Berlin - Russlands Präsident Wladimir Putin trifft sich am heutigen Donnerstag mit den Größen der deutschen Wirtschaft.

Mit dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft und Vertretern von Konzernen wie Siemens und Linde will er besprechen, wie Handel und Investitionen vorangebracht werden können. Gleichzeitig bestehen die Sanktionen des Westens gegen Russland weiter.

Schaden die Sanktionen der Wirtschaft des Landes überhaupt? Und welche Länder in Europa leiden ihrerseits unter den Maßnahmen?

Haben die Sanktionen der russischen Wirtschaft geschadet?

Im Jahr 2014 rutschte die russische Wirtschaft in eine Rezession, das Bruttoinlandsprodukt ging zurück. Auslöser waren allerdings weniger die Sanktionen des Westens wegen der Ukraine-Politik des Kreml. Härter traf das Land der sinkende Ölpreis – Öl und Gas sind die Hauptexportprodukte Russlands. Zudem fiel der Wechselkurs des Rubels, was Importe deutlich verteuerte und die Inflation in die Höhe trieb. Die daraus folgenden Reallohnverluste belasteten den privaten Konsum der Russen.

Wie steht die russische Wirtschaft derzeit da?

Sie erholt sich, unter anderem wegen des Ölpreises, der auf ein Zwei-Jahres-Hoch gestiegen ist. Die Einzelhändler setzten im August knapp zwei Prozent mehr um als vor einem Jahr, die Inflation ist mit 3,3 Prozent auf ein Rekordtief im postsowjetischen Russland gefallen. Die Kapitalflucht hat in den vergangenen zwei Jahren stark abgenommen, der Rubel ist wieder fester. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für dieses und nächstes Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,8 und 1,6 Prozent – nach minus 0,2 Prozent im vergangenen Jahr. „Trotz der westlichen Sanktionspolitik besteht wenig Anlass zur Sorge“, so die Ökonomen der Raiffeisen Capital Management.

Wie entwickelt sich der deutsch-russische Handel?

Die Sanktionen und die Wirtschaftskrise haben den deutsch-russischen Handel hart getroffen. Laut Ostausschuss der deutschen Wirtschaft betrug er im vergangenen Jahr nur noch 48 Milliarden Euro, das war rund die Hälfte des Wertes einige Jahre zuvor. Dieses Jahr jedoch geht es wieder bergauf, trotz Sanktionen: In den ersten fünf Monaten 2017 kletterte das Handelsvolumen um fast ein Drittel. Für das Gesamtjahr rechnet der Ostausschuss mit einem Exportplus von 20 Prozent.

Welche EU-Staaten haben unter den Sanktionen bisher am meisten gelitten?

Zwischen 2014 und 2016 schrumpften die EU-Exporte nach Russland um jährlich 15,7 Prozent, errechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. In Euro gingen sie von 120 Milliarden auf 72 Milliarden Euro zurück. Laut Wifo sind bis zu 40 Prozent des Rückgangs auf die Sanktionen zurückzuführen. Besonders hart traf es Zypern, das einen sanktionsbedingten Rückgang seiner Exporte von knapp 35 Prozent beklagt. Zu den Hauptleidtragenden gehörten zudem Griechenland (-23 Prozent) und Kroatien (-21 Prozent). „Die Schätzungen weisen darauf hin, dass die Sanktionen die Unternehmen im Jahr 2014 am stärksten trafen“, so das Wifo. „In den beiden Folgejahren gelang es – wenn auch nur in geringem Umfang – nach und nach, die Handelsströme in Drittländer umzulenken.“

Was ist mit Deutschland?

Prozentual gingen die deutschen Exporte zwar nicht so stark zurück wie in anderen EU-Ländern. In absoluten Summen jedoch verzeichnet die deutsche Wirtschaft den stärksten Verlust: Die Sanktionen kosteten sie laut Wifo rund elf Milliarden Euro pro Jahr. Damit trage Deutschland etwa ein Drittel der gesamten sanktionsbedingten Exportrückgänge der EU. Polen und Großbritannien verloren je drei Milliarden Euro.

Welche Branchen litten am stärksten?

Laut Wifo trafen die russischen Gegensanktionen vor allem die Hersteller von Agrarprodukten und Nahrungsmitteln, insbesondere bei Milchprodukten und Früchten. Ihr Export sank zwischen 2013 und 2016 um 22,5 Prozent. Bei Waren (insbesondere Fahrzeuge) gingen die Ausfuhren um knapp 18 Prozent zurück und die Rohstoffexporte um 15 Prozent.