Schon im Fenster hängt die ganze Geschichte: ein leuchtendes B, mit zwei Strichen wie beim Dollarzeichen. Ein großes leuchtendes Bekenntnis, wie es Dagobert Duck nicht schöner für seine Haustür hätte aussuchen können. Das B steht für die virtuelle Währung Bitcoin, die man nicht im Portemonnaie mit sich trägt, sondern die sich in einer sogenannten Easy Wallet befindet. Aber man kann damit bei Jörg Platzer sein Bier bezahlen. Bislang ist es die einzige Kneipe Deutschlands, in der das möglich ist.

Platzer empfängt an diesem Spätnachmittag im „Room 77“ so, wie es sich für einen Kreuzberger Kneipenwirt gehört: leicht verschwitzt, leicht verschlafen, ganz in schwarz. Er sitzt auf einem der durchgesessenen Sofas, die Wände sind abgezogen bis auf den Putz, chinesische Laternen hängen an der Decke. Es riecht ranzig, trotz der weit geöffneten Fenster. Platzer, 46, war Informationsarchitekt, bevor er vor acht Jahren Geschäftsführer des „Room 77“ wurde und vor zwei Jahren dort die Bezahlung mit Bitcoins einführte.

Was genau sind denn nun Bitcoins, Herr Platzer? „In diesem Stadium ein Experiment, ein Vorschlag“, antwortet Platzer, „eine geniale Philosophie, die schon bald das Ende der Banken bedeuten könnte.“ Er holt jetzt hastig zu einem längeren Vortrag aus, in dem in schneller Abfolge die Begriffe monetäre Oppression, staatlicher Zwang, Dezentralisierung, unzensiertes Leben und Systemkritik fallen, und weil man befürchtet, dass es gleich auch noch um das befreite Kreuzberg gehen könnte, fragt man schnell: „Wie bezahle ich denn nun mein Bier mit Bitcoins?“

Platzer klappt einen Tabloidcomputer auf und geht auf eine Website. „Man bezahlt von einem Bitcoin-Konto zum anderen“, erklärt er dabei „Da gibt es verschiedene Anbieter, zum Beispiel bitcoin.de oder localbitcoins.com. Der Kunde scannt mit seinem Handy den Preis als QR-Code, die Bezahlung sehe ich zwei, drei Sekunden später bei mir einlaufen. Es wird sofort klar, ob das Konto gedeckt ist oder nicht. Die Datensicherheit von Bitcoins ist unschlagbar.“ An der Wand hinter der Theke hat Platzer ein kleines Schild befestigt, auf dem steht: I believe in honesty, gold, silver and bitcoin.

Ein Bitcoin ist zur Zeit ungefähr 100 Euro wert, ganz genau lässt sich das nicht sagen, da sich der Kurs „durch Angebot und Nachfrage ständig ändert“. Gestern Nachmittag jedenfalls kostete ein großes Rollberg, welches Platzer selbst mit Bitcoins einkauft, 4 Euro oder 0,04 Bitcoins.

Den Cocktail Moscow Mule gab es für 7 Euro oder 0,07 Bitcoins, einen Cheeseburger mit 250 Gramm Halalfleisch für 11 Euro oder 0,12 Bitcoins. Fünf bis zehn Prozent des Umsatzes macht Platzer bislang in Bitcoins. „Euro nehme ich weiterhin, dazu werde ich gesetzlich gezwungen“, sagt Platzer. „Aber ich mache es auch schon aus reinen Vernunftgründen.“

Denn eine wirkliche Garantie, dass der Bitcoin auch noch am Abend so viel wert ist, wie Platzer ihn morgens auf die Karte schrieb, gibt es nicht. „Die größte Schwierigkeit ist momentan die Wechselkursvotalität“, räumt Platzer ein. „Um keinen Verlust zu machen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich nehme das Risiko auf mich, oder ich nehme einen Dienstleister wie walletbit.com oder bitpay.com.“ Die nehmen Prozente. Etwas weniger als Mastercard.

Inzwischen hat Platzer weitere Händler im Gräfekiez motiviert, Bitcoins zu akzeptieren, seit zwei Wochen sind ein dutzend Händler auf www.bitcoinkiez.de online. Es ist der erste Bitcoin-Kiez weltweit. Deshalb muss Platzer jetzt auch Schluss machen. Gleich kommt ein australisches Fernsehteam.