Ein internes Dossier der Deutschen Bahn (DB) zeigt: Die ICE-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm wird frühestens Ende 2021 fertig sein. Damit kann auch der Bahnknoten Stuttgart 21, der zwingend auf die ICE-Piste angewiesen ist, erst später in Betrieb gehen. Diese erneute Korrektur des Fertigstellungstermins um mindestens ein weiteres Jahr hat der Staatskonzern Projektpartnern, Aufsichtsräten und der Öffentlichkeit verschwiegen.

Erst vor knapp einem Monat hatte DB-Technikvorstand Volker Kefer eingeräumt, dass Stuttgart 21 teurer und später fertig wird. Die Kosten für den Umbau des Tiefbahnhofs und des Bahnknotens Stuttgart lägen nun bei 4,3 Milliarden Euro. Das Gesamtprojekt werde erst im Dezember 2020 in Betrieb gehen können – ein Jahr später, als die DB noch zur Volksabstimmung vorigen November versprochen hatte.

Diese „harmonisierte“ Terminplanung wurde auch dem Prüfausschuss des DB-Aufsichtsrats vorgelegt. Dieses Eingeständnis ist allenfalls die halbe Wahrheit. Ein Projektdossier der DB Netz AG, das von Anfang März 2012 datiert und der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt, belegt zweifelsfrei, dass die Fachexperten des Staatskonzerns bereits viel größere Verzögerungen erwarten.

Erhebliche Probleme

Denn bei der 64 Kilometer langen ICE-Piste nach Ulm, deren Kosten bereits auf 2,89 Milliarden Euro gestiegen sind, gibt es erhebliche Genehmigungs-, Bau- und Finanzierungsprobleme. Über die Einschätzung seiner Experten aber hat DB-Vorstand Kefer die Projektpartner und die Öffentlichkeit im Dunkeln gelassen. Bei allen sechs Bauabschnitten zwischen dem Albvorland und dem Bahnhof Ulm heißt es jeweils Inbetriebnahme: „vsl. 12.2021“.

Öffentlich hatte die DB lange eine termingerechte Fertigstellung bis Ende 2019 versprochen. Erst in den am 16. März – also nach dem internen Dossier – erstellten DB-Unterlagen, die Kefer dem Lenkungskreis und dem Prüfausschuss des Konzernaufsichtsrats vorlegte, wurde als Termin für die Inbetriebnahme erstmals „12/2020“ genannt, damit aber nur eine Verzögerung um ein Jahr eingestanden.

Mindestens zwei Jahre Verspätung

Das interne Dossier der DB Netz von Anfang März belegt, dass man in Kefers Fachbereich schon Wochen vor der Sitzung des Lenkungskreises mindestens zwei Jahre Verspätung erwartet und dies schriftlich so fixiert hatte. Als Folge wird sich frühestens in den Fahrplänen für das Jahr 2022 die Zugfahrt von Stuttgart nach Ulm um 27 Minuten verkürzen.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte, er kenne das DB-Dossier nicht. Im Lenkungskreis am 23. März habe die DB aber mit keinem Wort erwähnt, dass die ICE-Strecke noch später fertig werde, auch nicht auf seine ausdrückliche Nachfrage.