Glühwein für acht Euro? Berliner Wirt hat keine Lust mehr auf Weihnachtsmarkt

Axel Kaiser war schon vor 25 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Doch durch die Inflation wird es ihm zu teuer. Schrott will er nicht verkaufen.

Axel Kaiser (67) wird dieses Jahr keinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz betreiben.
Axel Kaiser (67) wird dieses Jahr keinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz betreiben.Sabine Gudath

„Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz verbreitet mitten in der pulsierenden City-West gemütliche Weihnachtsstimmung“, wirbt das Berlin-Portal für einen der bekanntesten Berliner Weihnachtsmärkte. Nach dem Terroranschlag 2016 ist er auch der berüchtigtste. Und trotzdem kamen vor der Pandemie viele Menschen zur Gedächtniskirche, um die feierliche Atmosphäre zu genießen und ein Gläschen Glühwein zu trinken.

Doch wie teuer wird das Vergnügen in diesem Jahr? Der Markt startet am 21. November und endet am 1. Januar. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie geht es nicht mehr um die Frage, ob die Schausteller etwas verkaufen dürfen. Sie fragen sich: Wie teuer wird es für die Gäste, wenn sie ihre in der Inflation gestiegenen Kosten weitergeben?

Der Veranstaltungsunternehmer Axel Kaiser (67) ist zwar kein typischer Schausteller, trotzdem war er 23 Jahre lang bis zur Pandemie mit seiner „Berliner Weihnachtsterrasse“ am Podest vor der Gedächtniskirche als Wirt dabei, weil es ihm Spaß machte und das Geschäft sich lohnte. Er hatte keine typische Glühweinhütte, sondern ein beheiztes Lokal mit Getränken, wo die Menschen sich hinsetzen und unterhalten konnten. Heute sagt Kaiser, es lohne sich für ihn nicht mehr, da präsent zu sein. Die Weihnachtsterrasse sagte er deswegen ab. Der Berliner Zeitung präsentiert er seine grobe Kostenabrechnung.

„30.000 Euro allein für Propangas“

„Bevor ich den ersten Glühwein zapfe, lande ich bei den Kosten im sechsstelligen Bereich“, erzählt Kaiser. Da er kein Berufsschausteller sei, habe er sein Zelt früher immer mieten müssen. Sein Zeltbauer verlange ungefähr 35.000 Euro Miete für das Zelt, dessen Montage und Abbau und die Dekoration. Dazu kommt noch die Standmiete, die Kaiser als Händler an den Schaustellerverband zahlen müsste. Aus Gesprächen mit anderen Schaustellern hat er erfahren, dass der Verband die Miete für alle Berliner Teilnehmer im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent erhöht habe, obwohl die Stadt Berlin die Sondernutzungsgebühr auch in diesem Jahr ausgesetzt hat.

Warum? Der Vorsitzende des Schaustellerverbands Michael Roden verwahrt sich gegen den Vorwurf, er wolle die Händler abzocken. „Die Erhöhung der Standmieten hat nichts mit der Sondernutzungsgebühr zu tun, sondern mit den momentan hohen Infrastrukturkosten“, kommentiert er die hohen Preise gegenüber der Berliner Zeitung. Dazu gehörten „natürlich auch Energiekosten für Strom, Wasser und Wärme, die nicht nur hier, sondern auch täglich bei derzeitigen Preissteigerungen im Supermarkt für jeden spürbar sind“. Berliner Schausteller können darüber nur müde lächeln, denn jeder auf dem Markt übernimmt seine Energiekosten selber.

Axel Kaiser steht da, wo seine „Berliner Weihnachtsterasse“ früher platziert war.
Axel Kaiser steht da, wo seine „Berliner Weihnachtsterasse“ früher platziert war.Sabine Gudath

Und gerade diese sind besonders belastend. Wie die meisten Gastronomen braucht Kaiser zum Kochen und für die Heizung Propangas in Flaschen. „Vor zwei Jahren kostete für mich die Propangasfüllung für eine 11-Kilo-Flasche sieben, heute schon fast 30 Euro inklusive Transport“, konstatiert der Unternehmer. „Ich müsste also dieses Jahr anstatt 7000 maximal 30.000 Euro für Propangas ausgeben für den Fall, dass der Winter richtig kalt wird. Denn es sind bei uns im Zelt fünf-sechs Stück Flaschen auf einmal im Einsatz, die nach vier Stunden schon auslaufen. Strom wäre im Vergleich dazu noch bezahlbar, weil wir LED-Lampen haben. Da hätten wir vielleicht 8000 Euro Kosten anstatt 5000 im Jahr 2019.“

„Die Menschen kannst du nur mit viel Kohle locken“

Die Kalkulation ist grob gemacht, denn niemand kann Kaiser sagen, wie seine Energiekosten tatsächlich ausfallen werden. Der Unsicherheitsfaktor ist durch die Inflation zu hoch. Aber auch hier wären nicht alle Sorgen eines Weihnachtsgeschäftsmanns vom Tisch. Die Gastronomie suche händeringend Personal, erklärt Kaiser. „Ich bräuchte 20 Leute. Woher soll ich sie nehmen? Der Mindestlohn ist zwar auf zwölf Euro gestiegen, aber niemand will sechs Wochen lang für den Mindestlohn arbeiten. Die Menschen kannst du nur mit viel Kohle locken.“

Und wie ist es mit dem Wein? „Guter Wein für die Feuerzangenbowle und dessen Transport sind um bis zu 20 Prozent teurer geworden. Die Preise bei meinem Lieferanten liegen bei acht bis zehn Euro pro Liter. Ich nehme dafür französischen Beaujolais. Sie können mit einem normalen Bordeaux oder Dornfelder keinen Glühwein machen. Das schmeckt nicht.“

Wenn Kaiser also alle Kosten zusammenrechnet, müsste er den Glühwein für acht Euro pro 200-ml-Becher verkaufen, um schwarze Zahlen zu schreiben. 2019 vor der Pandemie kostete ein Becher noch fünf Euro: Das ergibt 60 Prozent Inflation.

Kommen die Touristen?

Kaiser ist auch aus anderen Gründen skeptisch. „Nach den Auflagen müssen wir schon um 21 Uhr und zweimal in der Woche um 22 Uhr schließen: wegen der Corona-Pandemie und um Strom zu sparen.“

Der Weihnachtsmarkt lebt auch von Firmen, die ihre Mitarbeiter in Gruppen zur Weihnachtsfeier einladen. Werden sie viel früher kommen, um dann um 21 Uhr wieder zu gehen? Das KaDeWe schließt auch erst um 20 Uhr. Die zweite Frage, die sich Kaiser stellt: Kommen die Touristen, die früher bis zu 70 Prozent des Umsatzes gemacht haben? Es kamen früher viele Busse am Bahnhof Zoo an, setzten die Touristen ab, und die liefen dann zum Kurfürstendamm. Diese Touristen werden fehlen, schätzt Kaiser. „Ich habe mein Büro am Wittenbergplatz und ich muss nur mein Fenster aufmachen. Ich höre die rollenden Koffer nicht.“

Die Berliner Tourismusbranche musste in der Corona-Krise starke Einbußen hinnehmen. Im ersten Halbjahr 2022 gab es laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg immer noch rund 31 Prozent weniger Übernachtungen zu touristischen Zwecken als 2019. Die Gästezahlen im Sommer lagen laut dem Berliner Senat schon höher: fast auf dem Niveau von 2019. Die Gäste reisen jetzt immer häufiger mit der Bahn an und werden sich bestimmt auch zu Weihnachten nach Berlin begeben und die hauptstädtischen Weihnachtsmärkte nicht meiden.

Grobe Kostenabrechnung für ein Lokal auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz
Grobe Kostenabrechnung für ein Lokal auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

Weinflasche unter acht Euro? „Man darf es nicht Glühwein nennen“

Ob sie unbedingt nach gutem Glühwein Ausschau halten, ist allerdings offen. Und Hand aufs Herz: Wie viele Schausteller kaufen dafür ordentlichen französischen Wein für zehn Euro? Genießbaren Rotwein kann man ja auch für fünf Euro und weniger pro Flasche finden. Ob Kaiser sich mal überlegt hat, auf günstigere Ware umzusteigen?

Die Reaktion des Unternehmers fällt emotional aus. Ja, er sei schon immer der Teuerste am Markt gewesen, aber dafür habe man bei ihm auch in der Wärme sitzen können. „Man kann auch Glühwein für 0,99 Cent bei Lidl kaufen, aber da müssen Sie selbst Tauchsieder mitbringen“, sagt der 67-Jährige. Einige Kollegen würden Tetra-Packs verwenden oder Wein mit Wasser verdünnen, aber man dürfte es nicht Glühwein nennen. Ihm sei die Qualität wichtig, er könne nicht Schrott verkaufen, mit dem die Kunden dann noch Magenprobleme bekämen.

„Die Leute haben die Rezession noch gar nicht bemerkt“

Eigentlich könne sich Kaiser vorstellen, dass Menschen seinen Qualitätsglühwein auch für acht Euro kaufen würden. Doch gerade weil er nicht mit der Masse rechnet, steigt er jetzt aus. Ob er sich nächstes Jahr anders entscheidet, weiß er noch nicht.

„Meine größte Hemmschwelle, etwas zu tun oder doch nicht, ist meine Begeisterung dafür.“ Wenn er keine Lust mehr habe, weil die Inflation sie gefressen habe, dann mache er es lieber nicht. Die Motivation bei den Schaustellern ist allerdings anders gelagert: Sie leben vom Weihnachtsgeschäft, weil sie nicht anders können.

Kaiser schließt nicht aus, dass er sich bei seiner Einschätzung der nächsten Monate täuscht. „Vielleicht wird die Stimmung vor Ort super sein, und ich werde mich noch ärgern, dass ich nicht mitmache.“ Aber heute rät ihm sein Gefühl davon ab. „Ich fürchte, dass die Leute die Rezession, die uns bevorsteht, noch gar nicht bemerkt haben“, sagt der Veranstalter nachdenklich.

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