Hausmusik mit E-Gitarre: Die schönsten E-Gitarren kommen aus Berlin

Schon die Namen haben Klang. Sie heißen Stratocaster oder Les Paul, Telecaster oder Flying V. Es ist die Prominenz aus den Adelshäusern der Stromgitarre. Mit ihnen haben Fender und Gibson in den Fünfzigerjahren die Entwicklung der elektrischen Sechssaiter grundlegend geprägt und zugleich die zwei Weltreligionen der E-Gitarre geschaffen. Während die Anhänger der Fender-Lehre auf jenen direkten drahtig-crispen Sound schwören, wie ihn angeblich nur ein geschraubter Hals samt Eschenholz-Korpus ermöglichen könne, huldigen die Gibson-Jünger der geleimten und somit ewigen Einheit von Griffbrett und Mahagoni-Bohle als dem einzig Wahren zur Schöpfung eines wirklich fetten Riffs. Ihre Priester vor den Marshall-Altären heißen Jimi Hendrix, Eric Clapton oder Jeff Beck einerseits und Jimmy Page, Slash oder Angus Young andererseits.

Seit erstmals eine Gitarre verdrahtet wurde, hat man die Urmodelle der E-Version fleißig variiert, tausendfach geklont und millionenfach gefertigt. Heute ist sie Anlageobjekt mit Sieben-Prozent-Rendite und Accessoire für Anwaltskanzleien und Maklerbüros, wo sie den Aristokraten mit seiner angeblichen Punk-Vergangenheit kokettieren lässt.

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Vor allem aber ist sie Musikinstrument und hat die Jugend- und Wohnzimmer erobert. Wo vor einem Jahrzehnt noch mit „Guitar Hero“ Gitarren-Karaoke an Sonys Playstation angesagt war, wird heute die Life-Performance bevorzugt. Die E-Gitarre grätschte in die Besinnlichkeit der traditionellen Hausmusik und sorgte auch dafür, dass Weihnachtsklassiker nun mit Verzerrer und schnellen Achteln intoniert werden. H-Blockx statt Blockflöte. Auch Violine war gestern.

Tatsächlich ist die Gitarre beliebt wie nie zuvor. In 2,8 Millionen bundesdeutschen Haushalten gehört sie zum Inventar. Zwar muss sie sich in der Beliebtheitsskala an hiesigen Musikschulen noch mit dem zweiten Platz nach dem Klavier begnügen, aber im Geschäft ist der Sechssaiter der Bestseller. 2013 sorgte er für einen Umsatz von 145 Millionen Euro und erlangt damit durchaus auch einen Stellenwert als Wirtschaftsfaktor.

Glockenmessing aus Marzahn

Heute gilt Deutschland nach den USA, Großbritannien und Japan als der viertgrößte Markt der Welt. Hier werden jährlich nicht nur Gitarren im Wert von 40 Millionen Euro importiert, sondern zugleich Gitarren für 17 Millionen Euro exportiert. Bei der Firma Thomann im fränkischen Burgebrach, mit einem Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro größter Musikinstrumenteversand der Welt, ist jedes zweite verkaufte Instrument eine Gitarre, vorzugsweise mit elektrischem Tonabnehmer.

Der Nordosten Berlins oder genauer das Grenzgebiet zwischen Marzahn und Hohenschönhausen hat sich in der Geschichte der Rockgitarre sicher nicht gerade hervorgetan. Dennoch ist man dort heute durchaus tonangebend. Auf dem zweiten Hinterhof eines Gewerbekomplexes treffen wir in der ersten Etage Peter Borowski. Der 47-Jährige steht zwischen Drehbänken, Bohr-, und Fräsmaschinen. Im Radio auf dem Fensterbrett läuft StarFM, das „Rockradio“. Das passt.

Die Firma ABM, die sich den Beinamen High Quality German Guitar Parts leistet, ist ein klassischer Metallbaubetrieb. Hier werden sogenannte Brücken und Endteile hergestellt, die nicht nur die Saiten einer Gitarre halten. Sie sind vor allem Schnittstellen zum Holzkorpus und bestimmen maßgeblich, wie eine Saite schwingt. „Mit diesen Teilen wird der Klang gemacht“, sagt Borowski und reicht eine dieser Brücken herüber. Sie glänzt golden, ist nicht größer als ein Feuerzeug, liegt aber schwer in der Hand. „Glockenmessing“, sagt der ABM-Mann, „gefräst aus einem vollen Stück“. Weltweit machten das nur noch fünf Firmen.

Der Marzahner Zehn-Mann-Betrieb hat im E-Gitarren-Markt, der von Großserienprodukten vor allem aus Südkorea, China und Mexiko bestimmt wird, seine Nische verteidigt. „In diesem Geschäft geht es nicht mehr um das Instrument“, sagt Peter Borowski. Bei den Herstellern seien heute die Einkäufer die Entscheider, weshalb längst klanglose, aber billige Druckgussteile Standard sind. Da der Unterschied aber zu hören ist, genießen die Teile aus Berlin einen exzellenten Ruf. Und wenn Gibson in Tennessee ein besonderes Instrument auflegen will, ordern die Amerikaner in der Regel ebenfalls bei ABM. Nashville meets Marzahn. In den vergangenen sechs Jahren wuchs der Umsatz Jahr für Jahr um 15 bis 20 Prozent.

Sechs Saiten Sinnlichkeit

Auch kleine Gitarrenmanufakturen verstehen sich als Antwort darauf, dass das Standardwerkzeug der Rockmusik ein Industrieprodukt wurde, das Fräsautomaten und Industrieroboter jährlich eineinhalbmillionenfach in den Markt pumpen. Lutz Heidlindemann in Kreuzberg, Nick Page in Neukölln oder Frank Deimel in Schöneberg gehören in dieser Stadt zu den Verteidigern der Handwerkskunst und Seelenrettern der Stromgitarre. Frank Deimels Schöneberger Eckladen wirkt wie eine Mischung aus Meister Eders Schreinerei und Gitarrenshop. Es riecht nach Holz, von den Decken hängen Gitarren, dicke Bohlen lehnen an der Wand. Deimel sagt, dass er fühlen könne, ob ein Holz gut klingt, und reibt mit dem Daumen über eine 120 Euro teure Mahagoni-Bohle. Gute Wahl, sagt sein Blick. Gitarren seien etwas Sinnliches.

Vor 16 Jahren gründete Deimel, damals Anfang dreißig, seinen Betrieb. Er hat seine eigene Gitarren-Kollektion und baut auf Bestellung. Sechs Wochen dauert es, bis eine Gitarre fertig. Zwischendurch werden Fotos von der Instrumentwerdung toten Holzes geschickt und der Kunde schließlich eingeladen, wenn erstmals Saiten aufgezogen werden. Passt alles, folgt das Finish. Erst dann. „Die Gitarre ist ein Werkzeug zum Musikmachen“, so Frank Deimel. „Nichts für die Vitrine.“ Sonst könne er auch Möbel bauen, sagt der, dessen Heroes Zappa, Beck und Hendrix heißen.

35 bis 40 Gitarren baut Deimel mittlerweile im Jahr. 2600 bis 3800 Euro kostet ein Instrument. Tocotronic, Kalle Kalina, Die Ärzte gehören zu den Kunden. Inzwischen gehen sechs von zehn Gitarren ins Ausland. Viele kommen wieder, weil wahre Gitarrenfreunde selten nur ein Instrument besitzen. „Diese Leidenschaft macht süchtig“, sagt Deimel.

Und so darf man getrost davon ausgehen, dass auch in diesem Jahr wieder der oder andere Sechssaiter unterm Lichterbaum liegen wird und drauf wartet, dass der Rockernachwuchs das Gerät in den Verstärker stöpselt, um der Tanne mit einem beherzten Power-Chord die Nadeln von den Zweigen zu blasen und hoffentlich sogleich ein für alle Mal klarzustellen: Nein, das geht nicht leiser!