Graffiti an einer Hausfassade in Kreuzberg.
Foto: Imago Images

BerlinArbeitnehmer in Berlin verdienen weniger als Arbeitnehmer in vielen anderen Bundesländern. Laut einer Auswertung der Plattform Gehalt.de verdienen Berliner über alle Berufsgruppen hinweg durchschnittlich 42.525 Euro, in Baden-Württemberg sind es aber beispielsweise 48.870 Euro oder in Bremen 43.110 Euro. Nur Unternehmen in den ostdeutschen Bundesländer zahlen noch weniger. Dabei steigen auch in Berlin die Mieten und Lebenshaltungskosten. Ein Gespräch mit Gehalt.de-Gründer Philip Bierbach.

Herr Bierbach, Berlin boomt. Die Stadt zieht vor allem junge Menschen an, um hier zu leben, zu studieren – und eben auch zu arbeiten. Andererseits liegt Berlin im Bundesländervergleich beim Gehalt eher im Mittelfeld. Woran liegt das?

Ein Grund ist sicherlich, dass Gehälter immer ganz stark von der Wirtschaftsstruktur abhängig sind, also welche Industrien oder welche Branchen sonst noch in der Region vertreten sind. Und anders als beispielsweise in Baden-Württemberg und Bayern, wo die ganzen großen Automobilzulieferer und Autohersteller sitzen, gibt es diese großen Arbeitgeber hier nicht. Berlin ist geprägt von der Dienstleistungsbranche. Und das sind in der Regel nicht die Arbeitgeber, die das höchste Gehalt zahlen.

Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen im 3. Quartal 2019.
Grafik: Berliner Zeitung/Galanty; Quelle: Statistik-Berlin-BRB

Aber auch in identischen Branchen liegt Berlin beim Gehalt im Vergleich im Mittelfeld. Berlin sucht beispielsweise händeringend gut qualifizierte IT-Fachkräfte. Trotzdem bezahlen Unternehmen in anderen Bundesländern ihre Beschäftigten besser.

IT-Fachkräfte werden überall sehr stark gesucht. Das ist nicht nur spezifisch in Berlin der Fall. Die werden dann auch überall wirklich sehr gut bezahlt. Aber eben nicht überproportional gut in Berlin. Das hat auch etwas mit den Lebenshaltungskosten zu tun. Relativ gesehen sind die Lebenshaltungskosten in Berlin immer noch sehr günstig. Dementsprechend passen sich auch die Gehälter an. Hinzu kommt, dass Berlin wahnsinnig attraktiv als Stadt ist. Das heißt die Fachkräfte kommen freiwillig hierher und Arbeitgeber müssen ihnen nicht, wie das vielleicht in unattraktiveren Regionen der Fall sein kann, eine Art Boni zahlen, damit sie sich für einen Umzug entscheiden.

Abgesehen von der IT-, beziehungsweise Digitalbranche, was sind denn außerdem die Jobs mit der besten Zukunftsperspektive in Berlin?

Die Pharmaindustrie ist in Berlin sehr gut aufgestellt und zahlt mit die höchsten Gehälter. Laut unserem Gehaltsatlas 2019 zählt sie zu den Top-Branchen für Fachkräfte. Auch als Fondsmanager wird man weiter gut verdienen können. Aber wenn wir einmal den Gehaltsaspekt außer Acht lassen, sind auch Berufe im Gesundheitswesen, im Tourismussegment oder einfache Servicejobs wie Kellner interessant. Dort besteht ein riesiger Bedarf an Fachkräften und es wird immer schwieriger jemanden zu finden, der das machen möchte.

Könnten Unternehmen dem nicht entgegenwirken, indem sie höhere Gehälter zahlen?

Dadurch wird ja nicht die Anzahl der Fachkräfte größer. Zudem muss die Einkommenshöhe natürlich auch in das Gehaltsgefüge des Unternehmens passen. Ein Arbeitgeber kann seinen IT-Fachkräften beispielsweise kein höheres Gehalt zahlen als der Geschäftsführung – das ist natürlich ein überspitztes Beispiel. Außerdem: Wenn die Gehälter explodieren, sind Unternehmen natürlich auch eher gewillt Sparten ins Ausland zu verlagern, wo die Gehälter niedriger sind – das kommt natürlich auf die Branche an und ob das möglich ist. Ein großes Thema ist sicherlich auch das Anwerben von ausländischen Fachkräften.

Berlin ist auch Gründungsmetropole. Sind Start-ups gute Arbeitgeber?

Generell sind Start-ups sicherlich wahnsinnig spannende Arbeitgeber. Es handelt sich meistens um sehr innovative junge Unternehmen, in denen Mitarbeiter überdurchschnittlich schnell in Verantwortungspositionen kommen. Die Arbeitsbelastung ist dann aber natürlich auch dementsprechend hoch. Grundsätzlich wird in der Start-up-Szene zum Beispiel eher weniger Überstundenvergütung ausgezahlt als in etablierten größeren Unternehmen. Auch insgesamt sind die Gehälter in der Start-up-Szene nicht besonders hoch. Da ist es unter Umständen so, dass die Start-ups eher mal Unternehmensbeteiligungen herausgeben, um das geringere Gehalt auszugleichen. Wenn das Geschäft sich dann irgendwann entwickelt hat, können es genauso gut Arbeitgeber sein, die sehr gut bezahlen. Das hat immer ein bisschen damit zu tun, in welcher Phase sich das Unternehmen gerade befindet.

Das Gespräch führte Theresa Dräbing.