Gasexperte: „Wir Deutschen kaufen LNG teurer ein, weil wir so reich sind“

Deutschland ersetzt russisches Gas vor allem durch Flüssiggas. Die Verkäufer kassieren sagenhafte Profite. Ein Berliner Unternehmer bringt die Geschäfte mit LNG auf den Punkt.

Ein Tanker mit LNG (Liquified Natural Gas) im Hafen von Boston, Massachusetts, USA
Ein Tanker mit LNG (Liquified Natural Gas) im Hafen von Boston, Massachusetts, USAimago/Steve Dunwell

Gabor Beyer ist Geschäftsführer und Mitgründer von Liquind. Das 2015 gegründete Berliner Unternehmen baut europa- und bundesweit Verteilinfrastruktur für Flüssiggas (LNG) auf, insbesondere LNG-Tankstellen für Schwerlastverkehr. Liquind kauft LNG ein und verkauft es an seine Kunden. Gabor Beyer kennt also den Gasmarkt, die Gaspreise und die Zusammenhänge mit LNG sehr gut. Wir haben ihm die relevantesten Fragen rund um die Energiekrise, den Gasmarkt und die Gaspreisbremse  gestellt.

Berliner Zeitung: Herr Beyer, wo kriegen Sie LNG für Ihre Tankstellen?

Gabor Beyer: Wir als Liquind bekommen unser LNG aktuell von den Terminals in Polen, Rotterdam und Seebrügge und in Kürze auch aus Spanien und Frankreich. Man muss im Auge behalten, dass es noch keine physischen Versorgungsengpässe beim Gas gibt. Es sind die Preise, die allen Sorgen machen. Das erste deutsche LNG-Terminal in Wilhelmshaven wird in erster Linie gebaut, um Flüssiggas in das deutsche Erdgasnetz einzuspeisen, weil die Gasleitungskapazitäten der oben genannten großen LNG-Terminals nach Deutschland nicht ausreichen. Kommt ein deutsches Terminal dazu, gibt es für Deutschland mehr Kapazitäten und für uns werden die Transportwege kürzer und die Kosten etwas niedriger.

Der Chef der deutschen Energieagentur Dena, Andreas Kuhlmann, kann die Entwicklung an den „verrückten Gasmärkten“ nach eigenen Worten kaum mehr verstehen. Wie funktioniert der Gasmarkt?

Früher war jeder Gasmarkt ein sehr regional orientierter Markt, sowohl von der Menge als auch von den Preisen her. Die Russen, Norweger oder auch Holländer haben Gasfelder entwickelt und von diesen Feldern Pipelines gebaut zu dem Land, wo Gas gebraucht wurde. Dafür hatte man langjährige Kontakte für zehn bis 20 Jahre, damit sich die Investitionen auch lohnen. Es ergab sich dadurch zwar eine hundertprozentige Abhängigkeit der beiden Seiten voneinander. Aber Gas war günstiger.

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Liquind
Zur Person
Gabor Beyer ist Geschäftsführer und Mitgründer von Liquind. Das 2015 gegründete Unternehmen mit Sitz in Berlin baut europa- und bundesweit Verteilinfrastruktur für Flüssiggas (LNG) auf, insbesondere LNG-Tankstellen für Schwerlastverkehr. Der diplomierte Kaufmann und Ökonom ist unter anderem im Vorstand der Berliner Beratungsfirma im Bereich der Energiewirtschaft, BTO Management Consulting AG.

Es gab so einen europäischen, amerikanischen, asiatischen und andere Märkte, und sie haben fast problemlos funktioniert. Das Problem ist, dass diese Märkte nicht miteinander gekoppelt waren. Russisches Erdgas, das per Pipeline nach Europa kam, konnte nicht woanders hingehen. Die Länder im Nahen Osten oder Australien, die viel mehr Gas haben als sie brauchen, können ihren Überschuss aber nicht mit der Pipeline exportieren.

Stattdessen fördern sie Flüssigerdgas, aber wie?

Deswegen haben diese Länder Flüssigerdgas oder Liquefied Natural Gas (LNG) eingeführt. Es ist das gleiche Erdgas, das ganz normal gefördert und dann auf minus 152 Grad tiefgekühlt wird, um eine enorme Energiedichte zu bekommen. Dieses LNG kann man auf Schiffe laden und in alle Welt transportieren. Dort wird es an Terminals entladen und in die Gasnetze des jeweiligen Landes eingespeist, wo das Terminal steht.

Damit hat Flüssiggas oder LNG zwei große Vorteile, weil es auf der einen Seite einen physischen Connector darstellt, also aus den Ländern, wo es einen Angebotsüberschuss gibt, wie Australien, Katar oder die USA, in die Länder exportiert werden kann, die einen Nachfrageüberschuss haben, wie China oder eben jetzt Deutschland. Auf der anderen Seite hat LNG auch einen Preis-Connector.

Was bedeutet dieser Preis-Connector?

Stellen Sie sich vor, in Europa wäre der Gaspreis jetzt 500 Euro pro Megawattstunde. Und im Nahen Osten wäre der Preis zehn Euro. Wenn es nur Pipeline-Gas gäbe, das Sie nicht aus einer Region in eine andere beliebige Region transportieren könnten, würden die Preise so auch bleiben. Das Flüssiggas wird jedoch immer dorthin verkauft, wo es am teuersten ist. So funktioniert der Preis-Connector: Er verknüpft so die verschiedenen regionalen Gasmärkte miteinander.

Wird LNG wie normales Erdgas an der Börse gehandelt?

Grundsätzlich ja: Es gibt weltweit verschiedene Gasmärkte mit ihren eigenen Preisen, wo nicht zwischen LNG und gasförmigem Erdgas unterschieden wird, da ja auch LNG wieder ganz überwiegend in die Gasnetze eingespeist wird. Für Europa gibt es zum Beispiel den sogenannten TTF-Preis, zu dem Gas also an der virtuellen niederländischen Gasbörse in Rotterdam gehandelt wird. Aber es gibt auch Preise für den spanischen, französischen und andere europäische Märkte, wobei der Preis für Deutschland in den letzten Monaten deutlich höher war.

Aber es gibt grundsätzlich keinen eigenen LNG-Preis, sondern Sie kaufen LNG zum Börsenpreis für normales Erdgas. Heute (Stand Montag) liegt der Preis (TTF) bei rund 159 Euro pro Megawattstunde. Es sind heutzutage aber öfter 180 Euro pro Megawattstunde.

Gibt es noch den Markt der langfristigen Verträge, abgesehen von der Börse?

Genau, man muss den Spotmarkt und den Langfristmarkt auseinandersortieren. Auf dem Langfristmarkt können Sie Pipeline-Gas oder LNG zu einem bestimmten Preis kaufen, zu dem Sie eine Lieferung im Kalenderjahr 2023, 2024 oder 2025 bekommen. Wir hatten solche Verträge für Pipeline-Gas mit den Russen, sagen wir mal, zum Preis 50 Euro pro Megawattstunde. Jetzt beschließen wir, dass wir dieses Gas aus moralischen Gründen wegen des Ukraine-Krieges nicht wollen. Wir brauchen aber weiterhin Gas.

Der Ausweg ist, LNG zu kaufen. Das Problem ist nur: Jedes Land, das LNG verschifft, ob Katar, Australien oder die USA, will sein Gas eben langfristig verkaufen, um die Investitionen in die Gasentwicklung zu sichern. Mit anderen Worten: Es sind außerhalb des Langfristmarkts nur wenige freie Gasmengen zu haben.

Woher nimmt Deutschland dann LNG?

Wenn deutsche Gasimporteure jetzt LNG kaufen, heißt es, dass sie entweder die Spotmengen zu horrend hohen Preisen absaugen oder versuchen, aus Langfristverträgen anderer Käufer Gas, das schon verkauft wurde, zu sich umzuleiten. Dafür bezahlen sie ebenfalls deutlich höhere Preise. Das ist unsere alternative Besorgung zu Langfristverträgen. Finanzminister Christian Lindner sagt nun, dass uns eine Normalisierung der Gaspreise erwartet. Es stimmt, der Gaspreis liegt jetzt nicht bei über 300 Euro wie Ende August. Aber die deutsche Industrie – vor allem Chemie, Papier, Stahl – wird auch bei 180 Euro pro Megawattstunde nicht lange produzieren können.

Wie oft wird, sagen wir, US-amerikanisches LNG verkauft, bis es in Deutschland ankommt?

Deutsche Gasimporteure beschaffen LNG sowohl über die verschiedenen europäischen Gasmärkte als auch bei den großen Händlern oder anderen Ländern. Diese Händler vereinbaren dann, wer diese Mengen transportiert. Das Gas mag auch schon in Europa angekommen sein, bevor es nach Deutschland verkauft wird, muss aber nicht. E.ON Ruhrgas kauft zum Beispiel Gas beim norwegischen Equinor (früher Statoil), aber es können auch Energiehändler wie Glencore dazwischen stehen. Es können auch mehrere Händler dazwischen sein.

Die deutschen Unternehmen versuchen inzwischen, die amerikanische Regierung dazu zu bringen, durch die Änderung von Rahmenbedingungen mehr Gasförderung zuzulassen. Aber grundsätzlich verkaufen amerikanische oder katarische Unternehmen ihr LNG an den, der am meisten bezahlt. Und wir Deutschen verdrängen einfach, weil wir so reich sind, andere LNG-Nachfrager vom Weltmarkt. Die Amerikaner verkaufen jetzt nicht an China, Sri Lanka oder Indonesien, sondern an uns.

Ist die Gasbörse in Rotterdam für den Verbraucher relevant? Der Gaspreis ist im Vergleich zum Rekordhoch von 340 Euro pro Megawattstunde im August um rund 50 Prozent gesunken. Ist das Schlimmste schon vorbei?

Das zu behaupten, ist unseriös. Wir haben einen relativ kalten Herbst, in Bayern gab es vor Kurzem schon Schnee in den Alpen. Wenn es durchschnittlich kalt bleibt, werden wir genug Gas haben. Aber wenn der Winter kalt wird, dann kriegen wir Probleme, und am Ende wird auch die Preisstellung abhängig von der Nachfrage.

Sie haben auf einer Veranstaltung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) gesagt, dass ein Kilogramm LNG im August 2021 1,30 Euro kostete, im August dieses Jahres schon 3,30 Euro, und für September wurden 5,20 Euro verlangt. Welche Preise gelten für Oktober?

Das sind die LNG-Preise für den Transportsektor. Sie basieren auf dem TTF-Gaspreis plus Energiesteuer plus CO₂-Abgabe plus die Investitionen in Infrastruktur und Transport. Da der TTF-Gaspreis jetzt etwas gesunken ist, haben wir gerade etwa einen LNG-Preis von 4,80 Euro pro Kilogramm. Das Interessante daran ist, dass der Endpreis in Deutschland aktuell im Schnitt 50 bis 80 Euro über denen der anderen europäischen Länder pro Megawattstunde liegt.

Liegt das daran, dass der Anteil von russischem Gas am deutschen Verbrauch höher war?

Das ist das eine. Das zweite ist, dass die Nachfrage in Deutschland höher ist. Das ist die Kehrseite der Gasspeicherstände. Wenn Sie Gas aus Europa anstelle des russischen Gases absaugen, kreieren Sie eine Nachfrage, die von Lieferanten nur bedient wird, wenn Sie entsprechende Preise bezahlen. Die Versorgungssicherheit in Deutschland wird so sichergestellt. Doch es entsteht ein enormer Preisdruck für die Verbraucher. Deswegen braucht man extreme Lösungen, wie man diesen Preisdruck etwas abmildern kann.

Und die Bundesregierung bietet bisher keine Lösungen?

Wer A sagt, nämlich: ich will kein russisches Gas mehr haben, muss auch B sagen und das Gas woanders her besorgen. Der wiederum muss auch C sagen und damit einverstanden sein, dass es sehr teuer wird, und dann noch D sagen und Ausgleichsmechanismen für die Haushalte und Institutionen suchen. Ich fürchte aber, dass die Politik diese Kette von A, B, C bis D bisher nicht vollständig verstanden hat.

Anstelle der Gasumlage soll nun die Gaspreisbremse kommen, deren Grundidee ist, dass der Preis für einen Grundbedarf an Gas pro Haushalt festgelegt wird und die Differenz zum tatsächlichen Marktpreis den Gasversorgern vom Staat erstattet wird. Wem würde der Eingriff in den Markt helfen?

Hohe Preise für Energie sind damit vermutlich unser Verhängnis, mit dem wir noch lange leben müssen.

Gabor Beyer, Geschäftsführer von Liquind

Die Preise sind da, um die Knappheit von dem Gut auszudrücken. Der sinkende Verbrauch ist daher das sicherste Mittel dafür, dass der Gaspreis sinkt. Unser Problem ist nur, dass schwächere Haushalte sich die hohen Preise selbst beim Gassparen nicht leisten können. Dann brauche ich keine Gas- oder Strompreisbremse für jeden Haushalt, sondern ich brauche eine direkte Unterstützung der Haushalte, die sie wirklich brauchen.

Warum nicht die Mehrwertsteuer für Gas gleich auf null senken?

Das würde den Gaspreis nicht ausreichend senken. Man könnte auch die CO₂-Abgabe sowie alle anderen Umlagen vorübergehend aussetzen; das würde den Preis in Summe sicher erheblich senken. Aber es gilt auch: Es gibt Verbraucher, die brauchen weder einen Gaspreisdeckel noch eine Strompreisbremse und könnten es sich leisten, den vollen Gaspreis zu bezahlen. Die Energiepauschale von 300 Euro und Ähnliches für alle verfehlen daher völlig ihr Ziel.

Wir müssen denen helfen, die in eine wirtschaftliche Notlage geraten, und nicht allen nach dem Gießkannenprinzip. Warum sollte jetzt jeder eine X-Menge Gas zum subventionierten Preis kriegen? Wir wollen doch, dass weniger verbraucht wird und die Leute anfangen, sich über Energieeffizienz Gedanken zu machen. Die hohen Preise wären jetzt also eine Chance dafür.

Bundeskanzler Scholz hat einen LNG-Deal mit den Arabischen Emiraten abgeschlossen. Noch in diesem Jahr sollen 137.000 Kubikmeter Flüssiggas per Schiff nach Deutschland kommen. Ein Tropfen im Meer, sodass selbst die Menschenrechtsfrage nicht zählt?

Wir tauschen den Teufel gegen den Beelzebub. Am besten wäre es gewesen, man hätte diese kleine Menge von den Emiraten gar nicht gekauft und eingespart. Brauchen wir nicht.

Wo dann sonst Alternativen zum russischen Gas finden? Norwegen kann nicht mehr produzieren, und Kanada wird vorerst nur grünen Wasserstoff liefern.

In Kanada ist der Bau von großen Pipelines an der Küste sowie der Bau von Exportterminals in der Bevölkerung sehr umstritten. Außerdem würde es Jahre dauern, bis wir aus Kanada LNG kriegen würden. Die Kanadier wären vielleicht bereit, ein Terminal für Gaslieferungen nach Deutschland zu bauen, aber dafür bräuchten sie dann einen langfristigen Liefervertrag für zehn bis 20 Jahre, um die Investitionen zu decken. Und das wollen deutsche Politiker nicht, denn sie steigen ja aus fossilem Gas aus.

Was wir am Ende haben: Unsere Energiepolitik, die schon ab 2030 fossilfrei sein will, beißt sich mit der Struktur der Energiemärkte. Niemand wird uns jetzt langfristige Energielieferungen entwickeln. Wir steigen aus Kohle und Atom aus und wollen auch keine langfristigen Lieferverträge beim Gas mehr haben. Hohe Preise für Energie sind damit vermutlich unser Verhängnis, mit dem wir noch lange leben müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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