Es geht dabei auch um Vorurteile: „Viele denken, wir Hebammen ziehen noch mit dem Holzrohr und einem Kräuterbündel los“, sagt Mandy Pleikies, dabei seien sie ausgestattet mit einem CTG, einem weiteren Herztongerät, Notfallmedikamenten und einem Sauerstoffgerät. Sie ist darin ausgebildet, Säuglinge zu reanimieren. Und die Fahrt ins Vivantes-Klinikum Neukölln dauert vom Geburtshaus aus keine Viertelstunde. Soviel Zeit wäre in der Klinik meist ohnehin notwendig, um einen OP für den Notfall bereitzustellen, sagt Mandy Pleikies. „Wir arbeiten Hand in Hand mit den Kliniken.“ Etwa jede sechste Geburt muss vom Geburts- ins Krankenhaus verlegt werden.

Notfälle sind äußerst selten. Ist ein Wechsel notwendig, geschieht dies in Ruhe und im Privatauto und nicht im Rettungswagen. Das zeigen die Statistiken der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe, der gegenüber Hebammen verpflichtet sind, ihre Arbeit zu dokumentieren. Knapp 10.400 Kinder brachten Hebammen 2011 außerklinisch auf die Welt, über 90 Prozent der Kinder ging es nach der Geburt gut.

Das Risiko aber ist da, auch wenn die Hebammen Frauen, bei denen die Schwangerschaft nicht normal verläuft, sowieso an die Kliniken überweisen. „Eine Geburt ist immer zwischen Himmel und Hölle“, sagt Mandy Pleikies. Es gibt einfach Notsituationen, die niemand vorhersehen kann. Wäre es also nicht doch sicherer, die Geburten den Krankenhäusern zu überlassen?

Isabelle Kunze hat ausschließlich im Krankenhaus gearbeitet, nicht weil ihr das Risiko zu hoch war. Elf Jahre lang hat sie als Beleghebamme in Neukölln Kinder im Kreißsaal zur Welt gebracht, dort oft vier, fünf Geburten gleichzeitig betreut. Dann bekam sie selbst ein Kind und wollte nicht mehr im Schichtdienst arbeiten. Mit drei Kolleginnen zog sie in ein Ladenlokal in Alt-Treptow, sie nennen sich Kiezhebammen, bieten Yoga- und Tanzkurse für Schwangere an, begleiten sie vor und nach der Geburt – aber nicht währenddessen.

Überstunden und geringes Gehalt

„Ich hätte gerne die Wahl gehabt, zumindest hin und wieder eine Frau auch bei der Geburt zu betreuen“, sagt Isabelle Kunze. Doch die 4242 Euro, die Geburtshelferinnen für die Haftpflichtversicherung derzeit noch im Jahr zahlen, kann sie sich nicht leisten. Viele Frauen, sagt Isabelle Kunze, sind enttäuscht, dass die vertraute Hebamme, ausgerechnet bei der Geburt nicht dabei ist. Dieser Teil ihres Berufes fehle ihr. „Die Geburt ist der Höhepunkt“, sagt sie. Es ist das, was sie die vielen Überstunden und das geringe Gehalt vergessen lässt.

Das Geburtshaus von Mandy Pleikies ist bis in den Spätsommer hinein ausgebucht. Sie verhandelt jetzt mit einem Versicherer über eine Art Minigruppenversicherung für ihre Hebammen. Aus der Panik ist Pragmatismus geworden. Dennoch klingt Pleikies am Ende ihres Plädoyers hilflos. „Vielleicht hängen wir ein Transparent an unser Geburtshaus“, sagt sie. „Ab 2015 geschlossen wegen mangelnden Interesses der Politik.“