Wenn sie als Unternehmerin Konferenzen besuchte, war sie meistens die einzige Frau im Raum. „Die Männer kannten sich, arbeiteten zusammen, unterstützten und finanzierten sich gegenseitig“, sagt Charania. Gleichzeitig beobachtete sie, wie im Silicon Valley Internetfirmen wie Google, Apple und Twitter immer erfolgreicher wurden, mit Männern in Spitzenpositionen. „In Zukunft werden nicht mehr Coca Cola und Co, sondern Technologiefirmen die Welt bestimmen“, sagt Charania. Das Gleiche passiere in aufstrebenden Märkten wie Indien. Tech-Unternehmen gewinnen weltweit an Einfluss.

Gleichzeitig werden die Frauen sichtbar: Sie gehen arbeiten oder gründen eigene Unternehmen zum Beispiel mit Hilfe von Mikrokrediten. 2006 stellte Charania zusammen mit drei anderen Unternehmerinnen das Netzwerk Women 2.0 auf die Beine, als Schnittstelle zwischen der boomenden Internet-Tech-Branche und weiblichen Gründerinnen.

Ihr Ziel ist: Frauen dabei zu helfen, eigene Unternehmen in diesem von Männern dominierten Bereich zu gründen. In ihrem Netzwerk können sich zum Beispiel angehende Gründerinnen mit Frauen austauschen, die bereits gegründet haben, und von ihren Erfahrungen profitieren. Sie können das Netzwerk nutzen, um in Kontakt mit Investoren zu kommen, die ihre Ideen finanziell unterstützen.

Auch Managerinnen großer Firmen sind Mitglieder von Women 2.0. Sie holen sich hier Inspiration für die eigene Unternehmensidee, bilden sich in Sachen Unternehmensgründung weiter, suchen nach Mitgründerinnen oder wollen einfach mehr über die Start-up-Kultur und -Gemeinde erfahren.

Genug Potenzial

Mit ihrer Arbeit, so hoffen die Geschäftsfrauen von Women 2.0, tragen sie ein Stück dazu bei, dass Frauen in Technologie-Firmen selbstverständlich sind. „Wir wollen dafür sorgen, dass in den großen Tech-Firmen genug Frauen auf einflussreichen Posten sitzen“, sagt Charania. Dass es genug Potenzial gibt, daran hat sie keinen Zweifel: „Hier in Kalifornien passiert das bereits.“ Längst gibt es berühmte Tech-Frauen wie Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, oder Marissa Mayer, die Chefin bei Yahoo, da ist zum Beispiel Safra Katz, die Finanzchefin des kalifornischen Softwareherstellers Oracle, oder Padmasree Warrior, Technologiechefin des Netzwerkausrüsters Cisco. Dennoch haben sechs der zehn weltweit größten, risikokapitalfinanzierten Start-ups keine Frau im Vorstand, wie eine Reuters-Studie zeigt. Und in keiner der vier Firmen sitzt mehr als ein weibliches Mitglied im Führungsgremium.

Women 2.0 war zunächst eine Nebenbeschäftigung, die Frauen arbeiteten parallel in anderen Jobs. Shaherose Charania etwa war bei mehreren Telekommunikationsfirmen für die Produktentwicklung zuständig. Vize-Geschäftsführerin Sepideh Nasiri gründete das Los Angeles Globe Magazin mit, beriet Start-ups und entwickelte eine App.

Die Frauen nutzten ihre Kontakte, um zunächst eine monatliche Konferenz in ihren Wohnzimmern zu organisieren. Ihre Veranstaltungen sollten speziell für Frauen sein. „Viele Frauen schrecken davor zurück, zu den normalen Tech-Gründerkonferenzen zu gehen, da gibt es zu viel Machotum“, sagt Sepideh Nasiri. Sie selbst wollen aber für Männer durchaus offen sein.

Fünf Jahre nach der Gründung fanden die Unternehmerinnen ihren ersten Sponsor. Sie kündigten ihre Jobs und konzentrierten sich auf Women 2.0. Seither wächst das Netzwerk, jedes Jahr kommen neue Standorte hinzu. Google zählt inzwischen zu den Dauersponsoren von Women 2.0. In der Regel nehmen die Organisatorinnen Kontakt zu Unternehmerinnen in verschiedenen Städten auf und briefen sie so lange, bis diese eigenverantwortlich Konferenzen auf die Beine stellen. Women 2.0 finanziert sich über Sponsoren, Mitgliedsbeiträge und Tickets für die Veranstaltungen.

Berlin im Blick

Berlin ist trotz seiner rasant wachsenden Start-up-Branche bisher noch nicht Teil des Netzwerks, steht aber auf der Liste der Unternehmerinnen. „Berlin hat ein funktionierendes Ökosystem für Start-ups aus der Tech-Branche“, sagt Shaherose Charania, „wir würden dort gerne ein Team aufbauen.“

140.000 Mitglieder sind mittlerweile über Women 2.0 vernetzt. „Viele Frauen, die sich noch vor einigen Jahren nicht vorstellen konnten, ein Unternehmen zu gründen, lesen den Blog und kommen zu den Konferenzen, um sich Inspiration zu holen“, sagt Sepideh Nasiri. 70 Prozent der Mitglieder, die heute Gründerinnen sind, seien vorher Angestellte gewesen.

Ein Beispiel ist Alexa Andrzejewski. 2009 kam sie mit der Idee für ein Kochbuch in einen Women 2.0-Workshop. Mit Hilfe anderer Teilnehmerinnen entwickelte sie eine App, mit der Nutzer Fotos von Restaurants teilen können. 2012 präsentierte sie Foodspotting beim Women 2.0-Start-up-Wochenende und fand ihren ersten Investor. Seitdem sammelte sie Millionen bei Investoren ein, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erwähnte die App auf einer Branchenkonferenz. Anfang des Jahres wurde Foodspotting für zehn Millionen Dollar von der Online-Reservierungsplattform OpenTable übernommen.

Auch Daniela Semeco braucht Geld. Sie bastelt gerade an einer physischen Variante ihres PolyKeyboards. Zur Finanzierung sammelt sie auf einer Crowdfunding-Plattform Geld. Später will sie der Gesellschaft etwas zurückgeben: Einen Teil der Erlöse ihrer Firma Polyglotte hat sie dauerhaft für die Förderung von Geschichts-, Geografie- und Fremdsprachenunterricht an US-Schulen und für Suppenküchen in San Francisco bestimmt.