Berlin - Mit 250 Millionen Euro pro Jahr fördert die EU eine gesunde Verpflegung in Europas Schulen und Kitas. Zu Beginn des Schuljahres 2017/18 wurden die Förderkriterien noch stärker an gesundheitlichen Zielen ausgerichtet. Seither werden nur mehr Nahrungsmittel bezuschusst, die keine Zusätze von Zucker, Salz, Fett und anderen Süßungsmitteln enthalten.

Es geht in der Verordnung ausdrücklich um „die Förderung gesunder Ernährungsgewohnheiten“: weg von stark verarbeiteten Lebensmitteln mit „oftmals hohen Mengen von Zucker, Fett und Zusatzstoffen“, hin zu frischer Mich, Obst und Gemüse. Die EU-Gelder tragen dazu bei, dass diese Nahrungsmittel stark verbilligt oder sogar kostenlos angeboten werden können.

EU-Zuschüsse in Höhe von 10,5 Millionen Euro 

Für das Milch-Programm wurden 2016/17 aus Deutschland EU-Zuschüsse in Höhe von 10,5 Millionen Euro abgerufen. Zwölf der 16 deutschen Bundesländer haben die Schul- und Kita-Verpflegung mittlerweile den neuen Vorgaben aus Brüssel angepasst: Kakao und andere gezuckerte Milchgetränke wurden aus dem Förderprogramm gestrichen.

Dagegen nutzen Berlin, Brandenburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen eine Ausnahmeklausel der Verordnung, die Abweichungen auf Grundlage nationaler Regelungen ermöglicht. Bis zu sieben Prozent Zucker dürfen Getränke in solchen Fällen beinhalten. In den genannten vier Bundesländern geschieht genau das: Bezuschusst von der EU, werden weiterhin zuckerhaltige Milchgetränke in Schulen und Kitas angeboten.

Foodwatch lehnt Praxis ab

Aus Sicht der Verbraucherorganisation Foodwatch ist diese Praxis schlicht inakzeptabel. „Der Zuckerkonsum von Kindern ist zu hoch und hat fatale gesundheitliche Auswirkungen“, kritisiert Foodwatch-Experte Oliver Huizinga im Gespräch mit dieser Zeitung. Anstatt bekömmlicher Ernährung förderten die Länder ungesunde Zuckermilch „auf Kosten der Steuerzahler und auf Kosten der Kindergesundheit“.

Eine solche Politik sei verantwortungslos und widerspreche allen Empfehlungen von Ernährungsfachleuten, so Huizinga. In einem offenen Brief an die zuständigen Landesministerien, der dieser Zeitung vorliegt, fordert Foodwatch die Landesregierungen auf, der „Verantwortung für eine gesunde Schulverpflegung gerecht zu werden und das Schulmilchprogramm so schnell wie möglich zu korrigieren“. Mit ihrer bisherigen Politik leisteten sie „der Fehlernährung von Kindern Vorschub, statt sie zu verhindern“.

Foodwatch verweist auf einschlägige Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation WHO

In der Fachwelt herrscht Einigkeit darüber, dass hoher Zuckerkonsum für Kinder und Heranwachsende schwerwiegende gesundheitliche Risiken birgt. Foodwatch verweist auf einschlägige Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der deutschen Ärzteschaft, auf Empfehlungen von Wissenschaftlern und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Tenor: Zuckerzusätze sind überflüssig, begünstigen Diabetes und andere chronische Erkrankungen, und sie machen dick. 15 Prozent der Kinder in Deutschland sind stark übergewichtig. Und fast alle konsumieren viel zu viel Süßes.

Bemerkenswert sind die Reaktionen der zuständigen Ministerien

„Das macht es umso unverständlicher, dass Berlin als eines von nur vier Bundesländern in Deutschland vom Grundsatz „Kein Zuckerzusatz“ abweicht und eigens veranlasst hat, gezuckerte Milchgetränke an den Schulen des Landes doch zuzulassen“, formuliert Foodwatch in einem offenen Brief an den Senat, der weitgehend gleichlautend auch an die Landesregierungen in Potsdam, Wiesbaden und Düsseldorf adressiert wurde.

Bemerkenswert sind die Reaktionen der zuständigen Ministerien auf die Foodwatch-Kritik. „Kakao anzubieten, wird als erforderlich angesehen, um das Angebot insbesondere für Schulen und Lieferanten attraktiv zu erhalten“, heißt es in einer Stellungnahme des hessischen Verbraucherschutzministeriums gegenüber Foodwatch. Bei einer Beschränkung auf Milch pur sei ein Rückzug der meisten „sich beteiligenden Schulen und Lieferanten“ zu befürchten. Bei besagten Lieferanten handelt es sich um die Großmolkerei Friesland Campina, die unter anderem die Marke „Landliebe“ vertreibt und eigenen Angaben zufolge rund 5000 Schulen beliefert.

Landliebe Molkereiprodukte steckt hinter zweifelhaften Empfehlung

Das trifft auch auf die Schulen in den anderen drei Bundesländern zu, die weiterhin gezuckerte Milchgetränke zugelassen haben. Das für Berlin ebenfalls zuständige für Brandenburger Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung (LELF) verweist darauf, dass mit einem Ausschluss der Milchmischgetränke von der EU-Förderung „noch weniger Schulmilchprodukte nachgefragt“ und stattdessen „andere Produkte mit höherem Zuckergehalt“ konsumiert würden.

Überdies führt man eine Studie an, die den Beitrag von Kakao zu einer gesunden Ernährung belegen soll. Laut Foodwatch handelt es sich bei der Studie allerdings um Mitteilungen der Initiativen „Informationsbüro Schulmilch“ und „Netzwerk Schulmilch“. „Hinter beiden Initiativen steht ausgerechnet die Landliebe Molkereiprodukte GmbH“, kommentiert Foodwatch.

Keine schlüssige Argumentation 

Passend dazu liest sich auch die Mitteilung des NRW-Ministeriums für Verbraucherschutz: Gerade ältere Kinder tränken keine Milch, „sondern nur Kakao und kommen häufig auch ohne Frühstück zur Schule“. Eben diese Kinder sollten „mit dem weiter bestehenden Angebot an Kakao unterstützt werden“. Schlüssig ist diese Argumentation aus Sicht der Verbraucherschützer allerdings nicht.

„Wenn Kinder kein Obst essen möchten, gibt man ihnen doch auch keine Obsttorte als Ersatz“, merkt Huizinga an. Das LELF sei eher mit der Wettbewerbsförderung landwirtschaftlicher Unternehmen betraut denn mit gesunder Schulernährung: „Offensichtlich haben die Landesregierungen vor allem die Absatzförderung für die Milchwirtschaft im Blick und nicht die Gesundheit der Kinder.“