Der Erlebnisbauernhof zählt seit vielen Jahren zu den beliebtesten Zielen der Grünen Woche in Berlin, vor allem für Familien: Es gibt immer jede Menge süßer Küken, Kälber und Ferkel, Streicheln ist erlaubt, Modelltrecker rollen über Miniaturäcker, dazu wird Lehrreiches über Saatgut und Ernte, Tierhaltung und moderne Techniken in der Lebensmittelerzeugung präsentiert.
Dabei entsteht das Bild einer Landwirtschaft zwischen Idyll und Moderne, von glücklichen Tieren im Stall und Bauern mit Computer-Know-how. Mit der Entwicklung des Agrarsektors in den vergangenen Jahrzehnten hat dies allerdings nur wenig zu tun.

Eine der wesentlichen Veränderungen, ist die enorme Konzentration von Marktmacht in den Händen weniger Konzerne, als Folge und zugleich Treiber der Globalisierung. So beherrschen heute fünf Konzerne, darunter Monsanto, Syngenta und Dupont, mehr als die Hälfte des globalen Saatgutmarktes. Sollte die EU der Übernahme von Monsanto durch Bayer zustimmen, würden die Leverkusener mit einem Schlag zum größten Saatgutanbieter weltweit.
Zugleich würde Bayer – Glyphosat sei Dank – zu einem der drei größten Pestizidhersteller. Der globale Düngemittelmarkt außerhalb Chinas wird ebenfalls von einer Handvoll Großkonzernen kontrolliert ebenso wie der weltweite Getreidehandel, der zu 70 Prozent von fünf Unternehmen abgewickelt wird.

Wachsende Exporte

Verantwortlich für diesen Prozess sind – zumindest auch – politische Entscheidungen: Die Öffnung regionaler Agrarmärkte wurde von den Staaten des Nordens mit Nachdruck und Erfolg vorangetrieben, um auch im Lebensmittelbereich Exporte in großem Maßstab zu ermöglichen. Auch aus Sicht des deutschen Landwirtschaftsministeriums BMEL liegt die Zukunft in wachsenden Ausfuhren: „Unsere Exportstrategie fokussiert sich auf kaufkräftige Gesellschaften innerhalb und außerhalb der EU“, heißt es im Grünbuch 2016 des BMEL. Damit werden Landwirte, die einst ihre regionalen Produkte auf regionalen Märkten zu regionale gebildeten Preisen verkauften, Teilnehmer eines Weltmarktgeschehen. Oder sie scheiden aus.

Dies zeigt die Milchkrise der vergangenen Jahre beispielhaft. Immer mehr kleine Milchviehalter mussten und müssen aufgeben, während die großen zum Wachstum verdammt scheinen. Zwischen 2008 und 2016 ging die Zahl der Milchbetriebe in Deutschland um ein Drittel auf 71.000 zurück. 1996 hatte es sogar noch 186.000 Milchviehhalter gegeben. Die Zahl der Milchkühe blieb hingegen annähernd konstant. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei Schweinemästern, Geflügelfleisch – und Eiererzeugern und auch im Feldfruchtanbau: Zwischen 2007 und 2015 nahm die Zahl der hiesigen Höfe mit einer Fläche von mindestens fünf Hektar von 321.600 auf 280.800 ab.

Keine Tomaten aus Ghana

Noch härter trifft die Globalisierung allerdings Bauern in armen Ländern. Dabei geht es nicht nur um Geflügelfleisch und Milchprodukte, die in weiten Teilen Afrikas mehr als 50 Prozent des Angebots ausmachen und lokale vielerorts Erzeuger verdrängt haben. Weniger bekannt ist der Niedergang des einst florierenden Tomatenanbaus in Ghana, wo unter günstigen klimatischen Bedingungen qualitativ hochwertige Früchte reiften und in einer Konservenfabrik für den Export verarbeitet wurden. Gegen die mit Milliarden subventionierten, in Gewächshäusern und unter andalusischen Plastikplanen gezogenen Tomaten hatten die Afrikaner allerdings keine Chance. „Die Kinder afrikanischer Bauern werden heute nicht mehr Bauern, sondern Migranten“, beschreibt Jürgen Mauer, Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung, die Folgen.

Die größten Abhängigkeiten entstehen dort, wo die Agrartechnologie am weitesten fortgeschritten ist: Megakonzerne vertreiben gentechnisch verändertes Saatgut (das auf mittlerweile 185 Millionen Hektar weltweit ausgebracht wird) und die dazu passenden Pestizide, gegen die die Genpflanzen resistent sind. Erwünschte Folge: Unkraut und Schädlinge sterben, Gensoja und Co. bleiben unversehrt, die Bauern geraten durch das vertragliche Verbot der Neuaussaat in komplette Abhängigkeit vom großen Bruder aus dem reichen Norden und seinen Erzeugnissen.

Idyllisch ist all das nicht, und modern eigentlich auch nicht, sofern damit Zukunftsfähigkeit gemeint ist. Vielleicht sollte man das Konzept des Erlebnisbauernhofs noch einmal überdenken.