Der Journalist Gabor Steingart im Januar 2020 in der ARD-Talkshow „Maischberger. die woche“.
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Zu den Besonderheiten des Journalismus-Projekts Media Pioneer gehört nach Angaben von dessen Gründer Gabor Steingart der komplette Verzicht auf Werbung. Der ehemalige Chefredakteur und Geschäftsführer des Handelsblatts will sein neues Baby, an dem auch das Medienhaus Axel Springer (Bild, Welt) beteiligt ist, ausschließlich durch Abo-Erlöse finanzieren.

Media Pioneer richtet sich in erster Linie an Entscheider aus Politik und Wirtschaft in der Bundeshauptstadt. Sein bekanntestes Produkt ist der von Steingart persönlich verfasste Newsletter „Morning Briefing“, der um die 170.000 Leser erreicht. Sein gleichnamiger Podcast hat bis zu eine Million Hörer pro Woche. Erste kostenpflichtige Dienste erscheinen seit diesem Frühjahr. Viel verspricht sich Steingart auch von seinem mit Ökostrom betriebenen Redaktionsschiff „Pioneer One“, das durch das Berliner Regierungsviertel schippert. Hier geben sich Politiker, Wirtschaftslenker und Kulturgrößen ein Stelldichein.

Für sein Projekt hat der 58-Jährige namhafte Journalisten wie den ehemaligen Chefredakteur der Rheinischen Post Michael Bröcker oder den einstigen Leiter des Berliner Büros des Redaktionsnetzwerks Deutschland Gordon Repinski engagiert. Neben dem Redaktionsschiff, eine wohl nicht ganz preisgünstige Sonderanfertigung einer Werft aus dem Rheinland, gibt es auch noch ein großzügiges Redaktionsbüro in bester Lage im noblen Berlin-Charlottenburg. In Branchenkreisen glaubt man schon lange, dass Steingarts ebenso ehrgeiziges wie teures Projekt sich ganz ohne Werbung nicht finanzieren lässt.

Nun hat die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe den Nachweis erbracht, dass Media Pioneer, allen gegenteiligen Beteuerungen Steingarts zum Trotz, sehr wohl mit Zuwendungen von der Wirtschaft bedacht wird. Konkret beliefert der Energieriese RWE die „Pioneer One“ mit Strom zum Nulltarif. Nach Angaben der Zeit hat der Media-Pioneer-Chef das bisher verschwiegen. Erst als das Wochenblatt Steingart mit seiner Recherche konfrontiert habe, sei ein entsprechender Vermerk auf der Medien-Start-ups erschienen.

Dort stehen nun insgesamt sieben Unternehmen, die Media Pioneer mit Produkten und Dienstleistungen unterstützen: König Pilsener schenkt auf der „Pioneer One“ Bier aus, Möbelhersteller Walter Knoll sorgte für die Innenausstattung und der Fahrdienst Uber transportiert die Gäste des Redaktionsschiffs. Wie konkret diese „Unterstützung“ aussieht, ist nicht immer so klar wie im Fall RWE.

Im Eintrag zum Energiekonzern steht übrigens, dass „eine publizistische Einflussnahme … ausgeschlossen“ sei. Folglich war es vermutlich Zufall, dass Steingart dieses Jahr RWE-Chef Rolf Martin Schmitz zweimal in seinem „Morning Briefing“-Podcast interviewte.