Nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes verdienten 2010 rund elf Prozent aller Beschäftigten in Deutschland in einem Betrieb mit zehn oder mehr Mitarbeitern weniger als 8,50 Euro pro Stunde. In den neuen Ländern war von diesen niedrigen Löhnen mehr als jeder Fünfte betroffen, in den alten Ländern nur jeder Zehnte. Die größte betroffene Gruppe in Ostdeutschland waren zudem Vollzeitbeschäftigte. Dies sind meist Männer mit Berufsausbildung.

Ulrich Blum, einst Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, reagiert besonnen. Man müsse die Löhne im Verhältnis zu den Preisen sehen, sagt er. Dann zeige sich, dass etwa das Wohnen in den neuen Ländern wesentlich günstiger sei und damit einen geringeren Teil der Lebenshaltungskosten ausmache als im Westen. Im Übrigen erklärt Blum die geringere Lohnhöhe im Osten damit, dass sich nur etwa zwei Prozent der deutschen Konzernzentralen dort befänden. Dadurch fehlen viele höher dotierte Jobs, das schlage sich in mangelnder Kaufkraft negativ auf den Einzelhandel nieder und schränkte die Möglichkeit ein, höhere Löhne zu zahlen.

Lohnsteigerungsspirale muss kommen

Blum ist sich sicher: „Wir kriegen eine Lohnsteigerungsspirale, allein schon wegen der demografischen Entwicklung und der Verknappung von Arbeitskräften.“ Löhne und Gehälter könnten in nächster Zeit aber stärker anziehen, wenn die Betriebe größer wären. Gegenüber einem allgemeinen Mindestlohn ist der Ökonom skeptisch. Denn de facto benötige man zwei Mindestlöhne, einen für den Osten und einen für den Westen. Das bringe bloß Ärger.

Der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, sieht die Dinge aus einer anderen Warte. „Löhne, von denen man nicht leben kann, sind sittenwidrig“, sagte er dieser Zeitung. „Alles unter zehn Euro pro Stunde ist Mist.“ Insbesondere die Situation im Osten sei „erschütternd“. Die Bundesregierung sei gut beraten, einen überparteilichen Konsens für einen gesetzlichen Mindestlohn auf Basis des britischen Modells zu suchen.

Die Einsetzung einer Mindestlohnkommission aus Arbeitgebern, Gewerkschaften und Experten, die regelmäßig im Konsens die Höhe des Mindestlohns festlege, finde in allen Parteien Unterstützer. Wenn Schwarz-Gelb nichts tue, „kommt für uns 2013 der dritte Mindestlohnwahlkampf“, droht Riexinger.

Gewiss ist: Bleibt die Lohn-Spreizung so wie jetzt, werden viele Menschen abstimmen. Mit den Füßen.