Er dreht im Uhrzeigersinn und dagegen. Idealerweise verfügt er außerdem über eine eingebaute Lampe, hat mehrere Gänge, und natürlich sollte die Energie mit Lithium-Ionen-Technologie gespeichert werden. Der Akkuschrauber hat im Ranking der beliebtesten Männerspielzeuge seit Jahren ein Abo auf einen der vorderen Plätze. Daher füllen die Schraubrevolver unterschiedlichster Variation in Baumärkten ganze Regalreihen. Auch Amazon hat knapp 24.000 Geräte im Angebot.

Der Akkuschrauber gehört zum deutschen Haushalt wie die Tagesschau zur ARD. Aber seine Position wankt, seit sich immer mehr Menschen bewusst machen, dass man einen Akkuschrauber nicht besitzen muss, sondern auch bei Freunden leihen kann. Das spart schließlich Geld, Ressourcen und weniger Elektroschrott gibt es außerdem.

Megatrend Sharing Economy

Sharing Economy heißt der Megatrend in entwickelten Volkswirtschaften, und der Akkuschrauber ist längst kein Sonderfall. Carsharer organisieren die effektive Nutzung des Automobils, für dessen Entwicklung allein Volkswagen im vergangenen Jahr über elf Milliarden Euro investierte und das doch 23 Stunden des Tages am Straßenrand parkt. Wohnungen werden ebenso geteilt wie Rasenmäher, Bücher und Tiefgaragenplätze.

Hat das Internet bislang vor allem die Vertriebswege des Einzelhandels verändert, so schicken sich die Verleih-Aktivisten nun an, mit Smartphone, einem Schuss Kapitalismuskritik, Umweltschutz und schnödem Spartrieb den Vertrieb selbst infrage zu stellen. Und sie finden sehr rasch immer neue Anhänger.

Mitfahrzentralen und private Autovermittler haben Zigtausende Nutzer. Die US-Plattform Airbnb, über die man in fremden Wohnungen statt in Hotels übernachten kann, startete vor fünf Jahren. Heute vermittelt Airbnb 500.000 Wohnungen in 192 Ländern. Allein hierzulande schlafen im Schnitt jede Nacht 6000 Gäste in einer Airbnb-Unterkunft.

„Das gemeinschaftliche Konsumieren entwickelt sich zu einem Massenmarkt“, sagt Michael Kuhnt, Fachmann für nachhaltigen Konsum und Geschäftsführer des Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production in Wuppertal, und ist sich sicher: „Passive Kunden werden zu aktiven Mitgestaltern, die Unternehmensmodelle und damit die Wirtschaft verändern.“

Philipp Gloeckler ist einer der Shootingstars der deutschen Teilen-statt-Kaufen-Szene. Im Sommer vergangenen Jahres gründete er in Hamburg die Plattform Why own it, über die Menschen Dinge per iPhone-App zum Verleih anbieten können. Mittlerweile hat das Portal mehr als 20.000 registrierte Nutzer. Gloeckler ist zufrieden. Mit Drei-Tage-Bart, Nerdbrille und Basecap sieht er aus wie einer der jungen Deutsch-Poeten, die Lebensweisheiten auf groovenden Rap legen. Leihen soll einfacher als kaufen sein, sagt der 29-Jährige.

In Vorträgen bezeichnet er den Elektronik-Discounter Saturn schon mal als „Feindbild“, dennoch sieht sich der Wirtschaftsinformatiker nicht als Konsumgegner. Aber er sei gegen Ramsch. „Ich will eine Möglichkeit geben, aus dem Konsumwahn auszusteigen.“ Wir seien nicht glücklicher, wenn wir besitzen. Gloeckler nervt, dass vor allem Leute zum Kauf überredet werden, die eigentlich gar nicht das Geld dafür haben. Niemand solle kaufen, was seine Freunde schon besitzen. Im Idealfall scannt der, der im Mediamarkt gerade die perfekte Kamera für den bevorstehenden Urlaub entdeckt hat, den Barcode des Fotoapparats und sieht sofort welche seiner Freunde die Kamera besitzen. Eigentlich sei Why own it wie Amazon oder Ebay. „Nur kostenlos.“

Hersteller werden nervös

Aber was, wenn immer mehr Menschen leihen und kaum noch einer kauft? Wenn die Spiegelreflexkameras, Rasenmäher und Akkuschrauber in den Regalen verstauben. Bosch brachte bislang Jahr für Jahr rund einhundert neue Geräte auf den Markt. Rund 40 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet der Elektrowerkzeug-Spezialist mit Produkten, die nicht älter als zwei Jahre sind. 19.000 Menschen sind dort beschäftigt. Bricht die Wirtschaft über den kollektiven Kaufverzicht zusammen, weil ein Sechstel des Bruttoinlandsprodukts vom Einzelhandel abhängt?

„Nichts wird zusammenbrechen“, sagt Simon Junker. Für den Konjunktur-Analysten beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ist diese Entwicklung volkswirtschaftlich sogar absolut begrüßenswert, weil Arbeit nicht mehr vergeudet wird. Einzelne Unternehmen würden sich freilich verändern müssen, sagt er. „Aber das ist weder dramatisch noch besonders.“ Zumal dieser Strukturwandel begünstigt wird, da das eingesparte Geld ja anderswo ausgegeben werden kann. „Die Idee wird dazu führen, dass wir uns besser organisieren und so Ressourcen freisetzen für Dinge, die wir bislang noch gar nicht als wichtig erkannt haben.“ Eine äußerst spannende Sache, sagt der Makroökonom.

Auch Philipp Gloeckler, der Konsum-Partisan aus Hamburg, lässt sich nicht in die Jobkiller-Ecke drängen. „Wenn Produkte nicht mehr gekauft werden, wird sich ein Unternehmen eben neu erfinden müssen.“ Qualität werde sich durchsetzen. Die Firmen könnten nur noch die Dinge produzieren, die vom Markt verlangt werden, und nicht jene, die in den Markt gedrückt werden müssen. Wenngleich Gloecklers Credo lautet, dass es nicht wichtig sei, was wir besitzen, sondern was wird erleben, will er mit Whyownit auch Geld verdienen. Noch ist er davon weit entfernt. Werbung soll eine Quelle sein. In jedem Fall aber soll das Angebot für die Nutzer kostenlos bleiben.

In Teilen der Wirtschaft sind derweil Zeichen einer gewissen Nervosität wahrzunehmen. Der Lobbyverband der Mietwagenbranche reichte kürzlich beim Berliner Amtsgericht Klage gegen das mittlerweile 30.000 Nutzer zählende Carsharing-Portal Autonetzer.de ein. Airbnb steht in vielen Ländern wegen möglicher Steuerhinterziehung im Visier der Behörden und in Österreich beobachtet die Bankenlobby mit Argwohn die Crowdfunding-Szene, die auch hierzulande vor allem Existenzgründern quasi finanzielle Nachbarschaftshilfe vermittelt. Wer an eine Geschäftsidee glaubt, kann sich mit kleinen Beträgen an einer Firma beteiligen und ihr so den Start oftmals überhaupt erst ermöglichen.

100.000 Euro in 90 Minuten

Die Berlinerin Franziska von Hardenberg hat diese Unterstützung selbst erfahren. Als sie sich mit ihrem Businessplan für einen Abo-Blumenservice bei Banken vorstellte, um an Startkapital zu kommen, kassierte sie nur Absagen, weil den scheuen Bankern die Fantasie für die Geschäftsidee fehlte.

Darauf wandte sie sich an das Dresdner Unternehmen Seedmatch, das für sie per Internet um Beteiligungen warb. Nach 20 Minuten hatte die junge Unternehmerin 50.000 Euro zusammen, 100.000 Euro waren es nach eineinhalb Stunden. Das war im Frühsommer des vergangenen Jahres. Heute hat Bloomydays.de zehn feste und fünf freie Mitarbeiter, der Monatsumsatz ist größer als der gesamte Vorjahrsumsatz und pro Woche werden 50.000 Blumen verschickt.

Allerdings ist die Sharing Economy nicht nur ein Experimentierfeld für Start-ups. Der Daimler-Konzern startete bereits im Oktober 2008 das weltweit erste stationsunabhänge Carsharing-Programm. Damals begann man in Ulm mit 50 Smart. Mittlerweile hat Car2go 500.000 Kunden. Insgesamt sind 9000 Smart im Einsatz, die monatlich etwa eine Million Mal gemietet werden.

Das findet sogar dann bei Philipp Gloecker Anerkennung. Im Gegensatz zur Musikindustrie hätten die bei Daimler die Veränderungen erkannt und reagiert, sagt er. Und ihn als leidenschaftlichen Fahrradfahrer hätte Car2go sogar dazu gebracht, nun regelmäßig den Kleinwagen zu nutzen. „Respekt.“

Der nächste Beitrag zum Thema Generation Y erkundet, wie Firmen Wunsch-Arbeitszeiten ermöglichen. Bereits erschienen: Warum die Generation Y Wirtschaft und Arbeitskultur verändern wird.