Berlin - In Deutschland sind die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen viel größer als in anderen europäischen Ländern. Woran liegt das?

Schauen wir zunächst die Fakten an, die das Statistische Bundesamt vorgelegt hat: Frauen haben zuletzt hierzulande im Durchschnitt einen Bruttostundenlohn von 15,83 Euro erhalten, Männer bekamen hingegen 20,20 Euro. Demnach verdienten weibliche Beschäftigte 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Seit fünf Jahren gibt es hier keinerlei Fortschritte.

Als Erklärung für die Lohnkluft wird häufig ein Grund genannt: Frauen arbeiten öfter in Branchen und Berufen mit relativ niedrigen Gehältern: in Dienstleistungssektoren wie dem Einzelhandel oder dem Sozialwesen. Männer sind dagegen öfter in Industriebetrieben vorzufinden, wo die Verdienste relativ hoch sind. Das stimmt, erklärt aber noch nicht, warum der Lohnunterschied im EU-Durchschnitt mit 16 Prozent erheblich geringer ist als hierzulande.

Solidarische Lohnpolitik in Schweden

Besser als Deutschland schneiden beispielsweise skandinavische Länder wie Schweden ab. Dort wurde über Jahrzehnte eine sogenannte solidarische Lohnpolitik betrieben, erklärt der Arbeitsmarktforscher Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen: Im Dienstleistungssektor stiegen die Gehälter stärker als in der Industrie. So schrumpfte die Lohndifferenz zwischen frauendominierten und männerdominierten Branchen.

Eine solche Strategie könnten auch deutschen Gewerkschaften entschlossener verfolgen. Hilfreich wäre auch, wenn die Tarifbindung im privaten Dienstleistungssektor, etwa im Einzelhandel, steigen würde.  Dieses Ziel unterstützt die schwarz-rote Koalition immerhin: Seit kurzem ist es einfacher, Tarifverträge für eine ganze Branche für allgemeinverbindlich zu erklären.

Auch der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde wird das Lohngefälle etwas verringern, weil davon viele weibliche Beschäftigte profitieren. So habe der Mindestlohn in Großbritannien den Gehaltsabstand um ein bis zwei Prozentpunkte verkleinert, berichtet Gerhard Bosch.

Mehr Frauen in Minijobs

Es gibt noch eine deutsche Spezialität, die für den großen Lohnunterschied hierzulande mitverantwortlich ist: die Minijobs, die oft von Frauen übernommen werden. Umfragen zeigen, dass die Stundensätze meist sehr niedrig sind, zudem erhalten die Leute oft keinen bezahlten Urlaub und keine Lohnfortzahlung bei Krankheit.  Der Mindestlohn wird auch hier eine gewisse Besserung bringen.

In Ostdeutschland ist der Lohnkluft – ähnlich wie in manchen osteuropäischen Staaten – geringer als in Westdeutschland. In den neuen Bundesländern arbeiten Frauen öfter Vollzeit und seltener in einem Minijob. Zudem ist das Gehaltsniveau insgesamt niedriger. Allerdings melden die Statistiker aus Ostdeutschland einen Rückschritt: 2009 verdienten Frauen im Schnitt sechs Prozent weniger als Männer, im vorigen Jahr waren es schon neun Prozent. Dort geht der Trend in die andere Richtung als in Schweden: Die Verdienste in der Industrie steigen stärker als in Dienstleistungssektoren wie dem Gesundheits- und Sozialwesen.