Gourmet-Biere: Champagner aus dem Sudkessel

An diesem Wochenende erreicht das Münchner Oktoberfest seinen Höhepunkt. Traditionell ist das zweite Wochenende der 16 Tage dauernden Sause das umsatzstärkste und das bedeutet von jeher: das bierseligste. Millionen Maßkrüge werden befüllt und wieder geleert, oans, zwoa, gsuffa, dazu Hendl, Blasmusik und Schädelweh am Tag danach.

Unabhängig vom Geschehen auf der Theresienwiese ist der deutsche Biermarkt in jüngerer Zeit spürbar in Bewegung geraten. Es handelt sich um einen Trend, der in jeder Hinsicht im Gegensatz zum bayerischen Massenrausch steht – bis auf die Tatsache, dass es ebenfalls um Bier geht. Die Gebräue tragen Bezeichnungen wie Triple Stout, Indian Pale Ale oder Belgian Style Tripel. Sie werden nicht in klobigen Humpen verabreicht, sondern in zarten, oft bauchigen Gläsern. Der Kenner gießt die Produkte nicht hastig in sich hinein, er nippt, schmeckt und genießt. Mit 0,75 Litern ist die Flaschengröße der neuen Biere ebenso ungewöhnlich wie ihr Preis. Er geht ab zwei Euro aufwärts. Viele Sorten kosten um die zehn, andere 20, einige sogar 30, in der Spitze bis zu 40 Euro. Pro Flasche wohlgemerkt. Champagner aus dem Sudkessel sozusagen.

Bierabsatz seit 70ern gesunken

So exotisch all das klingen mag: Gourmetbiere sind seit etwa fünf Jahren auf dem deutschen Markt im Kommen, zunächst unbemerkt, mittlerweile aber unübersehbar. Zumeist kleine Betriebe besinnen sich auf beinahe vergessene Verfahren und neue Methoden, bedienen sich alter Hopfensorten und neuer Züchtungen, um eine unglaubliche Vielzahl eigenwilliger Biersorten an die Kundschaft zu bringen. „Es sind meist junge, innovationsfreudige Braumeister, die, gelangweilt vom Einerlei der Massenbiere, Traditionen beleben und Neues ausprobieren“, weiß Günther Guder, Geschäftsführer im Bundesverband des Getränkefachgroßhandels.

In der Tat nimmt die Zahl der Braustätten zu. Beispiele für junge Unternehmen sind der „Hopfenstopfer“ in Bad Rapenau , Camba Bavaria in Truchtlaching oder Schoppe Bräu aus Berlin-Kreuzberg. Allein in der Hauptstadt haben sich seit 2005 neben Schoppe, der mit dem Slogan „Hopfen, Malz und Muskelschmalz“ für sein „Woody Woodpecker Ale“ wirbt, vier weitere Newcomer mit selbstgebrauten Edelbieren etabliert: Braumeister Andreas Bogk stellt Berliner Weiße nach dem fast vergessenen Verfahren der Spontangärung her, „Brewbaker“ bietet sogar 20 eigene Sorten an. „Beer 4 Wedding “ befindet mit Blick auf das hauseigene Indian Pal Ale: „Schmecken muss es. Aber nicht jedem.“ Und die „Vagabund“-Brauerei, die von drei US-Amerikanern in Friedrichshain gegründet wurde, verabreicht unter anderem ein „Coffee Stout“ aus stark geröstetem und daher dunklem Malz.

Auf dem 17. Berliner Bierfestival Anfang August waren Gourmetbiere ein derartiger Renner, dass der Nachschub binnen weniger Stunden knapp wurde. Im März besuchten 5 000 Besucher das eintägige Braukunst Live Festival in München, das ganz und gar den edlen Bieren gewidmet war. Insgesamt sieben solcher Events bietet der Veranstalter Finest Spirits in diesem Jahr an. Im Internet finden sich ungezählte Spezialseiten zum Thema. Der Trend macht sich mittlerweile auch in den Statistiken des Deutschen Brauerbundes bemerkbar: Zwar ist der Bierabsatz hierzulande von 150 Liter pro Kopf Mitte der 70er Jahre auf gegenwärtig rund 100 Liter gesunken, die Zahl der Brauereien steigt aber seit 2005 spürbar.

„Immer mehr Menschen schätzen die Vielfalt der Biere, die unverfälschte Herstellung abseits des Massenangebots“, sagt Bier-Sommelier Sylvia Kopp, Gründerin der Beer Academy Berlin. Bier-Sommeliers? Ja, auch die gibt es mittlerweile zur Beratung und Schulung der Kundschaft, ebenso wie spezielle Hefe-Banken, die eine Vielzahl von Hefen zur Herstellung ungezählter Biersorten vorhalten.

Dabei stellen nicht nur kleine Brauereien die auch als „Craft-Bier“ bezeichneten Erzeugnisse her. Auch mittelständische Unternehmen wie Schneider und Maisel brauen Spezialbiere. Und selbst der Branchenprimus, die Radeberger-Gruppe aus dem Oetker-Konzern, mischt mit einer breiten Palette edler Gebräue unter der Marke Braufactum mit.

Da nimmt es nicht wunder, dass Handel und Hersteller einige Hoffnungen auf den Boom der Craft-Biere setzen. Schließlich stammen in den USA, von wo aus der Trend zum feinen Gerstensaft nach Europa schwappte, mittlerweile sieben Prozent der konsumierten Biere aus Craft-Brauereien. Der Umsatzanteil liegt wegen der deutlich höheren Preise sogar im zweistelligen Bereich.

Bis auf weiteres sind die Erwartungen an den hiesigen Absatz allerdings deutlich bescheidener, wenn auch mit Hoffnungen der von Umsatz- und Ertragsrückgängen geplagten Branche besetzt. „Sollten Gourmet-Biere in einigen Jahren bei uns einen Marktanteil von zwei Prozent erreichen, wäre das schon ein sehr schöner Erfolg“, sagt Sepp Gail, Verbandschef des Deutschen Getränke-Einzelhandels. Allerdings müsse die Exklusivität der Erzeugnisse erhalten bleiben, befindet Gail im schönsten bayerischen Bier-Dialekt: „Wenn Indian Pale zum Massenbier wird, geht das Kultige verloren. Dann ist der Trend am Ende.“