Der ausländischen Fachpresse zufolge ist das Tech Open Air in Berlin das coolste Festival in Europa. Und wenn man durch das abgerockte Klinkergebäude der alten Teppichfabrik in Treptow mit dem dahinter liegenden Gärtchen schlendert und sich unters Start-up-Volk mischt, möchte man dem uneingeschränkt zustimmen. Während Sound-Cloud-Mitbegründer Eric Wahlforss im ersten Stock darüber spricht, wie sehr sich die Musikrezeption durch das Smartphone verändert hat und wie sein Unternehmen Austausch-Plattform für eine neue Nutzer-Generation ist, hockt das Publikum draußen im Garten in Liegestühlen, auf Sitzkissen und Heuballen, schlürft Smoothies, netzwerkt und lauscht elektronischer Musik.

„Ich liebe Berlin“, sagt eine junge Frau mit grellblondierten Haaren und bunt bedruckter Glitzer-Leggins. „Hier gibt es eine junge, frische Technologie-Szene. In New York sind die Leute etwas älter, und es ist so teuer, das man kaum daran teilhaben kann.“ Vor fünf Jahren ist Super Ivi, wie sich die Künstlerin selbst nennt, mit ihrem Freund aus New York nach Berlin gezogen. Sie dreht Youtube-Videos über Lifestyle-Themen für die Online-Plattform The-Hashtag-Hero. „Berlin ist ein Hafen für Künstler und Kreative, und die sind mein Publikum“, sagt sie.

Nikolas Woischnik würde das wahrscheinlich sofort unterschreiben. „Wir sind interdisziplinär“ sagt der Gründer des Tech Open Airs und Chef der gleichnamigen Firma. Damit meint er, dass das Festival sowohl „gesättigte Wirtschaftsteile“, wie er traditionelle Unternehmen nennt, einbezieht, als auch Kunst und Musik. „Start-ups bleiben auf Konferenzen sonst immer sehr unter sich“, so Woischnik.

Wissenstransfer, Dialog und Zusammenarbeit rund um das Thema Technik will er den Besuchern bieten. „Jede Institution kann das Festival mit Events mitprägen, ob das nun Unternehmen, Universitäten, Galerien oder Botschaften sind.“

Idee sucht Geld

Wie das in der Praxis aussieht, lässt sich zum Beispiel an einem langgezogenen Tisch auf der Wiese hinter dem Hauptgebäude beobachten. Start-ups und Vertreter der Old Economy treffen sich hier zum Speed-Dating. Sechs Minuten haben die Jungunternehmer Zeit, sich Großunternehmen wie Coca Cola, der Deutschen Bank oder IBM zu präsentieren. Dann klingelt ein Glöckchen, und die Gründer rutschen einen Stuhl weiter. Das Format wurde von der Landesinitiative Projekt Zukunft als ein gemeinsames Mittagessen von etablierten Unternehmen und Start-ups entwickelt, und findet zum ersten Mal in abgewandelter Form auf dem Festival statt.

„Es soll ein Treffen auf Augenhöhe sein“, erklärt Katrin Tobies, Referentin für Digitale Wirtschaft bei der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Große Unternehmen hätten zwar die nötige Infrastruktur und das Kapital, seien beim Thema Innovationen aber oft schwerfällig. Start-ups auf der anderen Seite könnten unkonventioneller agieren, suchten aber häufig nach Entwicklungs- und Vertriebspartnern.

In der zweiten Etage der Villa führt Anne Wohlauf von der Universität der Künste eine elektronische Vodoo-Puppe vor. Sie ist aus einem EU-weiten Projekt hervorgegangen, mit dem Schüler ans Programmieren herangeführt werden sollen. „Die Schulen tun da leider immer noch viel zu wenig“, sagt sie.

Was in der Hauptstadt knapp ist

Gute Programmierer seien in Berlin Mangelware, behauptet Staszek Kolarzowski. Der 27-Jährige mit blondem Vollbart und sein Geschäftspartner fallen mit ihren blau-glänzenden Anzügen in der Menge auf: In der Berliner Start-up-Szene trägt man eher lässige Outfits. Kolarzowski ist Mitgründer von Pilot, eine Firma mit Hauptsitz in Polen, die freiberufliche Web-Designer und Programmierer an Start-ups vermittelt. „Der Markt ist riesig“, sagt Kolarzowski. „Kein Freelancer will zu McKinsey oder IBM gehen und dort langweiliges Zeug machen. Und Start-ups suchen ständig nach Leuten für neue Projekte.“

Pilot überwacht, dass die Start-ups mit der Arbeit der Freelancer zufrieden sind, und diese umgekehrt wie vereinbart bezahlt werden. „Es passiert leider oft, dass Freiberufler weniger bekommen als ursprünglich abgemacht.“ Fünf Pilot-Mitarbeiter arbeiten mittlerweile in Berlin, 20 bis 30 Prozent der Start-up-Kunden von Pilot haben ihren Sitz in der Hauptstadt. „Berlin ist in Europa der beste Ort für Start-ups. Wenn man Hilfe braucht, trifft man dort überall auf andere Gründer.“

Das größte Problem sei, gute Entwickler zu finden. Marketing-Leute gebe es dagegen genug. In Polen ist es laut Kolarzowski übrigens genau umgekehrt.