Bis zu 30 Tonnen Kräuter und Gemüse wachsen im Jahr in der Stadtfarm in Lichtenberg.
Foto: Stadtfarm

BerlinDie Modemacher haben sich gerade verabschiedet, nun sind die Bauern und Viehzüchter in der Stadt. Grüne Woche statt Fashion Week. Die Landwirtschaftsmesse am Funkturm gilt als die wichtigste der Branche weltweit. 1926 fand sie erstmalig statt und stellte in den vergangenen Jahren immer neue Besucherrekorde auf. 

Mittlerweile lockt die Grüne Woche fast so viele Besucher in die Messehallen wie die ITB und die Funkausstellung zusammen. 2019 waren es etwa 400.000 Besucher, davon 85.000 Fachbesucher, die den Berliner Hoteliers und Einzelhändlern pro Gast und Tag im Schnitt immerhin 240 Euro in die Kassen brachten. Aber was hat Berlin eigentlich heute noch mit Landwirtschaft zu tun? Die Stadt, in der die Flächen immer knapper, die Häuser immer höher werden und Tiefkühlkost immer beliebter wird?

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Tatsächlich ist Landwirtschaft in Berlin selten geworden. Laut Bundesagentur für Arbeit gibt es hier nur noch 18 sozialversicherungspflichtige Jobs in der Tierhaltung. Der Landeskontrollverband hat für 2018 in Berlin einen Bestand von 1058 Schafen, 357 Ziegen und 286 Schweinen ermittelt. Von 870 Rindern sowie 342 Hühnern weiß das Statistische Landesamt.

Genaueres kann man dort nicht sagen. Die letzte umfassende Zählung liegt Jahre zurück. 2016 gab es in Berlin demnach 52 landwirtschaftliche Betriebe mit insgesamt gut 200 Beschäftigten. Erst in diesem Jahr sollen neue Daten erhoben werden. Die Statistiker rechnen allerdings mit einem weiteren Rückgang.

Ackerbau und Reiterhof

Axel Gericke, der zwischen Märkischem Viertel und Stadtgrenze einen eigenen Hof betreibt, schätzt, dass es noch etwa 40 Landwirte in der Stadt gibt. In Gatow und Rudow gebe es noch je einen Hof mit Milchviehhaltung, aber bei den meisten Landwirten gehe es um Ackerbau mit angeschlossenem Reiterhof. Die Böden seien zu schlecht, um nur von Roggen und Hafer leben zu können, sagt Gericke, der zugleich dem Verband „Bauern in Berlin“ vorsteht. Viele Höfe hätten keinen Nachfolger. Das Ende sei absehbar, so der Bauer. „Wir sind die letzten Mohikaner.“

Derweil keimen in dieser Stadt Alternativen für völlig neue Arten von Tier- und Pflanzenproduktion. Im östlichen Lichtenberg liegen Gewächshäuser versteckt in einem Landschaftsschutzgebiet. „Stadtfarm“ steht an einem der Glasbauten. Tatsächlich wird hinter den Scheiben das Versprechen von Lebensmitteln aus der Region auf die Spitze getrieben. Denn in der Stadtfarm wird eine Fischzucht betrieben, werden Kräuter und Gemüse angebaut.

Catfisch aus Lichtenberg

Die Fische leben in großen Becken. Ihre Ausscheidungen werden mit dem Wasser abgepumpt. In natürlichen Filtern wird Ammoniak per sogenannter Bakterien-Oxidation zunächst in Nitrit dann in Nitrat umgewandelt. Das nährstoffreiche Wasser fließt dann in die Kräuter- und Gemüsegärten der Farm. Danach wird das Wasser aufgefangen, wieder in die Fischbasseins geleitet.

„Wir führen 100 Prozent des Wassers im Kreislauf und sind damit die einzige kommerzielle Anlage weltweit, die das kann, erklärt Stadtfarm-Chefin Anne-Kathrin Kuhlemann. „Bei uns fällt kein Abwasser an.“ Im Vergleich mit der konventionellen Landwirtschaft würde man 80 Prozent weniger Wasser benötigen.

Die Stadtfarm im Landschaftspark Herberge wurde 2017 in Betrieb genommen. Gezüchtet wird dort der Catfisch, eine Welsart aus Afrika, die in freier Natur bis zu 1,70 Meter lang und 80 Kilogramm schwer wird. In Lichtenberg sind Lebenszeit und Wachstum allerdings deutlich begrenzt. Ein halbes Jahr hat ein Catfisch, um eine Größe von etwa 50 Zentimetern zu erreichen. Dann bringt er schlachtreife zwei Kilogramm auf die Waage. Er sei der perfekte Kinderfisch, sagt eine Mitarbeiterin. „Kaum Gräten, schmeckt wie Hühnchen.“ Zudem sei er nachhaltig. Während für ein Kilogramm Rindfleisch sieben Kilo Futter benötigt würden, sei für ein Kilogramm Catfisch auch nur ein Kilo nötig.

„Wir erzeugen 50 Tonnen Fisch pro Jahr“, sagt Kuhlemann. Verkauft wird der Fisch im eigenen Laden. Darüber hinaus beliefert die Stadtfarm etwa das Novotel in Mitte oder die Schankhalle Pfefferberg. Außerdem wachsen in der Stadtfarm jährlich rund 30 Tonnen Kräuter von Petersilie bis Basilikum sowie Tomaten, Gurken, Paprika, Grünkohl und Mangold.

Soll kaum Gräten haben und nach Hühnchen schmecken: der  Catfisch.
Foto: Stadtfarm

Wiege der alternativen Landwirtschaftsszene

In der Malzfabrik in der Schöneberger Bessemerstraße steht gewissermaßen die Wiege der alternativen Berliner Landwirtschaftsszene. In der dortigen ECF Farm werden bereits seit 2015 Barsche gezüchtet und Basilikum angebaut. Das Prinzip dort unterscheidet sich nur in Details von der Stadtfarm. Es gibt ebenfalls einen geschlossenen Wasserkreislauf. Die Abläufe wurden inzwischen perfektioniert. „Das ist eine Hochleistungsproduktion“, sagt Gründer und Chef Nicolas Leschke. Tatsächlich werden jährlich 15 Tonnen Fisch als „Hauptstadtbarsch“ an Rewe, Edeka, Metro oder das Frisch-Paradies geliefert.

Außerdem gehen jährlich 400.000 Basilikum-Pflanzen in Töpfen an Rewe. Fünf Mitarbeiter sind in der Farm beschäftigt, die seit 2018 profitabel arbeitet. Parallel projektiert und baut das Unternehmen auch Farmen im Kundenauftrag. Noch in diesem Jahr soll eine weitere in Deutschland entstehen. In Belgien und in der Schweiz hat Leschke bereits Farmen schlüsselfertig übergeben. Berliner Landwirtschaft als Exportartikel.

Weitere Stadtfarm kommt nach Rummelsburg

Das will das Tempelhofer Start-up Infarm ebenfalls schaffen. Es produziert Glasschränke, in denen Kräuter und Gemüse unter stets optimalen Temperatur-, Licht- und Nährstoffverhältnissen heranwachsen und den Transport vom Erzeuger zum Handel überflüssig machen. Die Pflanzen müssen nur geerntet werden. 350 solcher Kleinfarmen sind in Edeka-Märkten und Restaurants bereits im Einsatz. Die Expansion nach Japan und in die USA ist geplant. Im vergangenen Sommer hatte das Unternehmen dafür bei Investoren 88 Millionen Euro eingesammelt.

Und auch die Stadtfarm will weitermachen. Noch in diesem Jahr soll auf dem Vattenfall-Gelände neben dem Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg die zweite Catfisch-Zucht entstehen. Dann mit Solaranlage, um die Pumpen mit Ökostrom betreiben zu können, und mit einer Regenwasserauffanganlage, mit der der Wasserbedarf weiter reduziert werden soll.