Es gab einmal eine Zeit, da konnten die Wirecard-Emissäre gar nicht genug Kontakt zur politischen Spitze des Landes haben. Der frühere Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg präsentierte Bundeskanzlerin Angela Merkel die vermeintliche Technologie-Erfolgsgeschichte im Kanzleramt persönlich. Merkel warb für Wirecard in China.

Doch bis zuletzt sträubte sich der frühere Chef des mittlerweile insolventen Unternehmens gegen seine Vorladung vor den Untersuchungsausschuss des Bundestags und wollte nicht persönlich im Bundestag auftreten. Dort soll er am Donnerstag vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen. Aber der Versuch, den Auftritt zu vermeiden, scheiterte: Am Dienstagabend wies der Bundesgerichtshof (BGH) einen Antrag ab, mit dem Braun sich gegen die Vorladung gewehrt hatte.

Brauns Anwalt, der Wiesbadener Jurist Alfred Dierlamm, hatte gegen die Vorladung beim  Klage eingereicht. Sein Mandant werde in der Corona-Krise einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Braun müsste aus dem Gefängnis in Augsburg-Dierlamm mittels einer sogenannten „Verschubung“ nach Berlin-Moabit und dann in das Paul-Löbe-Haus verbracht werden. Er könne sich auf dieser Reise mit dem Coronavirus infizieren, weshalb es bei seiner Rückkehr zu einer „Gefährdung der Sicherheit und Ordnung“ im Augsburger Gefängnis kommen könnte – zu einer Gefangenenrevolte also.

Die Abgeordneten bestanden jedoch auf einem Auftritt von Braun vor dem Ausschuss. Der grüne Bundestagsabgeordnete Danyal Bayaz sagte dieser Zeitung: „Für Markus Braun als mutmaßlich Hauptverantwortlichen darf es bei der Befragung keine Sonderbehandlung geben. Es ist wichtig, seine Aussagen und Reaktionen auf heikle Fragen gerade zu den politischen Hintergründen des Skandals vor Ort persönlich zu erfahren und zu bewerten. Hierzu besteht Konsens im gesamten Untersuchungsausschuss. Wie schon in seiner aktiven Zeit bei Wirecard hat Herr Braun Anwälte losgeschickt, um Scheinargumente ins Feld zu führen. Es ist gut, dass der Bundesgerichtshof da nicht mitmacht.“

Die SPD-Abgeordnete Cansel Kiziltepe sagte dieser Zeitung: „Der BGH hat die richtige Entscheidung getroffen. Es kann ja nicht sein, dass der Untersuchungsausschuss seiner Aufgabe nicht nachkommen kann, weil sich ein früherer CEO einer Befragung entziehen will - der früher beste Beziehungen in die Politik hatte. Er muss nun auch zu seiner Verantwortung stehen.“

Ein weiterer Grund soll Brauns Sorge um seine persönliche Sicherheit wegen der Verwicklung der Geheimdienste in den Wirecard-Skandal sein. Abgeordnete des Untersuchungsausschusses überprüfen, inwieweit ausländische Geheimdienste - etwa jene Russlands, der Türkei oder Österreichs – bei Wirecard eine Rolle gespielt haben könnten.

Brauns engster Mitarbeiter Jan Marsalek soll laut verschiedenen Medienberichten enge Beziehungen ins Geheimdienstmilieu unterhalten haben. Marsalek ist seit geraumer Zeit spurlos verschwunden. Dass Braun aus diesem Kreis jemand nach dem Leben trachtet, wird zwar auch von der Münchner Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlossen. Doch im Bundestag hat Braun wohl nichts zu befürchten. Der FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar sagte der Berliner Zeitung: „Im Bundestag halten sich die höchsten Würdenträger der Politik auf. Es gibt kaum einen Ort, an dem Herr Braun besser geschützt wäre.“ In Augsburg laufen die Vorbereitungen auf die spektakuläre Reise des prominenten Härtlings.

Bayaz sagte zu den möglichen Verwicklungen der Geheimdienste: „Unsere bisherigen Erkenntnisse im Untersuchungsausschuss erhärten den Eindruck, dass es rund um den Wirecard-Vorstand geheimdienstliche und militärische Verstrickungen gegeben hat. Offenbar hatte Jan Marsalek Verbindungen zu österreichischen und russischen Geheimdiensten, auch der geplante Aufbau einer Söldnertruppe im Libyen steht im Raum. Das wirft natürlich die Frage auf, ob und welche Rolle Wirecard als Zahlungsdienstleister hier spielt. Möglich, dass wir gerade erst die Spitze des Eisberges sehen. Es wird auch zur Arbeit des Untersuchungsausschusses und eines Sonderermittlers gehören, aufzuklären, ob deutsche Geheimdienste in diese Pläne und Aktionen involviert waren und möglicherweise Schaden für die Bundesrepublik Deutschland entstanden ist.“