Die Verlagszentrale der Axel Springer SE in Berlin-Kreuzberg.
Foto: imago images/Jürgen Ritter

BerlinWenn stimmt, was mehrere voneinander unabhängige Quellen berichten, ist es im Axel Springer Verlag vor ein paar Wochen zu einem Eklat gekommen: Demnach hat sich Verlegerin Friede Springer vor Vorstandsmitgliedern sehr emotional über den aggressiven Kampagnenjournalismus von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt beschwert.

Ein Unternehmenssprecher sagt, man äußere sich „zu internen Gesprächen grundsätzlich nicht“. Man sei bei Springer „stolz“ darauf, dass „unsere Journalistinnen und Journalisten ihre eigenen Positionen vertreten und nicht versuchen zu schreiben, was Vorstand und Eigentümer für richtig halten“. Deshalb komme es „auch immer wieder zu lebendigen Diskussionen“. Die „offene Streitkultur“ des Hauses „und das Chefredakteursprinzip sind dem Vorstand und allen Eigentümern heilig“.

Ein Dementi klingt anders. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Anekdote stellt sich die Frage, wie lange Vorstandschef Mathias Döpfner an Reichelt noch festhalten kann. Es ist ihm in guten zwei Jahren an der Bild-Spitze nicht gelungen, den galoppierenden Auflagenverlust des Boulevardblatts auch nur halbwegs abzubremsen. Stattdessen eckt er überall an – nicht nur bei der Verlegerin.

Nun muss Bild unbequem sein. Und Boulevardjournalismus, so wie ihn das Springer-Blatt versteht, hat seit jeher mit seriösem Handwerk so viel zu tun wie ein von Hand gearbeitetes Schmuckstück mit einem Ring aus dem Kaugummiautomaten. Doch Reichelts Vorgänger konnten die großen Stimmungen innerhalb der Gesellschaft erspüren, aufnehmen und virtuos bündeln. Sie wussten, wann sich eine Kampagne lohnte und wann nicht.

Dieses Fingerspitzengefühl fehlt dem einstigen Kriegsreporter Reichelt. Er verkämpft sich in Themen, auch in solche, bei denen es für ihn nichts zu gewinnen gibt. Der einstige Bild-Chef Peter Boenisch brachte in den 1960ern große Teile der Gesellschaft gegen die Studentenbewegung auf. Reichelt vermag nur, die Gesellschaft gegen Bild aufzubringen.

Beispielhaft für diesen Kurs ist die Kampagne des Chefredakteurs gegen Christian Drosten. Obwohl sich am Dienstag die vier deutschen Kronzeugen der Bild-These, eine Studie des Virologen „über ansteckende Kinder“ sei „grob falsch“, von der Berichterstattung des Blattes distanzierten, legte Reichelt am Mittwoch nach – diesmal mit zwei britischen Wissenschaftlern als Gewährsmännern. Doch auch die Briten distanzierten sich umgehend von Bild.

Autor des ersten Anti-Drosten-Stücks war Filip Piatov, ein Bild-Redakteur, der keinen Ruf mehr zu verlieren hat: Im Februar 2018 hatte er berichtet, Juso-Chef Kevin Kühnert habe bei seiner No-GroKo-Initiative Hilfe aus Russland angenommen. Doch dann kam heraus, dass Piatov einem Redakteur des Satireblatts Titanic auf den Leim gegangen war. Der bislang peinlichste Fauxpas der Ära Reichelt.

Springers Vorstandschef Mathias Döpfner steht dennoch in Treue fest zu Reichelt. Es bleibt abzuwarten, wie lange noch.