Dass sie bald in Rente gehen könnte, sieht man Sabine Herzberg* nicht an: Die Büroangestellte kommt in Jeans und T-Shirt zur Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung am Fehrbelliner Platz; sie trägt ihre blonden Haare lang, ihr Blick ist aufgeschlossen. Doch tatsächlich bleiben der 60-Jährigen nur noch gut sechs Jahre, bis das Arbeitsleben vorbei ist. Am 1. September 2025 ist ihr offizieller Rentenbeginn.

Rente: Die Zahl bringt große Ernüchterung

Herzberg will an diesem Tag erfahren, wie hoch ihre Rente voraussichtlich ist. Sie sitzt gegenüber von Beraterin Katja Braubach. Die Zahl bringt große Ernüchterung: 1.330 Euro Rente erwarten sie beim offiziellen Rentenantritt. „Das sind 1.183 Euro nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung“, fügt Braubach hinzu. Sabine Herzberg sagt: „Oh, Jesus Maria.“ Dann schweigt sie.

Nach einem Leben voller Arbeit ist das nicht viel. 1976 hat Herzberg in der DDR eine Lehre als Laborassistentin angefangen. In den achtziger Jahren bekam sie zwei Kinder, deretwegen sie ein paar Jahre zuhause blieb. Später arbeitete sie in der Firma ihres Mannes, der ihr 1.000 Euro Gehalt zahlte.

Anfang der Nullerjahre gingen Herzberg und ihr Mann auseinander. Auf einen Versorgungsausgleich verzichtete sie. „Ich wollte mit all dem nichts mehr zu tun haben“, sagt sie. Später begann sie als Sekretärin in einem landeseigenen Kulturbetrieb zu arbeiten, was ihr bis heute Spaß macht. Es ist eine Anstellung im Öffentlichen Dienst.

Kleine Rente: „Dann kann ich meine Wohnung nicht mehr halten“

Und dann eine Rente von 1.183 Euro? „Dann kann ich meine Wohnung nicht mehr halten“, ist ihr erster Gedanke. 661 Euro Miete warm zahlt sie für zwei Zimmer. Eine Wohnung, in der sie sich wohlfühlt, die ihr nach den Stürmen des Lebens ein neues Zuhause wurde. Immerhin ist die Tochter fast aus der Ausbildung raus. „Ihr brauche ich kein Geld mehr zu geben“, sagt Herzberg.

Die Beraterin macht ein paar Vorschläge. Wenn Herzberg vorzeitig aufhört zu arbeiten, verliert sie 0,3 Prozent ihres Anspruchs für jeden Monat, den sie früher in Rente geht. „Da mache ich lieber weiter, bis die Regelrente kommt“, antwortet Herzberg. Eine andere Option sei es, die Arbeitszeit in den letzten Jahren um ein paar Stunden zu reduzieren. „Wenn Sie jeden Tag eine Stunde weniger arbeiten, ergibt das bei vier Jahren verkürztes Arbeiten bis 20 Euro weniger Rente“, sagt sie.

Rentner: Die letzten Jahre fallen den Arbeitnehmern oft schwer

Herzberg ist unsicher. Doch Braubach weiß aus Erfahrung, dass die letzten Jahre den Arbeitnehmern oft schwerfallen. „Es geht darum, bis 2025 durchzuhalten. Nicht, dass Sie vorher zusammenklappen“, sagt sie. „Und wenn ich als Minijobber arbeite? Ich fühle mich zum alten Eisen geschoben, wenn ich nichts tue“, sagt Herzberg.

Immer wieder murmelt sie die Rentensumme „1.183 Euro“. Wieso so wenig? Sie hat doch viele Jahre gearbeitet. Es geht um die Rentenpunkte. Das Statistische Bundesamt errechnet jedes Jahr das Durchschnittseinkommen. Auf diesem basieren die Entgeltpunkte oder Rentenpunkte. In Ostdeutschland lag das jährliche Durchschnittseinkommen 2018 bei 33.671 Euro. Wer dieses Einkommen hat, erhält einen Entgeltpunkt. Dieser beträgt zurzeit 31,89 Euro in Ostdeutschland und 33,05 Euro in Westdeutschland.

Die Rente sollte nur ein Baustein in der Vorsorge sein

„Doch auf die Rente allein sollte man sich nicht verlassen. Es sollte nur ein Baustein in der Vorsorge sein“, mahnt Braubach. Herzberg bekommt noch eine Betriebsrente vom Öffentlichen Dienst. Sie beträgt etwa 176 Euro minus 19 Prozent für Kranken- und Pflegeversicherung.

Sabine Herzberg wirkt ganz in Gedanken versunken. Die Beschäftigung mit der Rente ist für viele Besucher der Beratung desillusionierend. „Kommen Sie zwei Jahre, bevor es ernst wird, noch einmal“, sagt Braubach. Vielleicht haben sich die Zahlen noch ein bisschen verändert.

* Name von der Redaktion geändert