Viele Eltern arbeiten derzeit im Homeoffice und versuchen nebenbei, ihre Kinder zu beschäftigen oder zu unterrichten.
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BerlinIn den 70er-Jahren, glaubt Claus Michelsen, hätte ein Shutdown von Kitas und Grundschulen kaum weniger Anwesenheit in den Büros bedeutet. Kinderbetreuung war damals ohnehin noch überwiegend die Sache der Hausfrau und Mutter. In der Corona-Krise beobachtet der Ökonom, dass sich solche alten Rollenbilder wieder verfestigen. Zum Nachteil der Frauen – und der Wirtschaft.

Herr Michelsen, die Folgen des Lockdowns für die Wirtschaft sind jetzt schon dramatisch. Hätte man die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus früher lockern sollen?

Da ist die richtige Dosierung wahnsinnig schwierig zu treffen. Klar ist: Der wirtschaftliche Einbruch wird von Woche zu Woche größer. Wir sprechen jetzt schon von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal von über zehn Prozent. Das ist historisch beispiellos. Aber man muss eben den Punkt treffen, an dem man gesundheitspolitisch eine Öffnung erlauben kann und gleichzeitig vorsichtig genug sein, um keine zweite Infektionswelle zu provozieren. Noch einmal alles runterzufahren wäre, so befürchte ich, noch deutlich teurer.

Haben wir diesen Punkt denn jetzt erreicht? Waren zum Beispiel die Öffnungen der Geschäfte ein richtiger Schritt?

Der Einzelhandel ist der Bereich, der neben Tourismus, Gastronomie und Verkehrsgewerbe sicherlich am härtesten getroffen wurde, insofern war das der richtige Schritt. Was mir persönlich fehlt, ist eine Perspektive, die über ein bis zwei Wochen hinausgeht. Ein Plan, wie man aus der Krise heraussteuert, aber auch, wie man eine Nachfrage nach Gütern und Dienstleistern schafft. Dazu zählt dann zum Beispiel ein relativ großes Konjunkturprogramm, damit die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt.

Zu Beginn der Krise haben sich führende Wirtschaftswissenschaftler gegen ein sofortiges Konjunkturpaket ausgesprochen. War das richtig?

Es war vor zwei Monaten sicherlich notwendig, die Wirtschaft runterzufahren, um das Pandemie-Geschehen in den Griff zu kriegen. Jetzt sind wir aber einen Schritt weiter. Jetzt sehen wir, wie groß der wirtschaftliche Schaden ist. Und ich glaube, er ist auch für die Gruppe, die sich damals geäußert hat, unerwartet groß. Jetzt geht es um die Frage, wie man das Ganze wieder in Schwung bringt. Denn an die gesundheitspolitische Krise könnte sich eine wirtschaftliche anschließen.

Wenn Unternehmen wie Beschäftigte pleitegehen und auch die europäischen Absatzmärkte sich nicht erholen, dann kann völlig unabhängig von der Epidemie eine lange Depression folgen – weil die Nachfrage fehlt. Die Hoffnung, dass in ein oder zwei Monaten wieder alles beim Alten ist, die kann man begraben. Einige Wirtschaftsbereiche werde das Vorkrisenniveau erst in einigen Jahren wieder erreichen.

Die Hoffnung, dass in ein oder zwei Monaten wieder alles beim Alten ist, die kann man begraben.

Es gibt in Deutschland von staatlicher Seite diverse Wirtschaftshilfen. Reichen die nicht aus, um das Schlimmste zu verhindern?

Die staatlichen Maßnahmen dienen dazu, den Erhalt der wirtschaftlichen Struktur zu sichern. Es wurde für eigentlich alle Unternehmensarten und -größen ein Rettungsschirm gespannt. Aber Staatshilfen und auch Kurzarbeit sind beides Instrumente, die voraussetzen, dass wir nach der Krise die gleiche Nachfrage erleben wie davor. Das ist nach jetzigem Stand nicht zu erwarten.

Wir hatten im April einen Rekordanstieg der Arbeitslosenzahlen mit 308.000 zusätzlich, wir haben gesehen, dass die Kurzarbeit mit zehn Millionen Anmeldungen wirklich alle bisher gekannten Maßstäbe gesprengt hat. Das führt zu Verunsicherung und dazu, dass die Menschen ihr Geld lieber zusammenhalten, als es auszugeben. Da kann man mit staatlichen Impulsen gegensteuern, indem der Staat Nachfrage schafft und somit das Wirtschaftsgeschehen wieder anschiebt.

Wie kam es, dass alle von den Arbeitsmarktzahlen so überrascht waren? Es war doch klar, dass bestimmte Geschäftsgebiete schließen.

Diese Krise ist anders als alles, was wir bis jetzt erlebt haben. Selbst in der Finanzkrise, die vom Bankensektor ausging, waren viele Branchen nicht so stark betroffen. Jetzt haben wir vor allem Beschäftigungseinschränkungen oder -verbote für Dienstleistungen und viele kleine Unternehmen. Dazu kommt, dass die gesamte Kinderbetreuung dichtgemacht wurde. Dann wird die Kurzarbeit eben auch dafür genutzt, um auszugleichen, dass die Eltern sich um ihre Kinder kümmern müssen. Da eine präzise Schätzung hinzubekommen, ist unglaublich schwer. Die Schätzungen gingen von zwei bis drei Millionen Kurzarbeitern aus – auch das war schon eine beispiellose Zahl. Zwar wird nicht jedes Unternehmen, das Kurzarbeit anmeldet, das auch umsetzen. Aber dass wir mit den zwei oder drei Millionen auskommen werden, ist sehr unwahrscheinlich.

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Zur Person

Claus Michelsen (39) leitet die Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Seine Arbeitsgebiete sind die Konjunkturprognose, private und öffentliche Investitionen sowie Immobilienmärkte.

Wurde der Bereich der Kinderbetreuung als Wirtschaftsfaktor unterschätzt?

Es sind gerade die gut ausgebildeten Frauen zwischen 30 und 45, die jetzt im Arbeitsleben zunehmend fehlen – weil sie sich vermehrt um die Kinder kümmern. In den 70er-Jahren wäre das anders gelaufen: Da hätte ein Shutdown in Bezug auf die Kinderbetreuung kaum weniger Beschäftigte bedeutet. Man war, glaube ich, auch viel zu optimistisch, als man dachte: „Alle sind dann eben im Homeoffice und die Kinder werden so nebenbei beschäftigt.“

Jetzt lernen viele vermutlich erstmals, was Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrerinnen und Lehrer leisten. Das ist nun mal ein Fulltime-Job. Entsprechend müssen Eltern ihre Arbeitszeit dann reduzieren. Und das ist auch ein Problem für die Unternehmen – abzuschätzen, wann sie wieder mit der vollen Arbeitskraft der Mitarbeiter rechnen können.

Das hieße auch, dass in dieser Krise dann doch die Frauen zuständig sind für die Kinderbetreuung ...

Noch gibt es keine offiziellen Statistiken, welche Personen in Kurzarbeit sind, und wer die Betreuungsleistung übernimmt. Aber meiner Beobachtung nach läuft die Kinderbetreuung tatsächlich oft bei den Frauen auf. Und das wirkt sich auf die Karrierechancen aus, und darauf, wie Frauen in den Erwerbsalltag integriert sind. Am Ende werden so klassische Rollenbilder wieder verfestigt.

Steht und fällt es also mit den Frauen?

Es steht und fällt vor allem mit der Möglichkeit, dass Kinder in Bildungseinrichtungen betreut werden. Das verdeutlicht einmal mehr, dass wir für eine Gleichstellung eine vernünftige Kinderbetreuung brauchen. Sonst funktioniert das alles nicht.

Im Augenblick fahren wir immer auf das Hindernis zu und schauen, was in ein bis zwei Wochen ist, und schauen dann wieder weiter. Das ist Gift für die wirtschaftliche Entwicklung.

Wie muss es jetzt weitergehen?

Wir brauchen eine Perspektive, was die Öffnungen angeht. Die Politik sollte nicht kommunizieren: „Nächste oder übernächste Woche machen wir alles wieder auf.“ Was wir vielmehr brauchen, sind Wenn-dann-Botschaften. Also: Wenn diese oder jene Voraussetzung erfüllt ist, dann können wir diese oder jene Geschäftsbereiche wieder zulassen. Und wir brauchen eine klare Ansage, unter welchen Bedingungen die Kinderbetreuung wieder losgehen kann. Darauf können sich die Unternehmen dann einstellen. Im Augenblick fahren wir immer auf das Hindernis zu und schauen, was in ein bis zwei Wochen ist, und schauen dann wieder weiter. Das ist Gift für die wirtschaftliche Entwicklung.

Wie ließe sich eine landesweite Öffnung von Schule und Kita denn umsetzen?

Das ist sicher eine Herausforderung – zumal viele Lehrerinnen und Lehrer ja selbst von Alters wegen in die sogenannte Risikogruppe fallen. Man wird da nicht sofort Tausende neue Stellen schaffen können. Aber es wäre ja schon geholfen, wenn man sagen könnte, dass die Kinder an bestimmten Tagen wieder in die Kita gehen dürfen.

In den Schulen spricht vieles dafür, dass man in kleineren Gruppen beginnt. Ich will nicht unfair sein, aber: Es war eigentlich ja schon vor den Osterferien klar, dass die Schulen nach den Ferien den Regelbetrieb nicht wieder würden aufnehmen können. Es gab die Zeit, sich Konzepte zu überlegen. Sie wurde aber nicht genutzt.