Im Pandemiejahr ist die Weltwirtschaft in ihre tiefste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs gestürzt. Und auch wenn so manche Konjunkturdaten zuletzt besser ausfielen als Ökonomen noch im Frühjahr mit Blick auf das Gesamtjahr befürchtet hatten – die Perspektive ist weiter ungewiss. Dementsprechend fallen die Politiken der Zentralbanker in Europa und den USA aus.

„Die EZB wird auch in der zweiten Welle da sein“ kündigte Christine-Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), bereits im Oktober an. „Wir werden alle Flexibilität nutzen, die wir haben“, sagte sie nach einer Sitzung des EZB-Rates. Es sei wichtig, dass die Finanzierungsbedingungen günstig blieben.

Im März hatte die EZB angesichts der drohenden Wirtschaftskrise eilends Nägel mit Köpfen gemacht und das Staats- und Unternehmensanleihen-Programm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) auf den Weg gebracht. Dessen Volumen betrug – nachdem die EZB es nach drei Monaten noch einmal aufgestockt hatte – im Sommer 1,35 Billionen Euro. Die Laufzeit dieses Programms legten die Zentralbanker vorerst bis Ende Juni 2021 fest.

Anfang Dezember entschieden die Frankfurter nun: Sowohl das Volumen als auch die Laufzeit des Programms werden noch einmal ausgeweitet. Für Analysten war das nach den Ankündigungen von EZB-Chefin Lagarde im Herbst keine Überraschung. Viele Beobachter hatten damit gerechnet, dass das Programm um 500 Milliarden Euro ergänzt würde. Und so kam es dann auch. Es beträgt nun aktuell 1,85 Billionen Euro. Die Laufzeit wurde ebenso noch einmal nach hinten auf Ende März 2022 verschoben.

Im Unterschied zu früheren Anleihekaufprogrammen der EZB ist das Pandemiepaket PEPP sehr flexibel konstruiert. Hilfsprogramme sind eigentlich an Kapitalschlüssel der Notenbank gebunden, der sich nach Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft der Euroländer bemisst. Bei PEPP behalten sich die Notenbanker hingegen vor, von diesem Schlüssel abzuweichen. Sie können nun unabhängig vom Schlüssel die Anleihen von Staaten kaufen, die besonders von der Krise betroffen sind. Letztere können sich wiederum über die EZB zu besseren Konditionen am Kapitalmarkt refinanzieren. Stand Anfang Dezember hat die EZB rund 718 Milliarden Euro des Programmvolumens investiert.

Fed und BoA folgen dem Krisengebot 

In den USA und Großbritannien waren die Ergebnisse der Notenbanksitzungen unterdessen ebenfalls dem unsicheren Ausgang der Pandemie geschuldet. Die Sitzungen der Federal Reserve (Fed) und der Bank of England (BoE) folgten vor ein paar Tagen auf die Sitzung der EZB. Aus den Kreisen der Federal Reserve (Fed) hieß es anlässlich der Sitzung wie bei der EZB, man werde alle Instrumente nutzen, um die Wirtschaft in dieser „herausfordernden“ Zeit zu stützen. Die Leitzinsen belassen die US-Notenbanker in der Nähe der Nulllinie. Dort sollen sie verharren solange sich die Arbeitslosenzahlen nicht erholt haben und die Inflationsrate nicht wieder auf Kursziel ist.

Auch die Bank of England (BoE) hat eine Straffung der Geldpolitik vorerst ausgeschlossen. Zuletzt hatten vergleichsweise robuste Konjunkturdaten Hoffnung auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung geweckt. Viele Haushalte haben während der Ausgangsbeschränkungen große Summen gespart, die sie ausgeben könnten. Großbritannien hat bereits mit den Massenimpfungen gegen Sars-CoV-2 begonnen. Zudem rechnen viele Volkswirte immer noch mit einer Einigung zwischen Brüssel und London über die künftigen Handelsbeziehungen. Im Unterschied zur EZB haben die britischen Notenbanker zwar den Leitzins auf einem historisch niedrigen Stand von 0,1 Prozent belassen. Das Anleiheprogramm, das die Notenbanker im Frühjahr als Stütze für die britische Wirtschaft angelegt hatten – 895 Milliarden Pfund –, will die BoE aktuell aber nicht aufstocken.

Harter Diskurs über Folgen der Niedrigzinspolitik

Unterdessen haben Ökonomen bereits vor der Pandemie über die Frage gestritten, welche Folgen die expansive Geldpolitik der Zentralbanken haben könnte. Immer wieder werden in dieser Hinsicht Bedenken vorgetragen, die Notenbanker trügen über ihre Politiken zu einer „Zombifizierung“ der Wirtschaft bei. Für die Befürworter dieser These werden mit den niedrigen Fremdfinanzierungskosten Unternehmen am Leben erhalten, die in normalen Zinszeiten Verluste schreiben und aus dem Markt ausscheiden würden. Die Gegner der „Zombie“-These betonen, dass die Zins-Ebbe für alle Unternehmen gelte und eher ein entgegengesetzter Effekt zu erwarten sei: Gesunde Firmen würden überproportional von günstigen Kapitalkosten profitieren.

„Die Unsicherheit bleibt hoch“, erklärte Lagarde im Anschluss der Rat-Sitzung die Strategie der EZB im Dezember. Die Inflation sei zudem „sehr niedrig“. Das Statistikamt Eurostat hatte kurz zuvor ausgewiesen, die Verbraucherpreise im November seien im vierten Monat in Folge rückläufig gewesen. Auf Jahressicht fiel die Inflationsrate im Euroraum damit auf -0,3 Prozent.

Die Preisstabilität ist der Währungshüter höchstes Gut. Mittelfristig streben die Zentralbanker eine Inflationsrate (Teuerungsrate) knapp unter 2 Prozent an. Dauerhaft niedrige oder auf breiter Front sinkende Preise könnten Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben, nehmen Ökonomen an. Das kann sich auf die Konjunktur niederschlagen, sie bremsen – bis hin zu einer sinkenden Preisspirale gen Deflation. Über Anleihenkaufprogramme wie PEPP wird wiederum viel Geld in den Markt gespült. Das heizt die Inflation an, so das Kalkül der Währungshüter.