Reihenhaus? Traum vom Benz? Nine-to-five-Job? Nein, danke! Wieder einmal will der Nachwuchs alles anders machen als seine Erzeuger. Glaubt man den zahllosen Umfragen zum Thema, so ist die junge Elite, die für die Reservebänke hiesiger Führungsetagen bestimmt ist, nicht sonderlich erpicht auf Boni, Geld und BMW. Der Job soll vor allem Spaß machen, Arbeit ist nicht alles.

Es ist jene Generation, deren älteste Vertreter als Teenager Nirvana gehört haben, und aus der sich die jüngsten kaum noch an die D-Mark oder den Quelle-Katalog erinnern können. Es sind die vergleichsweise gut ausgebildeten Kinder der Baby-Boomer, 15- bis 35-jährige Hochschulanwärter und -absolventen, denen es zumeist materiell an nichts fehlte, die sich aber zumindest im Rückblick etwas mehr Gegenwart des Haushaltsvorstands gewünscht hätten.

Das will die Generation Y nun anders machen. Bei ihr haben sich Begriffe wie Traumwagen und Sparbuch aus dem Wortschatz in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet. Gemeinsame Zeit ist eine wichtige Größe geworden. Lebenszeit. Und auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise samt losgebrochener Debatte darüber, was im Leben zählt, Glück oder Wachstum, beeinflusste die junge Elite, die nun klare Vorstellungen von ihrem Arbeitsleben hat: Sie ist leistungsbereit, will sich einbringen und gestalten, aber sie will auch Freiräume.

Herausforderung für Firmen

Arbeitet heute in Deutschland jede sechste Führungskraft im Schnitt 60 Stunden die Woche, so bevorzugt der Nachwuchs das halbierte Pensum. Das wollte zwar auch die Eltern-Generation, nur war die in einer schlechteren Situation. Da künftig aber gute Leute immer knapper werden, kann die dringend gebrauchte Generation Y bislang geträumte Forderungen klar formulieren. Und sollten sich die Protagonisten ob ihrer Attraktivität am Ende nicht doch wieder mit Scheck und Dienstwagen in alte Muster pressen lassen, könnten sie die gesamte Arbeitskultur verändern.

Für Unternehmen ist das eine Herausforderung, aber lösbar. Bei Ikea etwa teilten sich zwei junge Mütter die Leitung eines Einrichtungshauses in Köln. Doch häufig kollidiert das Ansinnen des Führungsnachwuchses mit altem Denken in den Chefetagen. So gibt es seit 2001 einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit, in Führungsebenen ist dies jedoch noch immer eine Ausnahme.

Lena Hipp und Stefan Stuth vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung haben die Situation in 19 europäischen Ländern untersucht und große Unterschiede ausgemacht. Denn während etwa in den Niederlanden zwölf Prozent aller Managerinnen und Manager in Teilzeit, also weniger als 30 Stunden pro Woche arbeiten, sind es in Deutschland gerade einmal fünf Prozent. Im verarbeitenden Gewerbe ist gar nur etwa jede Managementposition als Teilzeitstelle vergeben. Vor allem unter Männern ist es eine Seltenheit. Frauen in Führungspositionen arbeitet elf mal häufiger in Teilzeit als ihre männlichen Kollegen.

Die beiden Forscher hoffen auf Veränderung. Wenn mehr Chefs und Chefinnen bereit wären, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, würde die Teilzeitarbeit aufgewertet, sagen sie. Arbeitszeitverkürzungen beim Führungspersonal können zudem dazu beitragen, dass diese Positionen leichter für Frauen zugänglich werden.

Doch für die Spielräume abseits der Vollzeitstelle fehlt es hiesigen Unternehmen offenbar an Fantasie. Das Strategieberatungs-Unternehmen Bain & Company jedenfalls vermisst in Deutschland attraktive Angebote. Teilzeit reduziere sich in den allermeisten Personalabteilungen auf eine Halbtagsstelle. Eine Halbierung sei aber weder finanziell, noch für die eigene berufliche Entwicklung attraktiv. „Doppelspitzen, Sabbaticals, 90-, 80- oder 70-Prozent-Stellen, Lebensarbeitszeitkonten, Homeoffice-Tage und Vertrauensarbeitszeit hingegen sind noch lange nicht überall Usus – und schon gar nicht in Kombination und auf Führungsebene“, konstatieren die Analysten.

Viele Männer reduzieren

Es geht jedoch auch anders. Bei Trumpf, einem schwäbischen Maschinenbauunternehmen von Weltrang, das branchenuntypisch, aber vielleicht bezeichnenderweise von einer Literaturwissenschaftlerin geführt wird, wurde das Thema ebenso radikal wie ideenreich angepackt. Seit 2011 kann sich in dem 8000-Mann-Betrieb jeder Mitarbeiter für eine Wochenarbeitszeit zwischen 15 und 40 Stunden entscheiden. Er legt sich für zwei Jahre fest, dann entscheidet er sich neu.

Astrid Oellerer, Personalchefin bei Trumpf, zog kürzlich Bilanz für zwei Jahre Wunscharbeitszeit. Demnach nutzte etwa jeder zehnte Mitarbeiter das Angebot. Rund 80 Prozent der Beschäftigten haben ihre Arbeitszeit erhöht und jeder Fünfte seine Arbeitszeit verkürzt. „Unter denen, die reduziert haben, ist der Männeranteil deutlich höher als das vor Einführung des Modells der Fall war“, sagt sie, die als Mutter zweier Kinder selbst ihre Arbeitszeit auf 90 Prozent reduziert hat.

Aber geht es praktisch, dass beispielsweise ein Abteilungsleiter nur 20 Stunden die Woche arbeitet? Für die Personalchefin müsse das möglich sein. „Natürlich geschieht Führung vor Ort und kann nicht delegiert werden“, sagt Astrid Oellerer. „Aber auch Vollzeit-Führungskräfte sind nicht ständig im Büro präsent, zum Beispiel wenn sie auf Dienstreisen sind. Gut organisiert sein, muss jede Führungskraft bei uns.“

Beiträge: Bisher erschienen ist am 1. November ein Artikel über die Konsum-Partisanen, die lieber teilen statt kaufen. Am 30. Oktober ging es um den Einfluss der Generation Y auf die Arbeitskultur.