Frauen holen auf. Nicht nur in der Wirtschaft übernehmen sie inzwischen häufiger Führungsämter. Auch in den von Männern dominierten Gewerkschaften erobern sie mehr Spitzenpositionen als früher. So bekommt jetzt erstmals eine Industriegewerkschaft (IG) eine stellvertretende Vorsitzende. Am Dienstag wird der Kongress der IG Bergbau, Chemie und Energie in Hannover Edeltraud Glänzer (57) in dieses Amt wählen.

Vier Wochen später will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Deutschlands älteste Arbeitnehmerorganisation, erstmals eine Frau zur Vorsitzenden berufen: Michaela Rosenberger (53) soll das Erbe des langjährigen Vorsitzenden Franz-Josef Möllenberg (60) antreten.

Vorstand verkleinert

Auch die Führung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wird weiblicher. Der geschäftsführende DGB-Vorstand wird nach dem Bundeskongress im Mai zur Hälfte aus Frauen bestehen – ein Novum. Allerdings entsteht die Ausgewogenheit nicht dadurch, dass mehr Frauen gewählt werden; es bleibt bei den bisherigen Vorstandsdamen Elke Hannack (seit Juni DGB-Vize) und Annelie Buntenbach. Die Geschlechter-Parität entsteht, weil der Vorstand verkleinert wird.

Der weibliche „Vormarsch“ in den Gewerkschaften vollzieht sich alles in allem freilich in einem eher verhaltenen Tempo. Obwohl Gleichberechtigung zu den Kernforderungen der Gewerkschaften seit Urzeiten gehört, tun sie sich damit in ihren eigenen Reihen noch immer schwer. Offizielle Linie aller Gewerkschaften ist inzwischen zwar die Maxime, dass Frauen zumindest entsprechend dem weiblichen Mitgliederanteil Führungsposten besetzen sollen. Verbindlich festgeschrieben haben solche Quoten aber nur die wenigsten.

Von den gut sechs Millionen Mitgliedern der DGB-Gewerkschaften sind rund ein Drittel Frauen (32,7 Prozent). Zur Jahrtausendwende waren es 30,5 Prozent. Trotzdem sind nur zwei der neun DGB-Landesbezirksleiter Frauen. In der IG Metall sind 18 Prozent der Mitglieder Frauen. Im Vorstand sind sie mit zwei von sechs Posten ein wenig überrepräsentiert. Aber auf der Ebene der mächtigen Bezirksleiter findet man nur Männer. Die Gewerkschaft Verdi hat mehr weibliche als männliche Mitglieder, nämlich 51,2 Prozent. Im Vorstand sind neun von 14 Posten mit Frauen besetzt. Eine Ebene darunter, bei den Landesbezirksleitern, klaffen Lücken.

Jahrzehntelang war es gewerkschaftlicher Regelfall, dass den Vorständen wenn überhaupt, dann allenfalls nur eine „Alibi-Frau“ angehörte. Selbst diese Minimal-Position ist nicht immer garantiert: Die Baugewerkschaft entschied sich kürzlich erst in einer Kampfabstimmung dafür, erneut eine Frau in ihren Vorstand zu berufen.

Mit der Wahl von Michaela Rosenberger werden künftig zwei der acht DGB-Gewerkschaften von Frauen geführt. Denn im Frühsommer hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Marlis Tepe zur Nachfolgerin von Ulrich Thöne gewählt. Für die Bildungsgewerkschaft kein außergewöhnlicher Schritt. Von 1993 bis 1997 hatte sie mit Eva-Maria Stange schon einmal eine Frau als Vorsitzende.

Das war und ist noch immer die Ausnahme. Erste Frau in einem solchen Spitzenamt war Monika Wulf- Mathies. Sie führte von 1982 bis 1994 die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), die 2001 mit vier anderen Organisationen zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) fusionierte. Die Wahl von Wulf-Mathies war vor rund 30 Jahren ein Paukenschlag. Von 1993 bis 2001 stand Margret Mönig-Raane an der Spitze der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV), die ebenfalls in Verdi aufging.

Diese rühmlichen Ausnahmen zeigen: Frauen brauchen auch in den Gewerkschaften einen langen Atem, um gleichberechtigt Führungsposten einnehmen zu können. Bei den Betriebsratschefs stehen sie dabei erst ganz am Anfang.