Berlin - Viel Ergiebiges hatten die Gorillas-Angestellten vom Besuch von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nicht erwartet, als sie den SPD-Politiker Dienstagnachmittag am Lausitzer Platz in Kreuzberg treffen. Der Minister steht vor einem Basketballkäfig, den ein Transparent mit der ironischen Aufschrift „Norillas“ ziert. Er ist umringt von Kameras, Mikrofonen und Schreibblöcken. Nur wenige Beschäftigte können sich zu ihm vorarbeiten. Zuvor hatte er sich in geschlossener Runde mit zwei Vertretenden der Geschäftsführung unterhalten.

Am Rande des Trubels, kurz bevor der Minister eintrifft, sagt ein Rider, also einer der Fahrer: „Ich hoffe einfach, dass er uns auch reden lässt“. Dass Heil einen politischen Auftrag hat, sei ihm klar. Was er sich von dem Treffen verspricht? Ob sich dadurch etwas ändert? „Ich bin skeptisch“, sagt der Rider. Diejenigen Beschäftigten, die es durch die Menge der Presseleute in die Nähe des hohen Besuchs schaffen, fragt Heil zuallererst: „Woher kommt ihr?“ Dann lässt er sich von den Bedingungen berichten, die die Beschäftigten seit Monaten öffentlich beklagen.

Und so erfährt der Arbeitsminister erneut von den bekannten Problemen um Arbeitsmittel, Probezeit, Befristung und Kündigungen. Die Mitarbeiter thematisieren Sexismus im Arbeitsalltag, die nur schleppende Einführung von Corona-Schnelltests durch das Unternehmen sowie mangelhaften Brandschutz in den Warenlagern.

Kiziltepe: Die Organisierung muss von unten kommen

Mit dem Auftritt Heils ist klar: Der Protest der Gorillas-Beschäftigten hat die Bundespolitik erreicht. Das ist auch ein Erfolg der Streikenden. Sie ziehen weiter Aufmerksamkeit auf sich und verleihen ihren Forderungen Nachdruck. Nicht alle Tage lässt sich ein Bundesminister vor Ort blicken, um seine Solidarität auszudrücken. Doch in rund zwei Monaten steht die Bundestagswahl an. Und die SPD, die in Umfragen kaum mehr als 16 Prozent erreicht, will sich als Schutzmacht der Schwachen und Entrechteten positionieren – da kommen die protestierenden Gorillas-Mitarbeiter gerade recht.

Es ist ein Wahlkampfauftritt. Aber nicht nur. Die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe aus Friedrichshain-Kreuzberg unterstützt den Protest für bessere Arbeitsbedingungen schon seit Wochen. Die SPD-Politikerin hat ihren Parteifreund Heil nach Kreuzberg eingeladen. Der Berliner Zeitung sagt sie: „Es ist sehr wichtig, dass die Beschäftigten sich organisieren. Weder die Politik noch die Gewerkschaften können eine Betriebsratswahl erzwingen. Das muss von unten, aus der Belegschaft heraus, kommen.“

Gorillas sagt, man unterstütze einen Betriebsrat

Es zählt zu den Rechten der Beschäftigten in Deutschland, einen Betriebsrat wählen zu dürfen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis gibt es allerdings immer wieder Versuche von Unternehmen, genau das zu verhindern. Auch bei Gorillas war das Thema Betriebsrat einer der Gründe für die Eskalation. Die Beschäftigten hatten Anfang Juni zunächst einen Wahlvorstand gewählt. Diese Hürde sieht das Gesetz vor. Doch das Management wollte die Wahl gerichtlich überprüfen lassen. Es hatten, so die offizielle Begründung, nicht alle Mitarbeiter gleichberechtigt Zugang zur Abstimmung. War das schon der Versuch, Arbeitnehmerrechte bewusst zu unterlaufen?

Inzwischen hat Gorillas rhetorisch eingelenkt. Ende letzter Woche ließ sich Gründer und CEO Kagan Sümer in einer Mitteilung an die Presse mit den Worten zitieren: „Die Wahl eines Betriebsrats zu unterstützen und zu erleichtern, ist nicht nur unsere Pflicht, es ist auch unsere Überzeugung.“ Man freue sich darauf, durch den Betriebsrat die Perspektiven der Rider „noch stärker in unsere unternehmerischen Entscheidungen mit einfließen zu lassen“.

Es ist nicht klar, wie viel Überzeugung und wie viel Kalkül hinter diesen Aussagen steckt. Allerdings registriert auch die SPD-Abgeordnete Kiziltepe eine neue Offenheit. „Die Korrespondenz mit Gorillas ist bislang gut, sie suchen das Gespräch und bemühen sich um Lösungen“, sagt sie. Weitergehende Forderungen wie kürzere Probezeiten und längerfristige Arbeitsverträge müssten aber noch diskutiert werden.

Arbeitsrechte müssen geprüft werden

Ob der Protest der Beschäftigten schnell abebbt, darf insofern bezweifelt werden. Denn auch die Wahl eines Betriebsrates löst nicht alle Probleme. Noch immer ist von verspäteten Gehaltszahlungen die Rede, zu schweren Rucksäcken – und einem Geschäftsmodell, das per se problematisch ist. Lieferdienste wie Gorillas, aber auch der ärgste Konkurrent Flink, versprechen eine Lieferung innerhalb von zehn Minuten.

Der Berliner Start-up-Experte Sven Ripsas von der Hochschule für Wirtschaft und Recht sieht darin keinen Mehrwert. „Es ist mir nicht ersichtlich, warum ein normaler Einkauf innerhalb von zehn Minuten beim Kunden sein muss“, sagt er der Berliner Zeitung. Ein intelligentes Geschäftsmodell sei ökologisch und verbessere das Leben. „Bei Gorillas ist das noch offen“, findet der Professor für Entrepreneurship.

Am Lausitzer Platz wird der Arbeitsminister nach konkreten Schritten für die Beschäftigten gefragt. Heil sagt, dass er die Vorwürfe untersuchen und die Proteste weiterverfolgen werde. Der SPD-Politiker ermutigte die Beschäftigten, die Betriebsratsgründung durchzusetzen. Sollte das Unternehmen sich querstellen, auch mit Hilfe der Staatsanwaltschaft. „Ich kann mich nicht unmittelbar in Arbeitskämpfe einschalten, aber ich kann mich informieren“, sagt Heil.

Er werde zudem prüfen, ob es Bedarf gebe, „neues Recht und Gesetz zu erarbeiten“. Damit spielt er auf seinen Gesetzesentwurf an, die sachgrundlose Befristung „zurückzudrängen“. In dieser Legislaturperiode wurde daraus trotz Koalitionsvereinbarung nichts. Die skeptischen Beschäftigten ziehen auch nach der Veranstaltung eine eher nüchterne Bilanz. Sie hätten kaum etwas gehört. Zu viele Journalisten. Die, um die es eigentlich gehen sollte, standen am Rand. Mal wieder.