Der geplante Standort für die Tesla-Fabrik im Gewerbegebiet Freienbrink.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

FreienbrinkDas Tesla-Werk? Der Besitzer des Autohofs winkt ab. Wieder ein Reporter. „Die kommen hier im Halbstundentakt vorbei und fotografieren alles, ohne mich zu fragen“, sagt er. Mehr will er dann auch nicht erzählen. Außer, dass er doch erstmal anfangen soll, der Elon Musk. Und dass an der Ladesäule für Elektroautos noch nie jemand getankt hat. Jedenfalls hatte der Mann den richtigen Riecher.

Freienbrink ist ein Gewerbegebiet sieben Kilometer südwestlich von Grünheide, direkt am östlichen Berliner Ring. Früher betrieb die Stasi hier eine Anlage, wo sie die Habseligkeiten ausgereister und geflüchteter DDR-Bürger verteilte und West-Pakete durchsuchte und plünderte. Heute unterhalten hier Lidl und Edeka riesige Verteilzentren. Die Bahngleise sind überwuchert oder längst abgetragen, die Seitenstraßen enden an Betonblöcken, dahinter beginnt der Kiefernwald. Es ist einer dieser Orte, der schon längst hätte erblühen sollen und wo ziemlich lange doch ziemlich wenig passierte.

Erste Autos 2021

Auf der anderen Seite der Landesstraße 38 ist die Fläche, die schon vor zwanzig Jahren für Großes reserviert wurde. BMW suchte damals nach einem Standort für eine Fabrik. Leipzig bekam den Zuschlag. Und wahrscheinlich war das ein Glück, es dauerte bloß zwei Jahrzehnte, ehe es sich einstellte. Am Dienstagabend verkündete Elon Musk, Gründer und Vorstandsvorsitzender des US-Autobauers Tesla, dass er eine neue Fabrik in Berlin bauen wollte.

Tesla-Fahrer treffen sich am Donnerstag in Freienbrink.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

In Berlin? Verzeihung, in Grünheide, genauer in Freienbrink. Eine Fabrik? Verzeihung, eine Gigafactory, wo nicht nur ganze Elektroautos, sondern auch ihre Akkus hergestellt werden. Es wird die erste Autofabrik Deutschlands, die von vornherein für die Produktion von Elektroautos konzipiert ist. 7000 Arbeitsplätze könnte es einmal geben, etwas mehr als 3000 sollen zum geplanten Produktionsstart entstehen. Und der ist ziemlich bald, wenn alles funktioniert. 2021, in zwei Jahren soll der erste Tesla made in Grünheide vom Band laufen. In Schanghai hätte man die Fabrik auch so schnell hochgezogen, hieß es von Tesla. Das ist jetzt der Maßstab für Grünheide.

Das hier ist die Zukunft.

Bernd Rühl, Photovoltaik-Unternehmer

Bisher ging es hier recht beschaulich zu. Zwischen Peetzsee und Werlsee liegt der Ort. Die Bahnstrecke liegt in sicherer Entfernung vom Ortskern, ab und an schnauft ein Bus durch die Hauptstraße. Sonst hält es sich in Grenzen mit dem Verkehr. Außer in diesen Tagen. Schon wegen der unzähligen Reporter, die dieses moderne Industriemärchen erzählen wollen von dem kleinen Örtchen und dem Öko-Milliardär aus Amerika, der es wachküsst. Wo man auch aus dem Auto steigt, trifft man Journalisten. Wen man auch anspricht, alle wurden schon befragt.

Der voraussichtliche Standort der Tesla-Fabrik bei Berlin.
Grafik: BLZ/Galanty; Brandenburgisches Wirtschaftsministerium. Stand Nov. 2019

Bernd Rühl auch. Er ist Photovoltaik-Unternehmer aus Berlin. Seinen nagelneuen weißen Tesla Model 3 hat er neben den Bahngleisen in Freienbrink geparkt, dort unterhält er sich mit Hans Kurtzweg aus Trebbin, der mit seinem schwarzen Tesla Roadster von 2011 gekommen ist. In beeindruckendem Tempo referiert Kurtzweg über technische Finessen. Er gehört zur Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg. „Das hier ist die Zukunft“, ist er sich sicher. Aber er muss weiter.

Grünheide wird das neue Silicon Valley

In Zossen will er mit dem Besitzer eines Model S feiern, der soeben eine Million Kilometer mit seinem Auto zurückgelegt hat. „Mit dem dritten Akku“, sagt Kurtzweg. Dann setzt er sich in seinen Wagen und surrt los. Bernd Rühl ist in vier Monaten 25.000 Kilometer mit seinem Auto gefahren, er hatte gerade in der Gegend zu tun und wollte sich das Gelände mal anschauen. „Ich bin ein riesiger Fan von Elon Musk“, erzählt er.

Ich bin ganz froh darüber, dass wir da nicht die Gesamtverantwortung haben, sondern Tesla auch seines eigenen Glückes Schmied ist.

Jörg Steinbach (SPD),   Wirtschaftsminister Brandenburgs

So groß ist die Verehrung, dass er in diesem Jahr den Führerschein gemacht hat, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Der Tesla sei endlich ein Auto, mit dem er als umweltbewusster Mensch leben könne. Ein wenig, sagt Bernd Rühl, sei er auch auf der Suche nach einem neuen Wohnort. Und spannend wäre das schon, vor den Toren Berlins im selben Ort wie die Tesla-Ingenieure zu leben. Manche Zeitungen schrieben am Donnerstag, nun entstehe in Grünheide ein Silicon Valley.

Hauptausschuss wegen Publikumsandrang verlegt

Am Donnerstagabend tagt der Hauptausschuss – im Saal des Gasthauses Heydewirt statt im Rathaus, wegen des Publikumsandrangs. Eigentlich sollte es an diesem Tag um eine Änderung der Baumschutzsatzung gehen, um Grundstücksangelegenheiten und die Umsetzung eines Bekanntmachungskastens. Nun kam eben das Milliardenprojekt eines US-Investors dazu. Und der Besuch von Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).

Ihm ist das Adrenalin der letzten Tage und Wochen noch anzumerken und die Freude, dass er jetzt endlich über das Projekt sprechen darf. „Ich konnte nicht vorher mit Ihnen reden“, sagt Steinbach zu den rund 90 Zuhörern. „Wir mussten ein Geheimhaltungsabkommen unterschreiben – das war so heftig formuliert, das kannte ich noch nicht.“

Bäume müssen gefällt werden

Aber der Zuschlag für Brandenburg – festgehalten in einer Absichtserklärung – ist eben nur der erste Schritt. So eine Fabrik muss genehmigt werden. 70 Hektar Kiefernforst müssen gefällt, das Gelände für den Bau vorbereitet werden. Grünheide braucht neue Wohnungen, Kitas und Schulen, Busse für den Nahverkehr, der Bahnhof braucht eine Renovierung, die Mobilfunklöcher müssen geschlossen werden – und das alles innerhalb von zwei Jahren. Nach und nach scheint den Grünheidern klar zu werden, was ihnen da bevorsteht.

Den ersten Applaus bekommt ein jüngerer Mann in Sportjacke, der sich wünscht, dass Grünheide eben so bleiben soll: grün. Das nächste Mal klatschen die Leute, als ein älterer Lokalpolitiker sagt: „Wir können nicht nur von Blümchen leben. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder nach Westdeutschland gehen, um Arbeit zu finden.“ Steinbach verspricht, die Landesregierung werde nächste Woche eine Arbeitsgruppe für die Tesla-Ansiedlung einrichten. Alle Anliegen würden dort gebündelt.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) würde sich persönlich berichten lassen. „Wenn wir das schaffen, dann ist das ein Signal in die Welt“, sagt er. Fünfzig Prozent der Arbeit seien geschafft. Dass die zweiten 50 Prozent die schwereren sein können, das weiß der Minister aber auch.