Vor zwei Jahren fand das wichtigste Fußballturnier Asiens in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt, in einer der wohlhabenden Öl-Monarchien am Persischen Golf. Fans des kleinen Nachbarn Katar durften nicht einreisen. Im Halbfinale warfen Zuschauer des Gastgebers Schuhe und Flaschen auf die Spieler Katars. Dennoch gewann Katar auch das Finale gegen Japan und wurde erstmals Asienmeister. Funktionäre der VAE boykottierten die Siegerehrung.

„Der Fußball ist ein Spiegel der Spannungen am Golf“, sagt Jassim Matar Kunji, früher Torhüter in der katarischen Liga und nun Journalist beim Fernsehsender Al Jazeera. „Es wurden Sponsorenverträge zwischen den Ländern gekündigt und Spielertransfers abgesagt.“ Denn seit 2017 spitzte sich ein alter Konflikt am Golf zu: Saudi-Arabien verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Die VAE, Bahrain und Ägypten schlossen sich an und setzten ihre Beziehungen mit Doha ebenfalls aus. Ihr Vorwurf: Katar würde Terrorgruppen unterstützen und pflege eine zu große Nähe zur Muslimbruderschaft und zum Iran. Saudi-Arabien stellte Lebensmittelimporte nach Katar ein. Durch die Unterbrechung wichtiger Reisewege wurden Familien getrennt.

„Viele Katarer haben eine Invasion von Saudi-Arabien für möglich gehalten“, sagt Jassim Matar Kunji und nennt ein warnendes Beispiel. 1990 marschierte der übermächtige Irak in Kuwait ein, die USA mussten zur Befreiung anrücken. In den kleineren Staaten setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff – zum Beispiel durch Iran – klar unterlegen wären. Die Armee Saudi-Arabiens zählt heute 200.000 Soldaten, die von Katar 12.000. Um diesen Unterschied auszugleichen, verfolgt Katar eine Strategie der Soft Power: mit milliardenschweren Investitionen in Kultur, Wissenschaft und Fußball, mit Großveranstaltungen, Vereinsbeteiligungen oder Sponsoren-Partnerschaften bei Paris Saint-Germain oder beim FC Bayern München.

Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist der wohl wichtigste Teil dieser Strategie. Doch auch die gerade laufende Klub-WM bietet dem Emirat mitten in der Pandemie eine wichtige Bühne. Der Champions-League-Sieger FC Bayern steigt am Montag in den Wettbewerb ein. Es lohnt sich also, den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg Katars genau zu betrachten.

Eine der größten Sportakademien der Welt

Katar, zuletzt unter britischer Kontrolle, hatte im Jahr seiner Unabhängigkeit nur rund 100.000 Einwohner – und stand danach lange unter dem militärischen Schutz Saudi-Arabiens. Doch Katar wollte sich aus der Umklammerung lösen und leitete ab Mitte der 1990er-Jahre eine Modernisierung ein. Der Emir ließ den Nachrichtensender Al Jazeera aufbauen und öffnete die Wirtschaft für ausländische Investoren. In der Hauptstand Doha entstanden Zweigstellen renommierter Universitäten aus den USA, Großbritannien und Frankreich, drei der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates.

„Die Golfstaaten wollen neue Wirtschaftszweige entwickeln. Denn ihre traditionellen Einnahmequellen Öl und Gas sind endlich“, sagt der Sportwissenschaftler Mahfoud Amara von der Qatar-Universität in Doha. „Der Sport dient als Strategie, um Sektoren wie Tourismus, Handel oder Transportwesen bekannter zu machen.“ Das katarische Herrscherhaus ließ eine der größten Sportakademien der Welt bauen, eröffnet 2005.

Dutzende Wettbewerbe finden seither jährlich in Doha statt. Weltweit Schlagzeilen machte das erst im Dezember 2010 mit der Vergabe der WM 2022. Kurz danach erwarb Katar die Mehrheit von Paris Saint-Germain. Zudem wurde Qatar Airways der erste Trikotsponsor des FC Barcelona. Immer mehr Spitzenklubs verbringen Trainingslager in Doha, der FC Bayern bis heute zehnmal. Als Begleiterscheinung können europäische Sponsoren der Vereine lukrative Märkte am Golf erschließen. Katar investierte bis heute mehr als eine Milliarde Euro in den europäischen Fußball. In Deutschland, England oder Frankreich steht die Finanzabwicklung in der Kritik, schließlich seien Besitzer und Sponsor kaum voneinander zu trennen.

Aber in der arabischen Welt wächst der katarische Einfluss. Das ärgert die langjährige Regionalmacht Saudi-Arabien, sagt Simon Chadwick, Gründer des Zentrums der Eurasischen Sportindustrie: „Eine Agentur wollte nachweisen, wie ungeeignet Katar für die WM sei. Dann stelle sich heraus, dass die Kampagne von Saudi-Arabien finanziert wurde.“ Katar lehnte den Wunsch des Weltfußballverbandes Fifa für eine nachträgliche Erweiterung der WM 2022 von 32 auf 48 Team stets ab. Eine Spitze gegen den möglichen Co-Gastgeber Saudi-Arabien.

Einkaufszentren, Unterhaltung, Großevents

In der Golfregion konkurriert Katar um Investoren, Touristen, Fachkräfte und die Niederlassung von Start-ups vor allem mit Abu Dhabi und Dubai, den beiden einflussreichsten Kleinstaaten der VAE. Das größere Dubai setzt auf Einkaufszentren, Familienunterhaltung und Großereignisse wie die Expo 2021. Der Flughafen in Dubai ist ein führendes Drehkreuz, auch dank Fußball. Die staatliche Fluglinie Emirates mit Sitz in Dubai ist seit Anfang des Jahrtausends als Sponsor in großen europäischen Ligen aktiv. Das kleinere Abu Dhabi legte 2008 nach und kaufte sich bei Manchester City ein. Trikotsponsor ist die Fluglinie Etihad. „Wir sehen in der Fußballindustrie eine massive Machtverschiebung nach Osten“, sagt Simon Chadwick. „Der Sport als Ausgangspunkt für neue Handelsbeziehungen.“ Das WM-Finalstadion in Katar wird zum Beispiel von chinesischen Firmen gebaut.

Dabei verschwimmen am Golf wirtschaftliche Konkurrenz und politisches Misstrauen. Katar bezog Stellung während des Arabischen Frühlings 2011 und auch danach: für die Muslimbruderschaft in Ägypten, für islamische Kräfte in Tunesien, für die Rebellen in Libyen gegen Gaddafi und in Syrien gegen Assad. „Katar will sich als eine führende Regionalmacht positionieren“, sagt Joachim Paul, der sich für die Heinrich-Böll-Stiftung mit der Golfregion beschäftigt hat. „Saudi-Arabien und die VAE möchten den politischen Islam eher eindämmen, vor allem die Muslimbruderschaft.“ Saudi-Arabien rächte sich, auch im Fußball: Etwa mit dem Piratensender „BeoutQ“, der das teuer eingekaufte Programm des katarischen Sportsenders „BeIN Sports“ abschöpft und selbst verbreitet.

Diese Spirale der Feindseligkeiten hätte sich wohl weitergedreht, doch dann kam Corona. Der ohnehin niedrige Öl-Preis brach ein, ausländische Investitionen gingen zurück, der junge Tourismussektor könnte Zehntausende Arbeitsplätze verlieren. Anfang Januar beendete Saudi-Arabien nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. „Es ist ein fragiler Frieden“, sagt der Nahost-Experte Kristian Ulrichsen, der ein Buch über die Golfkrise geschrieben hat. „Die Golfstaaten haben eingesehen, dass sie in dieser schwierigen Zeit auf eine Zusammenarbeit angewiesen sind.“ Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren. Wenn schon nicht mit Turnierspielen, dann mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans. Im Gespräch sind auch gemeinsame Technologieplattformen und eine Strategie gegen die hohen Diabetes-Raten in der Region, um langfristig das Gesundheitssystem zu entlasten.

Auch deutsche Unternehmen mischen mit. Die Deutsche Bahn ist in Katar am milliardenschweren Aufbau des Schienennetzes beteiligt. Und erhielt dafür Kritik. Keiner der Staaten am Persischen Golf wird demokratisch regiert, eine Gewaltenteilung existiert nicht. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2020 liegt Katar von 180 Staaten auf Rang 129, die VAE auf 131, Saudi-Arabien auf 170. Homosexuelle müssen mit Verfolgung rechnen. Wenzel Michalski von Human Rights Watch sieht es kritisch, dass Vereine aus demokratisch regierten Ländern wie der FC Bayern die katarische Außenpolitik mit ihren Partnerschaften aufwerten: „Wenn europäische Klubs auf den Profit schon nicht verzichten wollen, dann könnten sie den wenigen kritischen Aktivisten vor Ort mehr Interesse entgegenbringen.“ Im Umfeld des FC Bayern sind es vor allem einige Fangruppen, die kritisch auf Katar eingehen.

Kritik von Menschenrechtlern

Im Zentrum: die Arbeitsrechte. Die katarische Herrscherfamilie lässt zwar die 250.000 Staatsbürger am Wohlstand teilhaben. In Bildung, Gesundheitsvorsorge und Jobvergabe genießen sie Privilegien, ihr Prokopfeinkommen ist eines der höchsten weltweit. Doch die rasende Entwicklung Katars wurde von mehreren Hunderttausend Gastarbeitern ermöglicht, aus Indien, Bangladesch oder Pakistan. Lange waren sie auf Bürgen angewiesen, die ihre Pässe einbehalten konnten. Viele von ihnen erkrankten bei hohen Sommertemperaturen oder starben. Inzwischen wurde der Schutz der Arbeiter verbessert und ein Mindestlohn eingeführt, offiziell. Doch Menschenrechtler kritisieren, dass die Umsetzung der Reformen nicht ausreichend kontrolliert wird.

Von den rund 2,5 Millionen Einwohnern in Katar haben nur zehn Prozent einen katarischen Pass. In keinem anderen Land ist der Anteil an Einwanderern so hoch. „Einige Geschäftsleute haben Bedenken, dass sich Katar durch die WM zu sehr öffnen könnte“, sagt der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava von der Georgetown-Universität in Doha. Sie fürchten, dass Fußballfans 2022 Alkohol in der Öffentlichkeit trinken und Schwule ihre Sexualität nicht verbergen. 2018 ließ der Emir die Alkoholpreise durch Steuern massiv erhöhen, an der Qatar-Universität ersetzte er als Hauptsprache Englisch durch Arabisch. Zugeständnisse an konservative Kreise, denn nur mit innerpolitischer Stabilität lässt sich außenpolitisch Soft Power betreiben.

Auch das wahhabitische Königshaus in Saudi-Arabien könnte durch die Reformen Katars unter Zugzwang geraten. Riad hat spät die sportpolitischen Ambitionen kopiert. Zunächst 2016 mit der Organisation kleinerer Wettbewerbe: im Wrestling, Schach, im Rennsport Formel E. Dann mit größeren: im Handball, Boxen und im Fußball. Mehr als zwei Milliarden Dollar sollen insgesamt in Sport und Kultur fließen. „Saudi-Arabien will das Image der konservativen, verschlossenen Gesellschaft loswerden“, sagt der Forscher Mahfoud Amara. „Und das Land braucht andere Einnahmenquellen jenseits des Öls.“

Sobald es um emotionale Debatten im Sport gehe, argumentiert Human Rights Watch in einem Sonderbericht, treten die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien in den Hintergrund. Zwar dürfen Frauen nunmehr Auto fahren, Stadien besuchen oder zur Gesundheitsförderung ins Fitnessstudio gehen, aber noch immer befänden sich Frauenrechtlerinnen in Gewahrsam. Auch Exilanten sind in Gefahr, wie der Mord am Journalisten Jamal Khashoggi 2018 im Konsulat von Istanbul zeigt. „Durch Sport legt sich Saudi-Arabien eine vermeintlich unpolitische Fassade zu“, sagt Wenzel Michalski von Human Rights Watch. Und der Sport will mitverdienen. Die Formel 1 ist dieses Jahr mit drei Rennen in der Golfregion vertreten, zum ersten Mal auch in Saudi-Arabien.