Berlin - Die Kanzlerin ist besorgt. Am Sonntag saß Angela Merkel im TV-Studio von Anne Will, um ihre Corona-Politik zu erklären. Dabei watschte sie nicht nur den eigenen Parteichef ab, sie nahm auch die Wirtschaft in die Pflicht. Eine Corona-Testpflicht für Betriebe sei möglich, wenn die Wirtschaft ihrer Selbstverpflichtung nicht nachkomme, sagte Merkel. Und vor allem sollten die Firmen mehr Arbeit ins Homeoffice verlagern.

Es war ein Appell an die Verantwortung der Arbeitgeber. Manche Beobachter sagen auch: eine Drohung.

Deutschland hat noch viel Luft nach oben. 

Oliver Falck, Ifo-Forscher

Vor acht Monaten hat die Bundesregierung festgelegt, dass Beschäftigte überall dort, wo es möglich ist, von zu Hause aus arbeiten sollen. Doch noch immer pendeln zu viele Menschen in Deutschland in die Büros. Eine neue Ifo-Studie bestätigt das jetzt wieder.

Wie die Münchner Wirtschaftsforscher ermittelt haben, arbeiteten im März nur 32 Prozent der Beschäftigten ganz oder teilweise im Homeoffice. „Deutschland hat noch viel Luft nach oben. Wir schätzen das Potenzial für Homeoffice auf 56 Prozent der Beschäftigten“, sagt Ifo-Experte Oliver Falck.

Im Vergleich zur letzten Umfrage im Februar hat sich der Anteil der Heimarbeiter nur minimal um rund zwei Prozentpunkte erhöht. Und selbst diese Zahlen müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Denn es gebe, so Ifo-Forscher Falck, möglicherweise einen Rückgang bei der Nutzung des Homeoffice. Aktuelle Mobilitätsdaten von Google legten nahe, dass wieder mehr Beschäftigte zumindest teilweise im Betrieb arbeiteten. Die Arbeitsmobilität in Deutschland steige seit der zweiten Februarhälfte und liege aktuell auf dem Niveau vor dem zweiten Lockdown.

Allerdings steigt nicht nur die Arbeitsmobilität wieder. Auch die Corona-Zahlen schnellen in die Höhe. Deutschland befindet sich mitten in der dritten Viruswelle. Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 24.300 Neuinfektionen, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt inzwischen bei 134,2. Zum Vergleich: Mitte Februar lag der Wert noch bei knapp über 50, danach stieg er deutlich. Erst langsam, dann immer schneller. Experten sprechen bereits von exponentiellem Wachstum.

Führende Volkswirte rechnen mit kräftigem Aufschwung

Einen harten Lockdown – den sogenannten Holzhammer – wollte die Politik bisher unbedingt vermeiden. Das Land soll nicht komplett herunterfahren. Der Schaden wäre immens, die Wirtschaft erholt sich gerade vom letzten Corona-Einbruch. Die Industrie hat die Krise ohnehin längst hinter sich gelassen, sie profitiert vom Exportboom. Und zieht damit die gesamte Konjunktur: Führende Volkswirte rechnen in diesem Jahr mit einem Wachstum zwischen drei und vier Prozent.

Auch der Arbeitsmarkt zeigt sich robust. Im März waren 2,8 Millionen Menschen ohne Job, 80.000 weniger als im Februar. „Es gab eine spürbare Frühjahrsbelebung – und das, obwohl die Infektionen steigen und die Einschränkungen nach wie vor bestehen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele.

Ein harter Shutdown würde all die Erfolge gefährden. Um die Notbremse zu vermeiden, müssen aber die Corona-Fallzahlen sinken. Doch danach sieht es aktuell nicht aus. Intensivmediziner warnen vor einer Überlastung der Kliniken schon in wenigen Wochen, das RKI befürchtet nach den Osterfeiertagen sogar eine Inzidenz von über 300, so hoch wie noch nie.

Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass die Wirtschaft – schon aus eigenem Interesse – nicht mehr Mitarbeiter ins Homeoffice schickt. Im Januar, als die zweite Corona-Welle das Land in Atem hielt, ermittelte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, dass rund ein Viertel der Beschäftigten von zu Hause aus arbeiteten. Auch hier hielten die Experten das Potenzial für höher. Immerhin: Im Vergleich zum Dezember (17 Prozent) war es eine deutliche Steigerung.

Auch wenn die aktuellen Ifo-Zahlen inzwischen rund ein Drittel der Beschäftigten im Homeoffice verorten: Angesichts der grassierenden und hochansteckenden Virusmutante B.1.1.7 sind mehr Anstrengungen nötig, um Infektionen zu vermeiden. Und damit letztlich auch die Wirtschaft zu schützen.

In Berlin hat der Senat inzwischen reagiert. Seit dem 31. März gilt in der Hauptstadt eine – wenn auch abgeschwächte – Homeoffice-Pflicht. Bei öffentlichen und privaten Arbeitgebern darf höchstens die Hälfte der Arbeitsplätze besetzt sein, alle anderen müssen ins mobile Büro. Auch die Bundespolitik nimmt die Arbeitswelt wieder genauer in den Blick. Die Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Amira Mohamed Ali, forderte am Donnerstag in der Sendung „Frühstart“ von RTL/ntv verpflichtende Corona-Tests in Unternehmen und für die Beschäftigten ein „Recht auf Homeoffice“.

Arbeitsministerium hält an bestehenden Regeln fest 

Experten wie der Virologe Christian Drosten und der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach verweisen ohnehin schon länger darauf, dass Großraumbüros Treiber der Pandemie seien. Insofern könnte mehr Homeoffice gerade jetzt helfen, die Virusverbreitung zu verlangsamen. Doch das Bundesarbeitsministerium sieht in den jüngsten Ifo-Zahlen keinen Anlass, die bestehenden Regelungen zu verschärfen.

„Die Corona-Arbeitsschutzverordnung wirkt und hat den Anteil der Menschen, die im Homeoffice arbeiten, noch einmal gesteigert“, sagte eine Sprecherin der Berliner Zeitung. Mobiles Arbeiten „ist und bleibt ein wichtiges Element, um Kontakte zu reduzieren und die Infektionszahlen zu senken“.

Also alles gut?

Im TV-Studio von Anne Will am Sonntag klang das etwas anders. Die Kanzlerin machte aus ihrer Unzufriedenheit über die Wirtschaft keinen Hehl. Sie werde auch nicht „tatenlos noch 14 Tage zusehen“, sagte Angela Merkel. Und weiter: „Es wird dazu kommen, dass wir das Richtige tun.“

Allerdings könnte der Bund auch heute schon, ohne Zustimmung der Länder, etwa strengere Homeoffice-Pflichten beschließen. Wenn er denn will.