Unterwegs in Deutschland: Das Foto postete Greta Thunberg aus dem ICE.
Foto: Instagram

BerlinGreta Thunberg hat mal wieder einen Nerv getroffen. Das Foto, das sie auf dem Boden eines ICE-Zuges sitzend zeigt, fachte eine seit Jahren schwelende Diskussion neu an.

Wie steht es um die Deutsche Bahn? Kann sie ihre Aufgaben jetzt und in Zukunft erfüllen? Interne Zahlen, die der Berliner Zeitung vorliegen, zeigen: Das Bundesunternehmen bleibt sogar hinter den eigenen Erwartungen zurück. Seit Mai sinkt die Pünktlichkeit im Fernverkehr wieder. Bisher galten in diesem Jahr 75,5 Prozent der Fernzughalte als pünktlich – die Bahn hatte sich 76,3 Prozent als Zielmarke gesetzt. Die durchschnittliche Zahl der täglichen Ausfälle und Teilausfälle von Fernverkehrszügen ist von 50,5 im Vorjahr auf 51,7 gestiegen, hieß es weiter. Den Orientierungswert beziffert die Bahn dagegen mit rund 29.

Am Boden

Wer zu Stoßzeiten ohne Sitzplatzreservierung in einen deutschen Zug steigt, muss damit rechnen, die Reise wie Greta Thunberg auf dem Boden zu verbringen. Nicht wenige Fahrgäste ärgern sich darüber, dass die Kapazität vor allem freitags und sonntags vielerorts nicht reicht – obwohl Politiker und Klimaaktivisten dazu aufrufen, anstelle von Autos oder Flugzeugen die umweltfreundliche Bahn zu nutzen. So ist es kein Wunder, dass der Tweet, den die 16-Jährige ins Netz stellte, auf breites Interesse und Zustimmung stieß. Er zeigt die 16-Jährige, die sich in einem ICE auf dem Boden niedergelassen hat.

Die Bahn teilte später mit, dass Thunberg zwischen Kassel und Hamburg auch in der ersten Klasse gereist sei – was umgehend eine Diskussion über den Schutz von Fahrgastdaten auslöste. Die Schwedin erklärte daraufhin, dass ihr Zug ab Basel ausgefallen sei, darum habe sie im Anschluss in zwei verschiedenen Zügen auf dem Boden gesessen. Hinter Göttingen habe sie schließlich einen Sitzplatz erhalten. „Das ist natürlich kein Problem, und ich habe niemals gesagt, dass es eines wäre“, beschwichtigte sie. Vielmehr seien überfüllte Züge „ein großartiges Zeichen, weil das bedeutet, dass die Nachfrage nach Bahnreisen groß ist.“ Also alles wieder in Ordnung?

Das Problem des deutschlands Bahnverkehr

So unbequem es auch ist, im Zug mit einem Bodenplatz vorlieb nehmen oder gar stehen zu müssen – dass dies möglich ist, lässt sich auch als Vorteil für Deutschland werten. In Gretas Heimatland, aber auch in anderen Ländern gilt im Fernverkehr eine strikte Reservierungspflicht. Wer keine Platzkarte hat, darf nicht mitfahren. Das kann spontane Fahrten unmöglich machen und die Flexibilität senken. Zwar wurde immer wieder überlegt, auch in Deutschland Platzreservierungen zu fordern. Doch es würde schwierig, die ungewohnte Neuerung durchzusetzen, hieß es.

Was aber, wenn der Zug, für den man eine Reservierung hat, ausfällt oder der Wagen mit den gebuchten Plätzen fehlt? Die Bahnstatistik zeigt, dass von den täglich knapp 52 Ausfällen und Teilausfällen im Fernverkehr rund 30 fahrzeugbedingt sind. Das heißt: Der Zug hatte einen ernsten Defekt. Nur in 22 Prozent der Fälle konnte den Reisenden ein Ersatzzug gestellt werden, hieß es. Hier zeigt sich erneut, dass die Bahn zu lange zu wenig investiert hat – ein Versäumnis, das auf die Zeit unter Hartmut Mehdorn zurückgeht, als sie für einen Börsengang fit gemacht werden sollte. Allerdings haben auch Liefer- und Qualitätsprobleme in der Bahnindustrie zu den jetzigen Schwierigkeiten beigetragen.

Anfang 2020 sinken die Preise im Fernverkehr der Bahn – wenn dann wie im Nahverkehr nur noch sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig werden. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt. Die Bahn hat bereits angekündigt, ihre Preise im Fernverkehr um rund zehn Prozent zu senken. Ob das wirklich dazu führt, dass die Zahl der Fahrgäste spürbar weiter steigt, gilt unter Fachleuten als strittig. Wer gern Auto fährt oder darauf angewiesen ist, wird sich damit nicht locken lassen.

So oder so: Die Rekordinvestitionen, die Bahnvorstand Berthold Huber angekündigt hat, sind dringend notwendig. In den kommenden Jahren soll die Fahrzeugflotte für mehr als zwölf Milliarden Euro aufgestockt werden, so das Unternehmen.