Vorbilder ehrgeiziger Nerds und Unternehmer: Googlegründer Larry Page (links) und Sergey Brin im Jahr 2003.
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Berlin Sie ist längst ein Anachronismus – die Eingabemaske von Google. Eine puristisch gestaltete weitgehend weiße Bildschirmseite. Der Name der Suchmaschine in lustig-bunten Farben. Eine Lupe, die dem Benutzer zeigt, wo er seine Anfrage eingeben muss. Seit den frühen Tagen des Internets hat sich an dem Design kaum etwas geändert. Larry Page und Sergey Brin sind die Urheber. Das Duo hat Google zu einem der mächtigsten und reichsten Unternehmen der Welt gemacht. Jetzt ziehen sie sich aus dem Tagesgeschäft zurück.

Der Boss des Suchmaschinenbetreibers, Sundar Pichai, übernimmt zusätzlich den Chefposten bei der Dachgesellschaft Alphabet. Der Schritt war nach Einschätzung von Beobachtern längst überfällig, denn die Gründer haben sich schon vor längerem rar gemacht. Der Abgang lässt sich auch als Signal für das Ende einer Ära lesen – die durch beinahe unbegrenzte Möglichkeiten in der Sphäre des Digitalen geprägt war. „Don’t be evil!“ – Sei nicht böse: Das war einst das Motto des Unternehmens.

„Don’t be evil!“

So kamen Brin und Page daher. Nette Jungs in T-Shirts, unprätentiös, immer etwas ungekämmt, die den Nutzern des weltweiten Netzes beim Finden, von dem was sie suchen, helfen wollten. Sie sind die Vorbilder ehrgeiziger Nerds und die Urväter einer Manager-Generation, die ohne Anzug und Krawatte auskommt, die cool und intelligent sind – und ganze Industriebranchen aus den Angeln heben können. Disruption wird dieser Vorgang genannt.  

Larry Page bei einer Konferenz am 3.12.2019
Foto: imago images

Alles begann mit einem Forschungsprojekt an der kalifornischen Stanford University, in dem Page und Brin mitarbeiteten. 1996 debütierte die Suchmaschine BackRub, die einige Monate später in „Google online“ umbenannt wurde. Der Name ist angeblich aus der amerikanischen Aussprache des Wortes „Googol“ entstanden, das sich der Mathematiker Edward Kastner als Bezeichnung für eine Zahl ausgedacht hatte, die aus einer Eins und hundert Nullen besteht – ein Hinweis, wie viel im Internet zu finden ist.

Das schnell expandierende Internet-Universum provozierte seinerzeit den Suchmaschinen-Boom. Googles Page-Rank-Algorithmus war den Konkurrenten überlegen. Weil die wirklich relevanten Suchergebnisse mit großer Verlässlichkeit oben auf den Listen standen. Dafür wurde mit einem indirekten Verfahren gearbeitet: Das Programm stellt die Webseite mit den meisten externen Links, die auf diese Seite verweisen, an die Spitze der Liste.

Sergey Brin im November bei einer Preisverleihung. 
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Komplexerer Algorithmus

Noch immer kursiert die Vorhaltung, dass Pages und Brins Leistung vor allem darin bestand, dass sie sich die Erkenntnisse des Stanford-Projekts zunutze machten und daraus eine Geschäftsidee entwickelten – mit der sehr viel Geld verdient wird, seit die Suchmaschine mit zielgerichteter Werbung verknüpft ist.

Der Algorithmus ist längst erheblich komplexer. Doch an dem Geldverdienen hat sich nichts geändert. In den drei Monaten von Juni bis September 2019 hat Google bei einem Umsatz von rund 36 Milliarden Dollar knapp elf Milliarden Dollar Gewinn erzielt. Das ist nicht nur ein gigantischer Profit, sondern auch eine Rendite, die kein Industriekonzern erreichen kann.  

Auf der Suchmaschine fußt der Wert des von Brin und Page gegründeten Konzerns, der seit 2015 Alphabet heißt und aktuell rund 890 Milliarden Dollar wert ist, das ist mehr als die Top Ten der börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen – von SAP bis Daimler. Die Suchmaschine ist so etwas wie das wichtigste Betriebssystem für das Internet, sie hat hierzulande einen Marktanteil von etwa 95 Prozent.

Google an der Spitze der digitalen Welt

Auch das Betriebssystem für die mobile Kommunikation kommt aus dem Hause Alphabet. Es heißt Android, hat einem Marktanteil von knapp 90 Prozent weltweit und läuft auf allen Smartphones und Tablets, außer denen von Apple. Dass ein Unternehmen eine derart dominierende Position erreichen kann, hat mit der Dynamik der Digitalisierung zu tun. Viele Jahre war die Welt der Bits und Bytes ein weitgehend von Regulierungen und staatlichen Eingriffen freier Raum.

Google und andere konnten umsetzen, was die technologische Entwicklung hergab. Politiker standen am Spielfeldrand und schauten erstaunt zu. Es entwickelte sich eine Ökonomie nach dem Prinzip: „The Winner takes it all“. Kleine werden weggebissen oder übernommen. Mit dem Streben nach globaler Hegemonie ist Google ein Vorbild für viele andere Konzerne in der Digitalwelt geworden – nur so sind die enormen Renditen möglich. Zum wichtigsten Werkzeug ist dabei ein Feedback-Mechanismus geworden.

Intelligente Software analysiert ständig das Verhalten der Nutzer und Kunden, um so die eigenen Produkte, zu denen unter anderem auch der Internetbrowser Chrome und der E-Mail-Dienst Gmail gehören, immer weiter zu optimieren, was die Abhängigkeit jener Nutzer und Kunden von den Google-Produkten immer weiter verstärkt. Voriges Jahr im Frühjahr wurde die „Don’t be evil“-Losung , die nicht nur innerhalb des Konzerns immer wieder für Kontroversen gesorgt hatte, als Motto aus dem Verhaltenskodex  gestrichen.  

Sundar Pichai als neuer Chef

Sundar Pichai, jetziger CEO von Google und Alphabet
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Die Formulierung taucht zwar noch auf, richtet sich aber explizit an den Umgang der Mitarbeiter untereinander. Inzwischen sind indes auch die Politiker und Wettbewerbshüter aufgewacht. Die EU-Kommission hat dem Konzern in verschiedenen Verfahren Strafen über mehr als acht Milliarden Euro aufgebrummt – was in den Bilanzen des Konzerns aber nur kurzzeitige Dellen hinterließ. Auch der US-Kongress untersucht mittlerweile, wie Google und Co. ihre Marktmacht in der digitalen Welt ausnutzen.

Bei den Anhörungen musste zuletzt immer Sundar Pichai Rede und Antwort stehen. Von Analysten gab es viel Kritik, dass Page diesen höchst unangenehmen Terminen fernblieb. Schließlich war er bislang offiziell der Vorstandsvorsitzende der Dachgesellschaft Alphabet. Das zeigt überdeutlich, dass Pichai seit geraumer Zeit als der De-facto-Chef agiert. Auch auf den Entwicklerkonferenzen des Konzerns tauchen die Gründer schon länger nicht mehr auf. Wobei unklar ist, wofür Brin überhaupt zuständig ist.

Er hatte bislang im Management den Posten eines „Präsidenten“ ohne einen genauer beschriebenen Aufgabenbereich. Die beiden mittlerweile ergrauten Gründer – beide sind Jahrgang 1973 – haben sich in den vergangenen Jahren um zahlreiche Projekte gekümmert, die konzernintern „Moonshots“ genannt werden – ihnen wird ein ausgeprägter Spieltrieb und Spaß an Science-Fiction attestiert. Brin soll unter anderem in einer gigantischen Halle an Fluggeräten tüfteln, die als fliegende autonome Taxis eingesetzt werden sollen.

Vielzahl an Projekten

Andere Projekte befassen sich mit hoch fliegenden Ballons und mit solarbetriebenen Drohnen, die als Relaisstationen das Internet in entlegene Weltgegenden bringen sollen. Die Alphabet-Tochter Verily erkundet die Bio-Wissenschaften. Es wird an Robotern gearbeitet, die eines Tages chirurgische Operationen durchführen sollen oder an Nano-Partikeln, die im menschlichen Körper frühzeitig Krankheiten erkennen sollen. Das spektakulärste Projekt geschieht aber in der Firma Waymo.

Dahinter steckt der Ehrgeiz, die Autobauer bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge abzuhängen. Die Pkw der Google-Schwester sollen schon 16 Millionen Kilometer auf öffentlichen Straßen gefahren sein, ergänzt durch noch erheblich mehr virtuelle Kilometer in Simulatoren. Seit mehr als sechs Jahren wird daran gearbeitet, das Roboterauto, das mit Dutzenden Sensoren bestückt ist, serienreif zu bekommen. Nach den ursprünglichen Plänen sollte es schon längst so weit sein. Jüngste Andeutungen von Waymo-Chef John Krafcik deuten aber darauf hin, dass man sich zunächst auf erweiterte Assistenzsysteme zur Erhöhung der Sicherheit kaprizieren will.