Sie sind das schlechte Gewissen der 50-Kubik-Dompteure. Roller, die leise und abgasfrei durch die City düsen, während Zweitakt-Piloten mit kreischender Nachkriegstechnik nach dem Lebensgefühl des Südens suchen und den Großstädter nerven. Nachdem Fahrräder mit elektrischen Hilfsmotoren bestückt wurden, sind stromgetriebene Motorroller nun die zweite Ausbaustufe auf dem Weg zur umfassenden Elektromobilität.

Tatsächlich tut sich was auf dem Markt. Nach Informationen des Branchenmagazins Visordown ging der Absatz konventioneller Roller in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres um 40 Prozent auf rund 37.000 Fahrzeuge zurück. Zugleich kletterten die Verkaufszahlen für Strom-Scooter um mehr als 50 Prozent auf fast 6000 Roller. Europaweit, so schätzt man beim europäischen Verband der Motorradhersteller ACEM, werden sich 2018 rund 50.000 Elektroroller verkaufen lassen.

Ein Platz in der modernen Mobilitätsgesellschaft

Auch die Firma Unu Motors am Tempelhofer Ufer spürt die wachsende Nachfrage. „Wir haben im ersten Quartal doppelt so viele Roller verkauft wie Anfang 2017“, sagt Pasqal Blum, Co-Chef und Mitgründer des Unternehmens. Er hatte es vor fünf Jahren zusammen mit seinem Schulfreund Elias Atahi nach einem gemeinsamen China-Aufenthalt gegründet. Sie wollten Elektroroller zum Preis eines Benzin-Scooters auf den Markt bringen. Seitdem werden die mit einem Bosch-Motor bestückten Elektroroller in Kreuzberg entwickelt. Produziert werden sie in China, ausschließlich online verkauft und schließlich samt aufgeladenem Akku und Versicherungskennzeichen bis vor die Haustür geliefert. Den Service übernehmen Bosch-Stützpunkte, von denen Unu rund 1000 unter Vertrag hat. Inzwischen wachse Unu schneller als der Markt, sagt Blum.

Noch schneller als der Absatz von Elektrorollern wächst indes das Geschäft der E-Scooter-Verleiher. Im Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) auf dem Euref-Campus in Schöneberg ist Enrico Howe der Experte in Sachen E-Scooter-Sharing. „Das System hat sich etabliert und längst seinen Platz in der modernen Mobilitätsgesellschaft gefunden“, sagt er und räumt ein, dass dieser Platz noch klein ist. Weltweit gebe es rund 20.000 Leihroller, während andererseits allein in Berlin 25.000 Leihräder zur Verfügung stünden, so Howe. Das zeige, dass der E-Roller-Verleih noch ein Nischenmarkt ist. „Der Vergleich veranschaulicht aber vor allem das Potenzial nach oben.“

Die Wachstumsraten sind schon jetzt beeindruckend. Waren laut InnoZ-Analyse im Herbst weltweit noch rund 350.000 Nutzer bei den Roller-Sharing-Anbietern registriert, so sind es nun bereits weit über eine Million. Es sind vor allem die Young Urban Professionals, die den Roller für eine schnelle Fahrt von A nach B nutzen. Meist geschieht es spontan und unregelmäßig, aber längst haben auch Pendler den Leihroller als alternatives Verkehrsmittel entdeckt.

Das Verleihgeschäft wächst und gedeiht

Während es in Mailand, Madrid und Barcelona inzwischen jeweils sechs Anbieter gibt, in Paris immerhin vier, so sind es in Berlin nach wie vor nur zwei Strom-Scooter-Verleiher. Einerseits Emmy, das in Berlin mit Förderkredit und der Hilfe überzeugter Business-Angels gegründete Start-up, und andererseits das Unternehmen Coup, das von der Unternehmensberatung Boston Consulting für den 78-Milliarden-Euro-Konzern Bosch erdacht worden war, der sein junges Tochterunternehmen in Berlin platzierte.

Von hier aus baut Coup sein Verleihgeschäft inzwischen europaweit aus. In Paris wurde die Flotte gerade auf 1700 Roller verdreifacht, in Madrid sollen 850 Scooter auf die Straßen gebracht werden. In Berlin stehen seit dem Frühjahr 2017 rund 1000 Roller zur Verfügung. Während die Bosch-Tochter Coup aus Nutzungszahlen ein großes Geheimnis macht, ist Emmy vergleichsweise offen.

Nachdem das Start-up zunächst mit Rollern verschiedener Hersteller begonnen hatte, tragen inzwischen ausschließlich E-Schwalben den Firmenschriftzug „Emmy“ auf rotem Lack. 600 Roller sind es aktuell. Aber noch in dieser Saison soll die Berliner Flotte auf 800 wachsen, denn die Nachfrage steigt. „Wir haben 2015 mit 5000 registrierten Nutzern angefangen, im vergangenen Jahr hatten wir 25.000, jetzt sind es allein im ersten Halbjahr schon 50.000“, sagt Valerian Seither, einer der drei Emmy-Gründer.

Die Konkurrenz aus dem Ausland

Und es sind nicht nur reine Registrierungen, die Roller werden auch tatsächlich immer häufiger genutzt, was zweifelsfrei durch den bislang großartigen Sommer unterstützt wurde. Denn dass es allein im Mai im Berlin 120 Sonnenstunden mehr gab als im Mai des Vorjahres, ist auch bei Emmy ablesbar. War im vergangenen Sommer noch jeder Roller in Berlin im Schnitt knapp viermal am Tag genutzt worden, so registriert man in diesen Monaten in der Emmy-Zentrale nahezu eine Verdopplung.

Dass es in Berlin noch Platz und Bedarf für mehr Roller gibt, steht längst außer Frage. „4000 Leihroller wären sicherlich nicht zu viel“, sagt Emmy-Chef Seither. Auch InnoZ-Forscher Howe hält eine Verdreifachung des Angebotes für realistisch. „Konservativ geschätzt“, fügt er hinzu.

Möglicherweise baut Coup seinen Berliner Fuhrpark aus, wofür es derzeit keine Bestätigung gibt. In jedem Fall wäre auf Berlins Scooter-Sharing-Markt aber auch noch Platz für einen dritten Anbieter, der nicht zwingend aus Deutschland kommen muss. Denn europaweit ist die Konkurrenz mittlerweile nicht nur beträchtlich, sie setzt auch auf Expansion. Das 2016 gegründete Pariser Start-up Cityscoot etwa hatte erst im April 40 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Damit soll die Flotte nach eigenen Angaben bis 2019 auf 10.000 Roller wachsen – „europaweit“.