Berlin - Mehrere Dutzend Beschäftigte des Lieferdienstes Gorillas und Unterstützer protestierten am Sonnabend in Kreuzberg und Neukölln. Aufgerufen hatte das „Gorillas Workers Collective“ (GWC), das Kollektiv, unter dem sich die Kuriere und Warenhausmitarbeitende seit einigen Monaten organisieren. Startpunkt der Aktion war das Warenhaus am Kaiserkorso, nahe dem Platz der Luftbrücke.

Hintergrund des Protestes ist ein Forderungskatalog, den das GWC am 28. Juni an die Unternehmensleitung gestellt und veröffentlicht hatte. So fordern die Beschäftigten etwa eine bessere Lastenverteilung der Bestellungen, die die Kuriere in Rucksäcken zu Kundinnen und Kunden in ganz Berlin ausliefern – in jeweils unter zehn Minuten, so das Versprechen des erst vor einem Jahr gegründeten Start-ups. Die organisierten Beschäftigten verlangen, dass die Fahrräder mit Gepäckträgern ausgestattet werden, sowie eine bessere und gleiche Bezahlung der Angestellten und bessere Ausrüstung. Sie beklagen außerdem fehlende Gehälter wie in Krankheitsfällen und aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbare Kündigungen.

Eine Antwort auf Sümers #alwaysberiding

Das Unternehmen reagierte bis zur von den Initiatoren gesetzten Frist am vergangenen Mittwoch nicht. Der Protest am Sonnabend ist nun wiederum die Antwort der Beschäftigten. Sie fühlen sich von Gründer und CEO Kagan Sümer nicht ernst genommen. Das Ziel der Veranstaltung sei es, „alle Beschäftigten zu involvieren, und einen besseren Arbeitsplatz bei Gorillas zu organisieren. Einen Arbeitsplatz, wo das Management tatsächlich auf unsere Forderungen hört“, sagt Yasha vom GWC über ein Megafon.

Das Motto des Protests: „Always be Striking – Bike tour“. CEO Sümer hatte, nachdem es wegen der Kündigung eines Mitarbeiters Anfang Juni zu berlinweiten Protesten und Blockaden einzelner Warenhäuser gekommen war, angekündigt, eine Fahrradtour zu verschiedenen Warenhäusern in der Bundesrepublik zu unternehmen, um dort mit den Mitarbeitenden zu sprechen. Motto: „Always be riding“. Doch bis heute ist nicht öffentlich bekannt, dass der CEO von Gorillas auf Fahrradtour gegangen wäre.

Deshalb der erneute Protest, der auf ironische Weise das Motto der bisher leeren Worte des Unternehmensgründers vereinnahmt und deren Initiatoren es zugleich sehr ernst zu meinen scheinen. „Ich bin hier, um andere Beschäftigte zu treffen und sie kennenzulernen, weil wir das im Arbeitsalltag nicht wirklich können“, sagt eine Kurierfahrerin am Rande der Versammlung. „Wenn wir uns face-to-face treffen, können wir eine Gemeinschaft bilden und mehr Solidarität unter den Arbeitern aufbauen.“

Sie befürchte, dass einige Beschäftigte sich aus Angst vor einer Kündigung nicht an den Protesten beteiligen. Bei den Streiks der Gorillas handelt es sich bislang um wilde Streiks – keine Gewerkschaft rief dazu auf, was den Streikenden im Zweifel die arbeitsrechtliche Absicherung entzieht. Ein Fokus des Protests liegt deshalb auch auf den Gesprächen mit weiteren Beschäftigten, erzählen Anwesende.

Berliner Zeitung/Antonia Groß
Die Beschäftigten stimmen den Protestverlauf im Plenum ab.

Am Warenhaus am Kaiserkorso ist die Stimmung am Vormittag gedämpft. Das GWC hatte zwar den Protest ausgerufen, wollte jedoch nach eigenen Angaben die Demoroute und das Vorgehen der Aktion nicht im Vorfeld, sondern vor Ort mit allen Beteiligten beschließen. Das bedeutete am Sonnabend mehrere Abstimmungen im Plenum, etwa um die Frage der jeweils nächsten Station. Im Kreis stehend versammelt, schlägt Kurier Zeynep das nächstgelegene Warenhaus in der Urbanstraße in Neukölln vor. Die Hände aller Umstehenden schnellen in die Höhe. Beschlossene Sache.

SPD-Abgeordnete Kiziltepe unterstützt die Arbeitskämpfe

Bevor die Beschäftigten sich allerdings auf den Weg zum Warenhaus in Neukölln begeben können, müssen die Polizeikräfte noch auf Verstärkung warten, um den Korso zu begleiten. Es ist Demo-Wochenende, das Polizeipersonal ist knapp, die Straßen voll – zudem war die Veranstaltung nur als Kundgebung angemeldet worden. Cansel Kiziltepe, Bundestagsabgeordnete der SPD aus Kreuzberg, meldete deshalb die Demonstration an.

Kiziltepe unterstützt die Arbeitskämpfe der Gorillas. „Mir sind Arbeitnehmerrechte sehr wichtig“, sagt die Abgeordnete. „Und wir sehen immer öfter, dass im Zuge der Digitalisierung diese Rechte umgangen werden, nicht mitgedacht werden.“ Bei Gorillas gebe es Gesundheitsschutzmaßnahmen, die „nachgezogen“ werden müssten, auch hinsichtlich der Arbeitszeitregelungen und den Problemen mit der Vergütung.

Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Anfang Juni von Beschäftigten angestoßene Betriebsratswahl für Gorillas. Das Unternehmen betont seither immer wieder, dass es die Arbeitnehmervertretung unterstütze, so auch in einer Erklärung am Sonnabend. „Wir unterstützen ausdrücklich und uneingeschränkt die Gründung eines Betriebsrats bei Gorillas und werden dafür selbstverständlich alle benötigten Mittel zur Verfügung stellen“, heißt es darin.

Bezüglich des Protests schränkte das Unternehmen seine Unterstützung dagegen ein. Man sehe einen Unterschied zwischen einem zukünftigen Betriebsrat und dem GWC, weil das Kollektiv nicht offiziell gewählt sei. Vor dem Warenlager in der Urbanstraße, der zweiten Station der Demonstration, riefen die Protestierenden ihre Kolleginnen und Kollegen am frühen Nachmittag dazu auf, ihre Schichten zu unterbrechen und in den Streik zu treten. Doch seien die Beschäftigten vom Unternehmen aufgerufen worden, sich vor Schichtende nicht am Protest zu beteiligen, sagt ein Kurier. Der verantwortliche Warenhausmanager wollte der Berliner Zeitung vor Ort dazu keine Auskunft geben. Das Unternehmen verneint, dass es eine Abstimmung über die Teilnahme im Warenhaus gegeben habe.

Nach weiteren Verhandlungen mit den Polizeikräften bezüglich der Demoroute fuhr der Protestzug in Kleingruppen zum dritten Warenlager in der Muskauer Straße. Ein Ziel des Protests sei neben den Gesprächen mit den dort Beschäftigten und der Vernetzung eben auch, den Betrieb für den Tag zu blockieren, twitterte das GWC am späten Nachmittag. In Kreuzberg und Friedrichshain sei das laut GWC auch gelungen.