Berlin - Die Hebammen des Geburtshauses Maja am Berliner Arnimplatz wollen durchhalten: „Allen Diskussionen um die gestiegenen Versicherungskosten der Hebammen zum Trotz, bieten wir weiterhin Geburtshilfe an“, kündigen die Frauen auf ihrer Homepage schon fast trotzig an. Doch bald könnte es auch in diesem Geburtshaus vorbei sein mit Geburten. Die seit Jahren steigenden Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung sind bereits ein großes Problem. Doch das dicke Ende kommt erst noch: Es besteht die Gefahr, dass die Hebammen bald gar keine Versicherung mehr finden, was das Ende der Geburtshilfe und damit für bis zu 4000 Hebammen de facto ein Berufsverbot bedeuten würde.

„Der Versicherungsmarkt für Hebammen bricht zusammen“ – mit dieser Meldung schockierten der Deutsche Hebammenverband (DHV) und der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) gerade ihre Mitglieder. Zuvor hatte die Nürnberger Versicherung angekündigt, sich zum 1. Juli 2015 aus dem Geschäft mit der Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen zurückzuziehen. Damit verschwinden die letzten verbliebenen Versicherungsmöglichkeiten für Hebammen vom Markt: Die DHV-Mitglieder hat die Nürnberger bisher zusammen mit der R+V-Versicherung und der Versicherungskammer Bayern versichert, bei den BfHD-Frauen war die Nürnberger allein tätig.

Kein Interesse

Nach Angaben von Bernd Hendges vom Versicherungsmakler Securon, der sich um die DHV-Hebammen kümmert, ist bisher nicht abzusehen, ob die Lücke je wieder geschlossen werden kann. Er befürchtet sogar, dass sich am Ende auch die noch verbliebenen Versicherungen verabschieden könnten. Hendges weiß aus eigener Erfahrung, wie gering das Interesse der Assekuranzen an der Absicherung von Hebammen ist: Als es 2013 um die Neuausschreibung des DHV-Vertrags ging, wurden 151 Versicherungen in ganz Europa angeschrieben. 147 hatten kein Interesse. Übrig blieben nur die bisherigen Versicherer und die Allianz, die aber lediglich teure Einzelpolicen anbieten wollte.

Aber warum verzichten Unternehmen freiwillig auf ein Geschäft? Die Nürnberger nimmt dazu selbst nicht Stellung, sondern verweist auf eine Erklärung des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV): „Die Kosten für Geburtsschäden infolge von Behandlungsfehlern sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen“, heißt es dort. Daher sei es für die Versicherer immer schwieriger, eine Haftpflichtversicherung zu bezahlbaren Preisen anzubieten. Zwar gibt es laut GDV nicht mehr Geburtsschäden als früher. Doch die Schäden, die reguliert werden, würden immer teurer: Allein zwischen 2003 und 2012 seien die Kosten um 80 Prozent geklettert. Unterläuft bei einer Geburt ein Fehler und das Kind ist schwer geschädigt, so zahlen die Versicherer im Durchschnitt heute 2,6 Millionen Euro. In Einzelfällen sind bis zu zehn Millionen Euro fällig geworden.

Verbände fordern eine politische Lösung

Der Grund für den Kostenanstieg: Schwerstgeschädigte haben heute dank der modernen Medizin eine wachsende Lebenserwartung. Damit steigen die Ausgaben für Pflege- und Therapiekosten, die bis zu 20 000 Euro im Monat betragen können. Auch die von den Gerichten zugestandenen Schmerzensgelder sind heute höher. „1999 waren etwa 200 000 Mark, also 100 000 Euro, üblich, inzwischen sind wird bei 250 000 Euro angekommen“, sagt Versicherungsmakler Hendges. Hinzu kommt, dass heute viel öfter geklagt wird. „Die Schäden in der Geburtshilfe sind für die Versicherer gar nicht mehr kalkulierbar.“ Schließlich müssten die Versicherungen im Zweifel über Jahrzehnte zahlen – mit ungewissen Kostensteigerungen.

Die Hebammen-Verbände fordern eine politische Lösung. Doch die große Koalition weist eine zentrale Forderung schon mal zurück: Eine Haftungsübernahme durch den Staat könne er sich nicht vorstellen, sagt CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn.

Auch in den sozialen Netzwerken wird das Thema viel diskutiert. Die Mitgliederzahl der Facebook-Gruppe "Rettet unsere Hebammen" wächst stündlich. Außerdem hat eine junge Mutter aus Bianca Kasting (32) aus Sendenhorst Online-Petition bei change.org zum Erhalt des Hebammenwesens erstellt.