Die Deutsche Einheit, die für mich wie für alle in Deutschland eine große Überraschung war, habe ich in Hamburg erlebt, wo ich seinerzeit für die Airbus-Produktion zuständig war. Wir waren am Abend mit Freunden zusammen, als wir einen Anruf bekamen: „Macht doch mal den Fernseher an, die Mauer ist auf.“

Am nächsten Morgen hörten wir im Radio die Berichte aus der Stadt. Viele DDR-Bürger waren direkt in den Westen gereist. Wir haben dann einen Einkaufsbummel in der Hamburger Innenstadt gemacht. Dort konnte man den Fall der Mauer praktisch riechen. Die Trabis mit ihren Zweitaktmotoren haben in den Häuserschluchten der Stadt einen ungewohnten Geruch hinterlassen. Es war klar, die Mauer ist auf.

Durch Zufall trafen wir ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, die auf der Suche nach einer Postfiliale waren, in welcher sie sich das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark abholen wollten. Was sie nicht wissen konnten: In Westdeutschland schloss die Post damals mittags. Damit waren sie aufgeschmissen.

Wir haben die vier dann spontan eingeladen, zu uns zu kommen. Sie haben auf der Besucherritze übernachtet. Am nächsten Morgen haben wir zusammen gefrühstückt, uns ausgefragt und angefreundet. Wir treffen uns heute noch.

Der Fall der Mauer war für mich das Rückerlebnis an meine Erinnerung an den Mauerbau. Es war ein heißer Sommertag, und ich war mit meinen Klassenkameraden am Olympiastadion zum Baden, als über ein Transistorradio die Meldung vom Mauerbau kam. Innerhalb kürzester Zeit war das Schwimmbad leer, und wir alle sind auf unseren Rädern in Richtung Grenze gefahren, um zu sehen, was passiert.

Am Brandenburger Tor wurden wir von der West-Berliner Polizei abgehalten, nicht zu dicht an die Volkspolizisten heranzutreten, die mit dem Maueraufbau beschäftigt waren. Die Menschen waren spürbar aufgeregt, nervös, laut und fast ein wenig gewaltbereit. Ich war damals sehr beeindruckt von der Stimmung, die dort herrschte.

Flugzeuge an Interflug verkauft

Meine Familie hatte keinen direkten familiären Bezug zur DDR. Ich war hin und wieder mit Freunden in Ost-Berlin, aber mehr aus Neugierde. Mein nächster intensiver Kontakt mit der DDR war dann erst kurz vor dem Fall der Mauer. Damals habe ich im Rahmen meiner Tätigkeit im Vorstand von Airbus Industries zwei Flugzeuge an die Interflug verkauft und in diesem Zusammenhang auch Aufträge an das DDR-Luftfahrtskombinat in Dresden verhandelt.

Dabei habe ich durch Zufall den Besuch von Gorbatschow in Ost-Berlin erlebt. Das war in den unbeleuchteten Straßen von Ost-Berlin, in welchen die Volkspolizei in Wartestellung aufmarschiert war, was sehr bedrohlich und gespenstisch auf mich wirkte.

Es ist anders gekommen. Die Mauer ist gefallen, und wir haben das VEB Flugzeugkombinat Dresden übernommen. Dieser Betrieb befindet sich noch heute im Airbus-Werksverbund und baut erfolgreich Airbus-Passagiermaschinen zu Frachtflugzeugen um.

Heute können wir als Deutsche wirklich stolz sein, dass diese historische Wiedervereinigung ohne Blutvergießen abgelaufen ist und wir Schritt für Schritt zur Normalität eines geeinten Deutschlands zurückkehren. Das Mauerfalljubiläum macht mir persönlich klar, dass unsere Generation historisch und kulturell einen ganz wichtigen Abschnitt in der deutschen Geschichte der letzten und der nächsten 1000 Jahre miterlebt hat. Freiheit, Frieden, Handel und Wachstum – das alles ist nun Realität geworden.

Das Ehepaar das wir 1989 in Hamburg getroffen haben, sehen wir übrigens noch immer mindestens ein Mal im Jahr. Entweder treffen wir uns in Berlin oder bei ihnen in Haldensleben. Es gibt bis heute viel zu erzählen. Einen Termin zu finden, ist meist schwieriger, denn unsere Freunde nutzen die Reisefreiheit mehr als wir aus dem ehemaligen Westteil der Stadt. Sie genießen die Freiheit ohne Grenzen.