Geologen wollen deutsches Fracking-Gas: „Wir sollten es nicht in den USA kaufen“

Der FDP-Finanzminister und seine Parteikollegen wollen deutsche Schiefergasreserven erschließen. Gasunternehmen sind nicht Feuer und Flamme – Geowissenschaftler schon. 

Probegasbohrung auf einer alten Schachtanlage in Nordrhein-Westfalen
Probegasbohrung auf einer alten Schachtanlage in Nordrhein-WestfalenImago/Hans Blossey

Finanzminister Christian Lindner hat keinen Bock mehr, über die Laufzeitverlängerung der AKW zu sprechen. „Es ist Ende“, sagte er kürzlich auf einer Zeit-Veranstaltung. Nach Monaten des Einsatzes für eine Nutzung der Atomkraft über April 2022 hinaus musste Lindner sich dem Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck geschlagen geben.

Worauf der FDP-Chef aber plötzlich Lust hat: Frackinggas „made in Germany“. Schon Ende Oktober sprach er sich für eine Aufhebung des Fracking-Verbots in Deutschland aus. Es wäre „nicht verantwortbar“, sagte Lindner der Funke Mediengruppe, „aus ideologischen Festlegungen auf Fracking zu verzichten“. Viele FDP-Leute haben seine Idee seitdem unterstützt. Es sei Heuchelei, betont etwa FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai im Tagesspiegel, wenn „wir Deutschen massenweise gefracktes Gas aus den USA oder Kanada importieren wollen, uns aber gleichzeitig vehement weigern, die Technik im eigenen Land anzuwenden“.

Deutschlands Schiefergasreserven sind die viertgrößten in Europa

Dass amerikanisches Flüssigerdgas (LNG) zum Großteil durch Fracking gewonnen wird, ist kein Geheimnis. Es geht dabei um eine unkonventionelle Technologie, mit der das sogenannte Schiefergas aus künstlichen Rissen (fracs) in tiefen Gesteinsschichten durch die Bohrleitungen an die Oberfläche geleitet wird. 

Deutschland verfügt laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Ressourcen mit 2,3 Billionen Kubikmetern Schiefergas nach Frankreich, Spanien und Rumänien über die viertgrößten Ressourcen innerhalb der EU. Das Gas befindet sich unter Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg und im Mittelrheingraben und wäre laut dem Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie technisch erschließbar.

Konventionell wird Erdgas in Deutschland schon seit den 1960ern gewonnen; zuletzt 2021 circa 5,2 Milliarden Kubikmeter, was sechs Prozent vom Jahresverbrauch ausmachte. Die förderbaren konventionellen Erdgasreserven lagen 2021 nur bei 32 Milliarden Kubikmetern – ein Tropfen im Meer im Vergleich zu den erheblichen Schiefergasreserven.

Mit ihrer Initiative ist die FDP nicht alleine. Auch der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler plädiert für deutsches Frackinggas. „Die Verantwortung im Hinblick auf Klimaschutzpläne geht weit über deutsche und europäische Grenzen hinaus“, argumentiert der Geschäftsführer des Verbandes, Andreas Günther-Plönes. „Vor diesem Hintergrund kann man es kritisch betrachten, dass beispielsweise mit Fracking hergestelltes Gas aus den USA importiert wird.“ Auf dem Transportweg aus den USA werde nämlich deutlich mehr Kohlendioxid emittiert als bei einer Gewinnung in Deutschland, so Günther-Plönes. Rund 20 Milliarden Kubikmeter heimisches Gas könnten laut dem Verband jährlich gefördert werden. Das wäre fast viermal so viel wie aktuell und ungefähr 40 Prozent der Mengen, die Russland 2021 nach Deutschland lieferte.

Deutsche Gasunternehmen halten sich an das Fracking-Verbot

Doch wer soll diese Vorkommen erschließen? Die deutsche Gaswirtschaft zeigt sich bisher nicht vom FDP-Vorstoß beeindruckt. „Die derzeitige Gesetzeslage verbietet kommerzielle, unkonventionelle Fracking-Vorhaben in Deutschland“, erinnert die Stimme der Branche, der Verein Zukunft Gas (bis 2020 Zukunft Erdgas), auf Nachfrage der Berliner Zeitung. „Aus diesem Grund befassen sich unsere Mitgliedsunternehmen mit diesem Thema aktuell nicht.“

Geowissenschaftler sehen deutsche Gasunternehmen auch nicht unbedingt in der Pflicht. Die Politik müsse geeignete Rahmenbedingungen schaffen, sagte der ehemalige Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hans-Joachim Kümpel, der Berliner Zeitung. „In unserem freien Wirtschaftsmarkt können sich nationale wie internationale Unternehmen um Konzessionen bemühen. Sie sind es, die die notwendigen Investitionen tätigen müssen und bei ihren Entscheidungen natürlich Fragen der Wirtschaftlichkeit berücksichtigen.“

Günther-Plönes, der Geschäftsführer der Verbandes Deutscher Geowissenschaftler, nennt weitere Vorteile des deutschen Frackinggases: „die weltweit strengsten und akkuratesten deutschen Genehmigungs- und Überwachungsverfahren“, die dafür sorgen würden, dass die Förderung so sicher wie möglich ablaufe. „Wir sollten nicht das Fracking-Erdgas im Ausland kaufen, wenn wir es zu nachhaltigeren Bedingungen in Deutschland herstellen können“, unterstreicht Günther-Plönes mit Blick auf die US-Importe. Gerade der Ausbau der erneuerbaren Energien führt aus seiner Sicht zu einem erhöhten Bedarf an zu verstromendem Gas zur Sicherung der Grundlast, wenn man zudem noch auf die Kohleverstromung und die Kernenergie verzichtet. 

SPD und Grüne nicht interessiert

Doch darum geht es den Regierungspartnern der FDP nicht. Allein die Tatsache, dass die SPD und die Grünen in der Regierung kein Interesse an langfristigen Verträgen mit neuen LNG-Lieferanten wie Kanada haben, zeigt, dass Gas als Energiequelle in Deutschland langfristig nicht gewollt wird. Die Zukunft gehört laut Bundesregierung dem grünen Wasserstoff und den erneuerbaren Energien, nicht dem Erdgas. 

SPD-Politikerinnen wie Nina Scheer lehnen den Frackinggas-Vorschlag der FDP deswegen als „teure Fehlinvestitionen mit gravierenden Nutzungskonkurrenzen“ ab. Für Umweltministerin Steffi Lemke und andere Grüne ist Gas an sich einfach zu umweltschädlich und Frackinggas im Besonderen. Schließlich kritisieren Umweltschützer die Methode für ihre großen Risiken für die Umwelt wegen möglicher Wasserverschmutzung und des generell hohen Wasserbedarfs der Förderung.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de