Der Wirecard-Ausschuss hat am Donnerstag den früheren Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als Zeugen vernommen. Guttenberg hatte sich für Wirecard bei Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzt. Merkel empfahl darauf das Unternehmen bei einem Staatsbesuch in China. Ein Deal mit einem chinesischen Unternehmen kam zwar nie zustande. Doch im Fall Wirecard stellt sich die Frage: Haben Regierungsstellen ein Unternehmen protegiert, dessen Geschäftsmodell zu wesentlichen Teilen in Betrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation bestand? Haben die Aufsichtsbehörden ihre schützende Hand über Wirecard gehalten – sei es durch mangelnde Fachkenntnis oder weil sie selbst Interessen vertreten, etwa in Form des Handels mit Aktien?

Guttenberg hatte mit seinem Unternehmen Spitzberg Partners Wirecard bei der geplanten Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore beraten. Guttenberg legte Wert auf die Feststellung, dass Spitzberg kein „Lobbyunternehmen“ sei.

Spitzberg Partners habe auch mit einer amerikanischen Beraterin chinesischer Abstammung zusammengearbeitet – „weil sie beide Märkte kennt“, so Guttenberg.

Guttenberg verlas zunächst eine sehr lange Darstellung zu dem Wirecard-Mandat. Er war gut vorbereitet und ruhig. Sein Statement war detailreich und sollte untermauern, dass Guttenberg oder seine Mitarbeiter von den kriminellen Machenschaften bei Wirecard nichts gewusst haben konnten.

Guttenberg sagte: „Spitzberg ist nicht die Staatsanwaltschaft, ein Wirtschaftsprüfer oder die Bafin. Er sagte: „Wir haben uns auf die Angaben der Behörden verlassen.“ Die Wirtschaftsprüfer hätten die „Abschlüsse zehn Jahre lang testiert“. Guttenberg sagte: „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Kenntnis von Straftaten. Säße ich hier wenn die Aufsicht funktioniert hätte? Weder hätten wir dieses Unternehmen in Nord-Amerika unterstützt noch der Bundeskanzlerin für China empfohlen.“ Guttenberg sagte: „Wir wurden offensichtlich arglistig getäuscht.“ Investmentbanken hätten investiert, die KfW habe Wirecard einen 100-Millionen-Euro-Kredit gewährt. Alle hätten Wirecard geglaubt. In der Rückschau müsse man jedoch sagen: „Was für eine furchtbar vergeudete Zeit!“

Spitzberg habe seinen Kunden Wirecard auf die Berichte der Financial Times (FT) angesprochen, „gewisser Mutmaßungen der FT“, wie Guttenberg sagte. Doch Wirecard und auch der frühere Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Markus Braun, hätten alle Vorwürfe als haltlose Gerüchte abgetan. Guttenberg: „Wie fast alle Medien, Bafin, Wirtschaftsprüfer, Staatsanwalt und viel zu viele Anleger haben wir das Märchen vom bösen Shortseller geglaubt.“ Auf die Frage der SPD-Abgeordneten Cansel Kiziltepe, ob er nicht einmal daran gedacht habe, die FT-Journalisten zu kontaktieren, um deren Vorwürfe einschätzen zu können, sagte Guttenberg, dies habe er nicht getan.

Guttenberg sagte zur Zusammenarbeit seines Unternehmens mit Klienten, dass es sich nicht um politisches Networking handle. Allenfalls würde auf politische Zusammenhänge verwiesen: „Kontaktaufnahmen zu Regierungsstellen werden nur in absoluten Ausnahmefällen vorgenommen. Nur wenn ein Eintreten auch im Interesse der Regierung ist, werden wir tätig.“ Allerdings habe er sich bei einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für Wirecard eingesetzt. Deutsche Unternehmen seien nämlich „bei einem Markteintritt in eine staatlich gelenkte Wirtschaft wie in China auf Unterstützung angewiesen“.

Zu seinem Vier-Augen-Termin mit Merkel sagte Guttenberg, dieser Termin sei ohne Agenda geführt worden: „Ich hatte gar nicht geplant, die Kanzlerin über Wirecard zu unterrichten, weil ich das Thema beim Finanzministerium in guten Händen fand. Guttenberg sagte, „wenn es Zweifel gegeben hätte in der politischen Führung, hätten wir Wirecard abgeraten“, das China-Geschäft zu verfolgen.

Im Laufe des Gesprächs erwähnte Merkel ihre anstehende China-Reise. In einigen wenigen Minuten brachte Guttenberg nach eigener Aussage das Gespräch auf Wirecard. Er sagte der Kanzlerin, dass es ein junges Technologie-Unternehmen gäbe, das in den chinesischen Markt eintreten wolle. Guttenberg: „Wenn das auch eurer Überzeugung entspricht, können wir gerne unterstützen.“

Merkel sagte schließlich laut Guttenberg „so etwas wie: ,Ja das könnte hilfreich sein‘, aber ohne sich explizit festzulegen.“ Merkel gab das Thema schließlich an die Fachleute weiter. Guttenberg sagte: „Ich habe zur Bundeskanzlerin ein außerordentliches Vertrauensverhältnis, ich würde dieses Vertrauen niemals für einen zweifelhaften Kunden aufs Spiel setzen.“

Guttenberg berichtete außerdem von vier Treffen mit dem früheren Vorstandsvorsitzenden von Wirecard, Markus Braun. Es seien „kurze, aber bizarre Treffen“ gewesen. Beim ersten Treffen beim Medientag DLD in München habe es ein „erstaunlich entrücktes“ Gespräch gegeben, bei dem Braun sehr abgehoben über Weltpolitik und Technologie geredet und ihn völlig überraschend das Du-Wort angetragen habe. Es sei ein „seltsames Gespräch“ gewesen, Braun sei „nicht unsympathisch, aber sehr ungewöhnlich“ gewesen. Bei einem weiteren Termin mit Braun habe Guttenberg dem Wirecard-Chef empfohlen, dass das Unternehmen angesichts der anhaltenden negativen Presse durch die FT in Sachen Kommunikation etwas unternehmen müsse. Guttenberg schwebte eine Zusammenarbeit mit der Kommunikationsberatung Edelman vor.