In gewisser Weise kommt die Meldung am Dienstag wie gerufen: Erstmals wird die Bundesagentur für Arbeit (BA) 2012 mehr als eine Million Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger verhängen, zumindest wenn sich der Trend des ersten Halbjahres fortsetzt. Denn schon bis Ende Juni veranlasste die BA 520 792 Leistungskürzungen wegen Rechts- und Regelverstößen. Allein im Februar wurden 93.931 Strafen ausgesprochen, mehr denn je in einem einzelnen Monat seit Einführung der Grundsicherung vor fast acht Jahren. – Da sieht man´s mal wieder. Liegen lieber in der sozialen Hängematte. Haben null Bock auf Arbeit. Leben auf Kosten der Allgemeinheit.

„Ich bin gut“

Von wegen. Im Job-Center Friedrichshain-Kreuzberg, einem der größten des Landes, sind am Dienstagmorgen Vertreter aus Wirtschaft und Arbeitsverwaltung zusammen gekommen, um das gängige Vorurteil vom faulen Langzeitarbeitslosen durch Fakten zu widerlegen. BA-Vorstand Heinrich Alt berichtet, allein im vergangenen Jahr hätten mehr als eine Million Menschen den Sprung aus dem Hartz-IV-Bezug in den regulären Arbeitsmarkt oder in Ausbildung geschafft. Ziel der BA-Kampagne „Ich bin gut“ sei es, Unternehmen zu ermutigen, Hartz-IV-Empfängern eine Chance zu geben.

Die Zahl der Sanktionen sei vor allem angestiegen, weil aufgrund der guten Arbeitsmarktlage viel mehr Arbeitsangebote unterbreitet würden als früher. Damit steige die Wahrscheinlichkeit von „Meldeversäumnissen“, die zwei Drittel der Sanktionen veranlassten. Nur elf Prozent seien ausgesprochen worden, weil eine angebotene Stelle abgelehnt wurde.

Die allermeisten Arbeitslosen wollten arbeiten, versichert Alt: „Wer Menschen im Hartz-IV-Bezug persönlich kennt, weiß das.“ Solche unmittelbaren Erfahrungen fehlen in Teilen der Bevölkerung aber offenbar. Die BA hatte das Allensbach-Institut mit einer Umfrage zum „Bild der Bevölkerung von Hartz-IV-Empfängern“ befragt und dem Befunde des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber gestellt. Alt destilliert daraus „die fünf größten Irrtümer“ zu den Arbeitslosen. So glauben 55 Prozent der Befragten, Menschen in der Grundsicherung bemühten sich nicht aktiv um eine Stelle. Tatsächlich suchen fast zwei Drittel der Betroffenen Arbeit, schreiben Bewerbungen, sprechen in Betrieben vor, geben Anzeigen auf.

Dabei sind 71 Prozent der Hartz-IV-Bezieher bereit, praktisch jede Arbeit anzunehmen, auch wenn sie nicht ihrer Qualifikation entspricht. Die wiederum ist besser, als gemeinhin erwartet: Immerhin 44 Prozent oder 800.000 Menschen verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium. Demgegenüber nehmen jeweils 57 Prozent der von Allensbach Befragten an, die Transferempfänger seien bei Stellenangeboten zu wählerisch und grundsätzlich schlecht qualifiziert. Auch die Annahme, Hartz-IV-Empfängern mangele es an sinnvollen Beschäftigung, ist falsch: 26 Prozent gehen arbeiten, weitere 13 Prozent sind in Ausbildung. Sie erhalten nur wegen des geringen Lohns aufstockende Leistungen. 27 Prozent betreuen Kinder, acht Prozent pflegen Angehörigen.

Irrig ist offenbar auch die Annahme von 37 Prozent der Befragten, Erwerbslose wollten gar nicht arbeiten. Für drei Viertel der Betroffenen ist „Arbeit das wichtigste im Leben“. Dass es dabei nicht allein ums Geldverdienen, sondern mindestens ebenso um Anerkennung geht, verdeutlichen am Dienstag Wirtschafts-Vertreter, die ins Berliner Jobcenter gekommen sind. „Die vielleicht wichtigste Motivation für die Menschen ist, sich wieder zugehörig zu fühlen, etwas Wert zu sein, anerkannt zu werden“, weiß Katharina Benson, Personalleiterin des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter.

Stolz auf das Firmenlogo

Dieter Mießen, kaufmännischer Leiter des Berliner Tiefbauunternehmens Frisch & Faust, berichtet von dem „Stolz, den junge Leute zeigen, wenn sie unsere Arbeitskleidung mit Firmenlogo tragen“. Dieser Stolz sei nicht selbstverständlich, denn der Nachwuchs komme aus Familien, die teils in dritter Generation von Transferleistungen lebten: „Wir gehen auf diese jungen Leute zu, auch wenn sie schlechte Schulabschlüsse haben, um sie aus dem Dunstkreis der Transfersysteme heraus zu holen.“ Klingt das nicht sehr nach Gutmenschentum? Mießen ist ein kühler Rechner: „Unsere Azubis sind sehr motiviert. Für uns lohnt sich das.“