Bei Grünheide östlich von Berlin plant Tesla die nächste Gigafactory
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BerlinDamit Tesla-Beschäftigte zur Arbeit kommen, wird der Regionalexpress RE1, der Berlin unter anderem mit Frankfurt (Oder) verbindet, häufiger im nächstgelegenen Bahnhof halten. Das kündigte das Infrastrukturministerium des Landes Brandenburg an. „Mit Betriebsaufnahme von Tesla ist geplant, den Haltepunkt Fangschleuse zweimal pro Stunde mit dem RE 1 zu bedienen“, sagte Katharina Burkardt, Sprecherin von Minister Guido Beermann (CDU). Derzeit stoppen die Züge dort nur stündlich. Doch Hans Leister, der frühere Regionalbereichsleiter der Deutschen Bahn in Potsdam, hält zusätzliche Halte nicht für sinnvoll. „Das wäre für niemanden von Vorteil“, sagte er. Leister hat für die Linken-Fraktion im Landtag ein Gutachten zur Tesla-Verkehrserschließung vorgelegt.

Die Fotos, die Tesla-Fans bei Twitter veröffentlichen, sollen zeigen: Bei Grünheide wird bereits gebuddelt – trotz Corona. Weiterhin gilt der Plan, wonach die Fabrik östlich von Berlin 2021 damit beginnen soll, Elektroautos herzustellen. Schon in der ersten Phase sollen 4 000 Menschen jährlich 150.000 Fahrzeuge produzieren. Später sollen es bis zu 12.000 Beschäftigte sein - so der Plan für die Brandenburger Gigafactory, der allerdings vor der Corona-Krise entstanden ist.

Kein Teil der Klimabewegung

„Der Bau des Tesla-Automobilwerks in Brandenburg ist von großer Bedeutung für mehr Klimaschutz“, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Doch wer hofft, dass zu der Firmenphilosophie des US-Unternehmens auch der Schienengüterverkehr und der öffentliche Nahverkehr gehören, irrt sich. „Die Erwartungen sind verfehlt“, sagte Hans Leister, der nach der Deutschen Bahn für andere Schienenverkehrsunternehmen als Manager tätig war und nun in Potsdam das Beratungsunternehmen Innoverse betreibt. Tesla nenne zwar Umwelt und Klima als Argumente für Elektroautos, „versteht sich aber absolut nicht als Teil einer Klimabewegung im Sinne von Verzicht auf übermäßigen Konsum“, so der Wirtschaftsingenieur. „Vielmehr ist Tesla angetreten, um einen ressourcenverbrauchenden Lebensstil mit innovativer Technik weiterhin zu ermöglichen.

Was die Verkehrserschließung der bereits bestehenden Produktionsstandorte von Tesla anbelangt, sei die Situation „ernüchternd“, so der Gutachter. „Nirgends spielen der Nah- oder der Schienengüterverkehr eine nennenswerte Rolle“, stellte Leister fest. Ein prominentes Beispiel sei das Stammwerk im kalifornischen Fremont. Zwar hält die Schnellbahn BART nur wenige hundert Meter entfernt, doch einen direkten Zugang gebe es nicht. Tesla-Mitarbeiter müssten auf dem Weg zum Werkstor einen Umweg von 3,9 Kilometer laufen, so der Gutachter. Die Anschlussgleise, die in das frühere Werk von General Motors und Toyota führten, sind gekappt worden.

Bahnhof Fangschleuse ist wenig attraktiv

Hans Leister ist klar, dass auch im Fall der Gigafactory bei Grünheide die meisten Beschäftigten mit dem Auto zur Arbeit fahren werden – er erwartet einen Anteil von 80 bis 90 Prozent. „Für ein Drittel aller Brandenburger würde die Fahrzeit per Auto weniger als eine Stunde betragen.“  Zwar ergaben Recherchen, dass das US-Unternehmen seinen Mitarbeitern in  Deutschland derzeit keine Fahrzeuge zu bevorzugten Bedingungen überlässt. „Aber das kann sich ja noch ändern, wenn es darum geht, Leute für die Produktion zu gewinnen.“ Zudem seien die Anreize enorm. Ein Beispiel: Wer für die Fahrt zur Arbeit ein E-Auto nutzt und es am Arbeitsort auflädt, kann Steuerprivilegien nutzen. „Es wird mit 2 828 Fahrzeugen pro Schicht (drei Schichten pro Tag) gerechnet“, heißt es in den Unterlagen zur Umweltverträglichkeitsprüfung, kurz UVP. Das ließe sich so lesen, dass täglich fast 8 500 Mitarbeiter im Auto kommen werden, rechnete Leister vor. Oder handelt es sich um Fahrten? Dann wären es nur halb so viele Autopendler - aber auch dann noch sehr viele.

„Es wird viel Überzeugungsarbeit nötig sein, um ein völlig anders agierendes Management zur Nutzung von Bus, Bahn und Schienengüterverkehr zu bewegen“, so der frühere Bahn-Manager.

Der Haltepunkt Fangschleuse, an dem der Regionalexpress künftig häufiger halten wird, liege immerhin rund vier Kilometer vom Werk entfernt. „Der Fußweg wäre zu lang, die Fahrt mit dem Rad auf stark befahrenen Landstraßen unattraktiv“, so Leister. Pendelbusse müssten wie der übrige Verkehr an der oft geschlossenen Bahnschranke auf der Landesstraße L23 warten, weil sich die Haltestelle auf der Nordseite der Gleise befindet.

„Wenn der RE1 öfter hält, werden sich die Schrankenschließzeiten weiter verlängern“, warnte Leister. „Und die übrigen Reisenden im RE1 wären länger unterwegs.“ Bis zu einer möglichen Verlegung der Bahnsteige in Richtung Tesa-Werk sei Fangschleuse keine attraktive Option. Derzeit störe zudem ein baufälliges Gebäude das Bild und zwinge die Fahrgäste zu einem Umweg. "Im Moment kann man sich mit diesem Bahnhof nur blamieren", warnte der Gutachter.

Wie auch der Fahrgastverband IGEB und der früheren Infrastrukturminister Reinhold Dellmann (SPD) steht Hans Leister eine Verlängerung der S-Bahn über Erkner hinaus zum Tesla-Gelände ablehnend gegenüber. Dafür und für eine Stichstrecke für den Regionalzugverkehr fehle das Verkehrsaufkommen, sagte er. Zudem wäre eine S-Bahn-Verlängerung sehr aufwändig.

Mit dem Fahrrad zur Elektroautofabrik

Sinnvoller wäre ein Pendelverkehr mit Bussen zum Bahnhof Erkner, wo auch andere Busse und im 20-Minuten-Takt die S-Bahn halten. Fahrzeit: zwölf Minuten. Wenn in Erkner statt der stark befahrenen Friedrichstraße die Rudolf-Breitscheid-Straße genutzt würde, ließe sich der Stau umfahren. Allerdings wäre es unter Umständen notwendig, dass Parkplätze wegfallen. Zwar warnt der Landkreis Oder-Spree, dass Brückenbauarbeiten in Erkner den Verkehr behindern werden. „Eine Behelfsbrücke würde die Lage aber entspannen“, sagte Leister. Der Landkreis sollte sich fragen, ob die Sache dies wert sein könnte. Auch Busverkehre nach Königs Wusterhausen (22 Minuten) und Strausberg (25) wären attraktiv.

Das Buskonzept wird "unter Einbeziehung der Bahnhöfe Erkner und Fangschleuse angepasst werden müssen", sagte Katharina Burkardt, die Sprecherin des Potsdamer Infrastrukturministeriums. "Weitere Anpassungsmaßahmen stehen in Abhängigkeit von den Ergebnissen des Umfeldentwicklungskonzeptes." Zur Bedarfsermittlung werde das vorgenannte Umfeldentwicklungskonzept erarbeitet, ergänzte sie. "Je nach räumlichem Einzugsbereich der Beschäftigten sind Belastungen durch ein gute Anbindung des Industriegebietes mit dem Fahrrad zu vermeiden", so die Sprecherin.

Und wie steht es mit dem Güterverkehr? In den UVP-Unterlagen ist von 463 Lkw- und sechs Güterzugfahrten pro Tag die Rede. Allerdings werden bislang in keinem Tesla-Werk Autos auf der Schiene versandt, so dass Leister mit Warenlieferungen per Bahn rechnet – bestenfalls.

„Die Strecke der Deutschen Regionaleisenbahn muss angepasst werden“, forderte er. Nötig wären eine andere Sicherungstechnik, damit die Anschlussbahn zum Güterverkehrszentrum Freienbrink von mehreren Zügen gleichzeitg genutzt werden können, sowie ein Ausbau für ein höheres Tempo als 25 Kilometer pro Stunde und für höhere Lasten. Auch ist die Trasse nicht elektrifiziert und nur aus Westen direkt erreichbar, wobei Eisenbahner berichten, dass die Gleiskapazität in Erkner knapp ist - so knapp, dass es wahscheinlich kaum möglich wäre, dass dort ein Güterzug pausieren kann, bevor er die Zweigstrecke nach Freienbrink benutzen darf.

Auch beim Gütertransport, so schwant es Hans Leister, werde der Straßenverkehr dominieren.