Berlin - Für die einen scheint die Sonne. Sie zählen zu den Spitzenverdienern mit verfügbaren Nettoeinkommen von mehr als 58.791 Euro pro Jahr. Für diese Gruppe ist das Risiko, eine Einkommenseinbuße zu erleiden, in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten deutlich gesunken.

Für die anderen mit Jahreseinkommen von weniger als 11.758 Euro haben sich die Aussichten eingetrübt. Die Chancen auf mehr Wohlstand und steigende Löhne stehen für die Einkommensschwächsten schlechter als vor 25 Jahren.

Arm bleibt arm und reich bleibt reich: Auf diese Formel lassen sich die Ergebnisse einer Studie zur sozialen Mobilität bringen, die am Montag von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung vorgestellt wurde.

Um die Wahrscheinlichkeiten steigender oder sinkender Einkommen im Zeitverlauf vergleichen zu können, bildete Studienautorin Dorothee Spannnagel sechs Gruppen, die sich am mittleren Einkommen (Medianeinkommen) orientieren. Dieses lag 2013 für einen Ein-Personen-Haushalt bei 19.597 Euro Netto-Einkommen (nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben, einschließlich öffentlicher Transferzahlungen wie Arbeitslosengeld, Rente und Kindergeld). Als arm gelten laut Studie Ein-Personen-Haushalte, die weniger als 60 Prozent des Medians oder 11.758 Euro pro Jahr zur Verfügung haben. Zur „unteren Mitte“ zählt, wer 60 bis 100 Prozent des mittleren Einkommens erhält. Die „obere Mitte“ bewegt sich zwischen 100 und 150 Prozent, die „Wohlhabenden“ kommen auf 150 bis 200, die „Einkommensreichen“ auf 200 bis 300 und die „sehr Reichen“ auf mehr als 300 Prozent des Medianeinkommens, also auf mindestens 58792 Euro netto pro Jahr.

Soziale Mobilität für alle abgenommen

Um herauszufinden, wie sich Aufstiegschancen und Abstiegsrisiken in den sechs Einkommensgruppen entwickelt haben, wurden zwei Fünfjahresperioden, 1991 und 1995 sowie 2009 und 2013, untersucht. Danach hat die soziale Mobilität zwar für alle Einkommensklassen im Zeitverlauf abgenommen, besonders krass aber sind die Veränderungen für die Topverdiener. In dieser Gruppe lag das Abstiegsrisiko zwischen 1991 und 1995 in Westdeutschland noch bei 58,3 Prozent. Das heißt: 58,3 Prozent der „sehr Reichen“ aus dem Jahr 1991 waren es 1995 nicht mehr, 4,6 Prozent von ihnen befanden sich 1995 nur mehr in der „unteren Mitte“, weitere 4,4 Prozent sogar unter den Armen.

Der Jahresvergleich 2009 und 2013 ergibt ein grundlegend anderes Bild: In diesem Zeitraum konnten 63 Prozent der westdeutschen Spitzenverdiener ihren Einkommensstatus halten, weitere 23 Prozent sackten lediglich in nächstuntere Gruppe der Einkommensreichen ab. In die untere Mitte und zu den Armen wurden dagegen zusammen nur noch 2,4 Prozent durchgereicht. Ebenso ausgeprägt, wenn auch auf geringerem Niveau, verlief die Entwicklung in Ostdeutschland. Konnten im Vergleich von 1991 und 1995 nur 27,8 Prozent der „Reichen“ und „sehr Reichen“ ihren Status festigen, waren es zwischen 2009 und 2013 bereits 52,4 Prozent. Einmal oben, immer oben - die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist gestiegen.

Ganz unten gilt das in gleicher Weise, wenn auch im Osten ausgeprägter als im Westen.

Forscher alarmiert über Befunde

Dort gelang es zwischen 1991 und 1995 knapp 49 Prozent der Armen nicht, in eine der höheren Einkommensgruppen aufzusteigen. Für die Jahre 2009 und 2013 traf dies dann auf 50,4 Prozent zu. Im Osten standen die Chancen auf einen Aufstieg zwar in den ersten Jahren nach der Vereinigung gut: So vermochten 71,9 Prozent der Armen des Jahres 1991, bis 1995 in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Später aber schwanden diese Möglichkeiten zusehends: zwischen 2009 und 2013 gelang es nur noch 46 Prozent der Armen, in höhere Einkommensklassen zu gelangen.

Aus Sicht der Sozialforscher sind die Befunde alarmierend. In kaum einem anderen OECD-Land seien die Chancen, aus den niedrigeren Einkommensgruppen aufzusteigen so schlecht wie in Deutschland, heißt es in der Studie. „Die Verfestigung der Armut ist besonders problematisch, denn aus der Forschung wissen wir: Je länger eine Armutssituation andauert, desto stärker schlägt sie sich auf den Alltag durch“, warnt Spannagel. Besonders Kinder seien betroffen, weil Armut und geringe Bildung sich in Deutschland stärker vererbten als in vergleichbaren Ländern.

WSI-Direktorin Anke Hassel setzt daher vor allem auf gezielte frühkindliche Förderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Fortschritte erwartet Hassel auch vom Entgeltgleichheitsgesetz von Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD), das Frauen künftig gegenüber Männern gleichen Lohn für gleiche Arbeit gewährleisten soll.