Berlin/ Moskau - Der russische Corona-Impfstoff Sputnik V ist nach einer ausgesprochen positiven Bewertung durch das Fachmagazin The Lancet international nachgefragt. Als erster EU-Staat hat Ungarn dem Impfstoff die Zulassung erteilt. Das teilte der Minister für Humanressourcen, Miklos Kasler, am Sonntag auf seiner Facebook-Seite mit. Das Zentrum für Nationale Volksgesundheit (NNK) habe nach Ende der notwendigen Prüfung die Genehmigung erteilt, sagte Kasler, zu dessen Ressort auch das Gesundheitswesen gehört. Ministerpräsident Viktor Orban hatte bereits am Freitag angekündigt, dass die Zulassung von Sputnik V bevorstehe.

Ungarn nutzt damit erstmals einen Impfstoff gegen das Coronavirus, der noch nicht EU-weit zugelassen ist. Im Genehmigungsverfahren befindet sich in Ungarn zudem das von der chinesischen Firma Sinopharm produzierte Anti-Corona-Vakzin. In Ungarn werden zudem die Impfstoffe von Pfizer/ Biontech, Moderna sowie Astrazeneca verimpft. Auch Tschechien hat bereits Interesse an dem russischen Coronavirus-Impfstoff Sputnik V bekundet. Ministerpräsident Andrej Babis reiste am Wochenende nach Budapest, um sich bei seinem Kollegen Viktor Orban über den dort geplanten Einsatz des Impfstoffs zu informieren. „Wir würden es selbstverständlich alle bevorzugen, wenn die Europäische Arzneimittelagentur das russische Vakzin genehmigen würde“, sagte Babis nach Angaben der Agentur CTK.

Iran beginnt mit Einsatz von Sputnik V

Der Iran beginnt am Dienstag mit seinem Impfprogramm mit dem Einsatz von Sputnik V. Zunächst werden Ärzte und Pflegepersonal geimpft, dann folgen Menschen über 65 Jahren, wie Gesundheitsminister Said Nakami nach einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Isna am Sonntag ankündigte. Anschließend werde es „Schritt für Schritt“ weitergehen, bis alle 83 Millionen Iraner geimpft seien. Das Land hat bisher 500.000 Dosen des russischen Impfstoffs erhalten.

Mehrere Entwicklungsländer haben sich ebenfalls an Russland und China gewandt, um rasch mit dem Impfen beginnen zu können. Vietnam hatte sich bereits im vergangenen Jahr für bis zu 150 Millionen Dosen von Sputnik V registriert. Kambodscha, Vietnams armem Nachbarn, hat China eine Million Dosen des Mittels des Staatsunternehmens Sinopharm versprochen. Zudem hat das Land auch Indien und Russland um Hilfe gebeten, um Impfdosen zu kaufen. Die Seychellen haben ihre Impfkampagne mit Sinopharm-Dosen und Guinea mit Sputnik-V-Dosen begonnen.

Auch die EU will nachziehen, nachdem man dem russischen Impfstoff zunächst mit Argwohn und Misstrauen begegnet war. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hob bei seinem Besuch in Moskau am Wochenende die Offenheit der EU für Sputnik V hervor. Er hoffe, dass die Europäische Arzneimittelbehörde EMA die Zulassung des Vakzins auch in der EU empfehlen werde, sagte Borrell.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow betonte, sein Land wünsche sich eine enge Zusammenarbeit mit der EU und den USA bei der Impfstoff-Produktion. Zudem hätten bereits mehrere EU-Mitgliedstaaten Interesse daran bekundet, das russische Corona-Vakzin „auf ihrem Staatsgebiet herzustellen“. Zuletzt hatte der Hersteller von Sputnik V Interesse an der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen IDT Biologika in Dessau in Sachsen-Anhalt bekundet.

Impfen beim Shoppen

Russland hat ein sehr einfaches Impf-Konzept entwickelt. Das Präparat wird sogar beim Shoppen oder in der Oper verabreicht. Wer nicht anstehen will für den Impfstoff mit einer Wirksamkeit von mehr als 91 Prozent gegen das Coronavirus, kann sich auch in einer Poliklinik einen Termin geben lassen. Die Wartezeit beträgt laut dpa nur wenige Tage. Altersbeschränkungen gebe es keine. Auch Deutsche bekommen Sputnik V in Moskau und müssten etwa in der GMS-Klinik nur den Reisepass vorlegen.

Das Prozedere: Ärzte untersuchen Nase und Rachen, hören die Lunge ab. Sie informieren über mögliche Nebenwirkungen wie Kopfweh und leicht erhöhte Körpertemperatur – und geben dann ihre Zustimmung zur Impfung durch das Pflegepersonal. Die Kosten für den ärztlichen Check samt Impfung liegen bei gut 50 Euro. In 21 Tagen muss noch eine zweite Komponente verabreicht werden. Nach 42 Tagen insgesamt soll sich die Immunität dann voll ausgebildet haben. Russische Bürger bekommen die Impfungen gratis.

Russlands staatlicher Direktinvestmentfonds RDIF, der an der Finanzierung der Entwicklung beteiligt ist, hat angekündigt, dass mehr als eine Milliarde Dosen in diesem Jahr produziert werden könnten. RDIF-Chef Kirill Dmitrijew sagte laut dpa, dass Russland offen sei für Kooperationen mit westlichen Partnern. Mit Blick auf die EU hieß es in Moskau, im zweiten Quartal könnten 100 Millionen Dosen für 50 Millionen Menschen bereitgestellt werden. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, sprach  von einem „Zeitraum von Wochen“, bis der Impfstoff in der EU zugelassen sein könnte. (BLZ mit AFP und dpa)