Wer den amerikanischen Liebesklassiker „Pretty Woman“ gesehen hat, weiß, dass Richard Gere in dem Film als Unternehmensplünderer arbeitet, also als ein Finanzinvestor, der Mehrheitsbeteiligungen an unprofitablen börsennotierten Unternehmen erwirbt, um diese dann zerstückelt zu veräußern und daraus Gewinne zu machen. Solche Taktiken gelten als legal (aber böse) und werden in Deutschland gerne als Heuschreckenkapitalismus bezeichnet.

Die sogenannten Private-Equity-Firmen gelten hingegen als gut, denn sie suchen sich vielversprechende nicht-börsennotierte Unternehmen und Start-Ups aus und beteiligen sich an diesen finanziell, um künftig große Gewinne zu erzielen. Solche Geschäfte sind zwar risikobelastet, aber oft auch erfolgreich und hochlukrativ.

Deutschlands größter Produzent von Corona-Impfstoffen, Biontech, der vor der Pandemie kein einziges Präparat auf den Markt bringen konnte, wurde mit Hilfe der Private-Equity-Investoren zum börsennotierten Marktführer und machte seinen Gründer Ugur Sahin zum Multimilliardär – und seine Investoren noch reicher als zuvor.

Inflation? Ein Unterschied zwischen den USA und Deutschland

Und jetzt stellen wir uns einmal vor: Tausende von solchen Investoren in teuren Anzügen treffen sich auf einmal im Fünf-Sterne-Hotel InterContinental in Berlin, um auf der sogenannten SuperReturn-International-Konferenz im halbgeschlossenen Format Strategien für größere Gewinne zu diskutieren und Lösungen für die größten Probleme der Investorenwelt zu finden. Ja, auch die Erfolgreichsten unter den Geschäftsleuten erkennen die heutigen Herausforderungen an, bezeichnen sie aber lieber als Möglichkeiten oder Chancen.

Liudmila Kotlyarova
Ein Teilnehmer spricht auf der SuperReturn International-Konferenz am 16. Juni 2022.

Der Teilnehmerpreis für drei Tage: rund 5.850 Euro pro Person, mit einer Ausnahme für Entwicklungsbanker, gemeinnützige Stiftungen oder etwa die Staatsfonds. Hier wird nur Englisch gesprochen, die meisten sprechen amerikanisches Englisch. Und worüber diskutieren sie konkret?

Fast alle Sprecher beklagen sich über die Inflation als den größten Angstfaktor für ihre Geschäfte. Doch während die Europäer lernen würden, mit steigenden Energiekosten zu leben (sagt jedenfalls ein Private Equity-Chef, der für das US-amerikanische Investmentunternehmen Ares Management mit einem globalen Verwaltungsvermögen von rund 300 Milliarden US-Dollar arbeitet), fürchteten seine US-Partner steigende Löhne als Inflationsfaktor in den USA.

Was man jetzt dringend brauche, sagt sein Kollege beim US-Hedge-Fund Viking Global mit einem Verwaltungsvermögen von rund 60 Milliarden US-Dollar, seien „radical innovation“ und „radical growth“, also radikale Innovationen und radikales Wachstum. Ins Deutsch übersetzt: Die Technologie-Welt muss mit weiteren Milliarden vollgepumpt werden, nur noch effektiver.

Für radikale Innovation nach Berlin

Es mag etwas ungewöhnlich klingen, dass der Geldadel unter den globalen Investoren solche Themen in Berlin groß angelegt diskutiert und nicht etwa in London oder Dubai, wo etwas mehr Geld fließt als in der von manchen als dörflich wahrgenommenen deutschen Hauptstadt.

Doch dieser Eindruck ändert sich. Man nimmt Berlin international nicht mehr als dörflich wahr, sagt eine Teilnehmerin aus Los Angeles im persönlichen Gespräch. Als etwas konservativ und traditionell vielleicht, und „not really risk taking“, also nicht risikofreudig genug, aber auf jeden Fall nicht als kleingeistig. Außerdem: Berlin habe viele talentierte und günstige Arbeitskräfte zu bieten. Eine Teilnehmerin aus London sagt, dass London gerade unter den Brexit-Folgen leide und von Europa etwas abgeschnitten wirke. Berlin dagegen habe die Chance, sich zu einem europäischen Technologie-Standort Nr. eins zu entwickeln.

„Ich glaube, Berlin und Deutschland sind ein sehr attraktiver Markt zum Investieren, auch wenn viel Geld nicht notwendigerweise aus Deutschland bereitgestellt wird, sondern eher aus London kommt“, sagt ein deutscher Teilnehmer, Senior Managing Director bei der Beratungsfirma Accenture Strategy, Dr. Moritz Hagenmüller, der Berliner Zeitung. Das Münchner IT-Unternehmen Celonis sei zwar noch nicht börsennotiert, habe aber schon einen Unternehmenswert von über zehn Milliarden US-Dollar.

Aus Berlin kämen die großen Food-Lieferanten mit internationaler Präsenz wie HelloFresh und Delivery Hero, sagt Hagenmüller weiter. HelloFresh sei zusammen mit dem Berliner Online-Versandhändler Zalando sogar im Deutschen Aktienindex DAX vertreten, während Delivery Hero gerade rausgenommen werde. Was wäre aber Berlins Vorteil gegenüber anderen Städten? Hagenmüller dazu: „Es ist eine Stadt von Talenten, weil viele Menschen hierher kommen, gut ausgebildet werden und dann auch bleiben wollen. Und das richtige Talent zu bekommen, ist ein Erfolgskriterium für jede Form von Investment.“

Im Gesundheitswesen mehr Beteiligungskapital wagen

Gerade im Gesundheitswesen scheint Berlin generell ein besonders attraktiver Standort für Private-Equity-Gesellschaften zu sein. Ein Vertreter von GHO Capital, einer großen Londoner Investitionsfirma in diesem Bereich, sagt dazu, Deutschland habe „vielleicht“ das beste Gesundheitssystem auf der Welt, das sogar überfinanziert sei – im Vergleich zum Vereinigten Königreich.

Liudmila Kotlyarova
Im Fünf-Sterne-Hotel InterContinental bekommen die teilnehmenden Firmen eigene Boxen.

Lange Zeit waren Frankfurt und München das Mekka der Finanzwelt. Berlin galt als unbedeutend und provinziell. Diese Wahrnehmung gebe es immer noch in München, sagt der Rechtsanwalt Dr. Stephan Rau von der internationalen Anwaltskanzlei McDermott Will & Emery der Berliner Zeitung. Man schaue in Süddeutschland allerdings  mit etwas Arroganz nach Berlin und habe den Eindruck, dass dort weniger funktioniere als in anderen Gegenden des Landes. Die lange Bauzeit des BER- Flughafens sei für viele ein „running joke“, also ein laufender Witz.

Rau sagt jedoch, dass diese Sichtweise unfair sei. In der deutschen Hauptstadt gebe es viele gut ausgebildete junge Gründer und Arbeitskräfte. Außerdem sei die Stadt cool und lebendig und ziehe deshalb viele Technologie-Unternehmen an. Der zügige Bau des Teslawerks von Elon Musk in Brandenburg sei ein Riesenerfolg der Region.

Seine internationalen Partner aus Frankreich, Großbritannien oder den USA interessierten sich insbesondere für Berlin und weniger für München.  Berlin werde als die einzige internationale Stadt betrachtet.

Doch nicht alles läuft in Berlin so, wie die Investoren es sich wünschten. Auf die Frage, warum internationale Investoren nicht wirklich in Pflegeheime oder Gesundheitsunternehmen investieren, sagt Stephan Rau: „Es gibt in Berlin viel Widerstand in der Gesellschaft und von Ärzten gegen die Öffnung des Gesundheitswesens für Private Equity-Gesellschaften, es gebe viele Vorurteile gegen diese Art von Investitionen“. Aber Berlin sei trotzdem ein wichtiger Gesundheitsstandort. Zum Beispiel sei die Universitätsklinik Charité in vielen Bereichen eine führende Institution in Deutschland. Der bei ihr tätige Professor Christian Drosten habe zum Beispiel lange nahezu alle maßgeblichen Entscheidungen der Regierung während der Corona-Pandemie  geprägt, so Rau.

Die Idee dahinter: Der deutsche Staat könne mal entspannter sein und im Gesundheitswesen mehr große Kapitalinvestitionen wagen. Zumindest die Chancen sind jetzt groß, wenn Berlin langsam zu einem wichtigeren Ort des Geldflusses wird.