Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres haben deutsche Sparer 15,9 Milliarden Euro Wertverlust erlitten. Zu diesem Ergebnis kommt die Comdirect-Bank. Die Zinsen, die die Banken heute auf Tagesgeld, Festgeld oder Spareinlagen zahlen, sind so niedrig, dass sie die Inflation nicht mehr überschreiten. Die lag laut der Berechnung von Comdirect im ersten Halbjahr durchschnittlich bei 1,71 Prozent, während der durchschnittliche Einlagenzins gerade einmal 0,16 Prozent betrug. Damit lag der Realzins für diesen Zeitraum bei minus 1,55 Prozent.

Konkret bedeutet das: Wer Geld bei einem Zinssatz anlegt, der geringer ist als die Inflationsrate, hat zwar am Ende der Laufzeit mehr Geld auf dem Konto, kann sich dafür aber weniger kaufen, als er zum Anlagezeitpunkt für den anfänglichen Betrag bekommen hätte. Weil die Preise wegen der Inflation gestiegen sind.

Die EZB hält die Zinsen bewusst niedrig

Das war nicht immer so. Zum Vergleich: Im Januar 2000 lag die Inflation zwar ähnlich hoch wie heute, damals war der Zins aber deutlich höher - für ein zwölfmonatiges Festgeld gab es bei einem Anlagebetrag von 5000 Euro laut FMH-Finanzberatung durchschnittlich 3 Prozent. Sparer konnten trotz Inflation einen Gewinn einfahren.

Das ist heute anders, und es ist gewollt: Die Europäische Zentralbank (EZB) hält den Leitzins seit März 2016 bei null Prozent, der Einlagesatz, zu dem Banken Geld "parken" können, ohne es direkt weiter zu investieren, liegt sogar bei minus 0,4 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Die Währungshüter wollen damit Investitionen in der Euro-Zone ankurbeln. Kreditnehmer profitieren durchaus von den günstigen Zinsen, Sparer nicht.

Laut Comdirect-Chef Arno Walter seien Sparer deshalb gefragt, ihr Sparverhalten zu überdenken und stärker auf Wertpapiere für den langfristigen Vermögensaufbau zu setzen.

Kein Zinsprodukt überschreitet derzeit die Inflationsrate

Tatsächlich gibt es momentan kein Zinsprodukt in Deutschland, das die Inflationsrate überschreitet, bestätigt auch Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. Der Mittelwert bei einem zweijährigen Festgeld liege derzeit bei 0,27 Prozent, selbst bei zehn Jahren schafft es ein Kunde bei einer deutschen Bank nicht über die Inflationsrate. "Möglich wäre dieser Sprung, wenn ich mich für ein Institut außerhalb Deutschlands entscheide", sagt Herbst. Einige italienische Banken warten noch mit Zinssätzen von knapp 2 Prozent auf, Vermittler wie Zinspilot oder Weltsparen werben mit einem einfachen Zugang zu europäischem Festgeld mit höherer Rendite, sei es in Italien, Schweden oder der Türkei.

Mit einigen dieser Produkte ließe sich die Inflation hierzulande tatsächlich auch schlagen. Herbst rät allerdings zur Vorsicht: "Zwei Jahre Festgeld anlegen im europäischen Ausland ist unproblematisch, von zehn Jahren rate ich ab", sagt er. Niemand wisse, wie Europa in zehn Jahren aufgestellt sei, ob es die Garantie in Italien dann noch gebe. Ohnehin komme man zehn Jahre lang nicht mehr an das Ersparte heran.

Die Mehrheit der Deutschen scheut Aktien

Eine weitere Möglichkeit für höhere Zinsen bieten ETFs - Fonds und Aktien, die die Mehrheit der Deutschen allerdings immer noch scheuen. Auch wenn es dort Renditen von 6, 7 Prozent geben kann. Doch mehr Rendite bedeutet immer auch mehr Risiko. "Aktien gelten ja leider immer noch als etwas Böses", sagt Andreas Feldmann, Portfoliomanager bei B&K Vermögen in Köln. "Aber vielleicht sollte man schauen, ob man das Risiko nicht neu definieren müsste, ob nicht auch der Rentenmarkt ein hohes Risiko in sich birgt, wenn es keine Zinsen mehr gibt." Dass sich die Zinssituation in naher Zukunft ändern wird, glaubt er nicht.

Die EZB selbst kündigt für frühestens Mitte 2020 eine Zinssteigerung an. "Doch die wird, wenn überhaupt, marginal ausfallen, und auch die Inflation wird weiter steigen", glaubt Feldmann. Ähnlicher Ansicht ist auch Herbst. "Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die EZB den Minuszins zuvor von minus 0,4 auf minus 0,5 oder gar minus 0,6 hochschraubt, um zu erreichen, dass die Inflation wieder ansteigt", sagt er.
Fällt die Inflation, besteht die Gefahr, dass sich die Konjunktur abkühlt, weil Unternehmen mit Investitionen auf noch günstigere Zeiten warten. Wenn die Inflation, wie von der EZB gewollt, hingegen weiter ansteigt, fallen auch die Anlagezinsen weiter - Tagesgeld und Festgeld werden noch billiger.

Max Herbst: "Sparen lohnt sich trotzdem"

Und nun? Müssen alle Deutschen an den Aktienmarkt gezwungen werden? Lohnt sich das Sparen einfach nicht mehr? "Das wäre wiederum der fatalste Schluss, den man aus der derzeitigen Situation ziehen kann", sagt Herbst. Jeder müsse seine Risikobereitschaft selbst abwägen. Ein bisschen mehr Zins für ein ungutes Gefühl? Das wäre ein schlechter Deal.

"Auch wenn höhere Zinsen mehr Rendite bringen würden - Sparen ergibt auch bei null Zinsen noch Sinn", sagt Herbst, die Rechnung sei schließlich einfach. Wer monatlich 100 Euro auf seinem Girokonto spart, hat am Ende des Jahres 1.200 Euro. Selbst wenn das Geld gemessen an der Inflation dann weniger wert ist, kann man dennoch im Notfall auf die Rücklage zurückgreifen. "Wer gar nichts spart, hat diese Möglichkeit nicht."