Berlin - Aletta von Massenbach ist seit einem Vierteljahrhundert im Flughafengeschäft tätig. Sie war Airport-Managerin im bulgarischen Varna und in Antalya in der Türkei, zuletzt hatte die Juristin einen Chefposten bei der Fraport in Frankfurt am Main. Dass Krisen die Branche erschüttern können, hat sie mehrmals erlebt. „Doch so eine Situation wie jetzt haben wir noch nicht gehabt“, sagte die neue Finanzchefin der Flughafengesellschaft FBB am Donnerstag im Beteiligungsausschuss des Abgeordnetenhauses. Und das Schlimmste sei: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“ Inzwischen geht das Staatsunternehmen in allen Prognosen von Worst-Case-Szenarien aus. 2021 werde die Zahl der Fluggäste mit 10,7 Millionen bestenfalls 30 Prozent des Stands von 2019 erreichen, so von Massenbach. Der Finanzierungsbedarf könnte sich im nächsten Jahr auf bis zu 660 Millionen Euro summieren.

Die gute Nachricht: Der Flughafen BER ist am Netz, allen früheren Unkenrufen zum Trotz, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup zu Beginn der Ausschusssitzung. Der erste Betriebsmonat sei gut verlaufen – aber auch sehr ruhig. „Im Vergleich zu November 2019 ist die Fluggastzahl unter zehn Prozent gesunken“ - genauer gesagt waren es 8,4 Prozent. Normal für den Monat wären 80.000 Passagiere pro Tag in Berlin.

Nachdem während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr fast niemand geflogen war, hatten sich die Passagierzahlen im Sommer etwas erholt. „Wir verzeichneten rund 30 Prozent des normalen Verkehrs“, so der Flughafenchef. Dann wurde der zweite Lockdown angekündigt, seitdem sind die Nutzerzahlen wieder im Sinkflug. In Berlin wurden in diesem Jahr bislang nur 8,85 Millionen Fluggäste gezählt. „Der Dezember wird schwach bleiben“, sagte Lütke Daldrup voraus. Er erwartet, dass sich das Jahresaufkommen auf 9,1 Millionen summiere. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gab es in Berlin 35,7 Millionen Passagiere, für dieses Jahr wurden sogar 37 Millionen erwartet. Das kann man nun vergessen – und ein Ende des Sinkflugs ist nicht in Sicht.

Alle Flughäfen in Europa schreiben rote Zahlen

„Am Anfang der Pandemie war die Branche viel optimistischer“, sagte Finanz-Geschäftsführerin von Massenbach. Heute sei von Zuversicht nichts mehr zu spüren. „Mit jedem Land, das auf der Corona-Karte des Robert-Koch-Instituts rot erscheint, gehen die Buchungen zurück.“ In ganz Europa gebe es keine Flughafengesellschaft mehr, die ihre Infrastruktur aus eigenen Einnahmen finanzieren kann.

„Die Unsicherheit über die weitere Dynamik ist groß“, so die Finanzchefin. Für Vorhersagen ließen sich nur „grobe Bandbreiten“ angeben. Hinzu kommt, dass auch die Effekte globaler Trends ungewiss sind. Wie sich die Diskussion über die Erderhitzung, „Flugscham“ oder die teilweise Ersetzung des Geschäftsreiseverkehrs auswirken werden – wer weiß?

„Während dieser Situation sind wir wie alle anderen Flughäfen auf Staatshilfe angewiesen“, sagte Massenbach. Für dieses Jahr haben Berlin, Brandenburg und der Bund, denen die Flughafengesellschaft gehört, einen Zuschuss und Darlehen von insgesamt bis zu 300 Millionen Euro angekündigt. Für das kommende Jahr beziffert das Unternehmen den Darlehensbedarf auf bis zu 552 Millionen Euro. „Für 2021 steht zudem das bereits vereinbarte Gesellschafterdarlehen über 108 Millionen Euro zur Verfügung“, heißt es in der Präsentation, die den Ausschussmitgliedern gezeigt wurde. „Zusammen mit dem oben genannten Darlehen wird der Finanzierungsbedarf von bis zu 660 Millionen Euro in 2021 gedeckt.“ 

FDP fordert Teilprivatisierung - Finanzsenator lehnt ab 

Soll die Flughafengesellschaft zum Teil privatisiert werden? Im Beteiligungsausschuss sprach sich FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja dafür aus. „Wir brauchen Alternativmodelle, damit der Staat nicht alles tragen muss.“

Am Donnerstag möchte die FDP-Fraktion einen Antrag ins Abgeordnetenhaus einbringen, der eine solche Öffnung erreichen soll. Der Titel lautet: „Die Zukunft des Flughafen BER auf breite, leistungsfähige Schultern stellen!“ In Zukunft soll sich die Flughafengesellschaft mehrheitlich im Besitz der Bundesländer und/oder dem Bund befinden, allerdings weitere Anteilseigner bekommen: eine noch zu gründende Mitarbeiterstiftung wie in Wien sowie ein oder mehrere private Unternehmen, die Erfahrungen im Bau und Betrieb von Flughäfen haben, heißt es in dem Antrag. „In Deutschland und im europäischen Ausland finden sich viele positive Beispiele wie Erweiterungsmaßnahmen bestehender Flughäfen erfolgreich mit privaten Anteilseignern umgesetzt wurden“, sagte die FDP-Haushaltspolitikerin Sybille Meister. Sie nannte Frankfurt am Main, Madrid/Barcelona, London, Wien und Düsseldorf.

Doch der Senat bleibt bei seinem Nein zu einer Teilprivatisierung der Flughafengesellschaft. Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) sagte im Beteiligungsausschuss, die Debatte suggeriere, dass eine solche Veränderung in der jetzigen Krise helfen könne. „Doch der Bund dürfte seinen Anteil frühestens in zwei Jahren verkaufen“, erklärte der Senator. Auch aus strategischen Gründen stelle sich das Thema nicht. „Schlüsselinfrastruktur gehört in die öffentliche Hand. Berlin wird seinen Anteil nicht verkaufen“, so Kollatz. „Langfristig ist der BER eine große Chance für die Region“ – am Erfolg müsse auch das Land beteiligt werden.

Flughafen Schönefeld wird geschlossen – zunächst für ein Jahr

Wie geht es nun weiter? Das waren Abgeordnetenfragen, die den Flughafenchef sichtlich ansäuerten. „Ich habe keine Glaskugel“, schnappte Lütke Daldrup. Zwar würden Privatreisen wieder zunehmen, sobald Reisebeschränkungen entfallen. Doch ob sich der Geschäftsreiseverkehr vollständig erholen werde, sei völlig unklar.

Einstweilen müsse die FBB sparen, allein in diesem Jahr rund 70 Millionen Euro. Die Südbahn werde an diesem Freitag um Mitternacht eingemottet – zunächst für zwei Monate. „Das spart 55 Vollzeitstellen ein, unter anderem bei der Feuerwehr“, so der FBB-Chef.

Die Planungen für ein weiteres großes Terminal namens T3 seien vorerst beendet. Ob T2 wie erwogen im Frühjahr 2021 öffnet, werde im Januar entschieden. Klar sei, dass das Terminal T5, der frühere Flughafen Schönefeld, zunächst für ein Jahr schließt – spätestens Ende März 2021. Intern ist auch von früheren Terminen die Rede. „Ende des kommenden Jahres werden wir diskutieren, wie es dort weitergeht.“ Lütke Daldrup: „Wir fliegen auf Sicht“ – wie alle in der Branche.